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Tim Renner
Tim Renner: Das Revival des General Ludd
Nicht die Maschinen waren das Problem der industriellen Revolution, sondern die Tatsache, dass der von ihnen geschaffene Mehrwert nicht umverteilt wurde. Die Luddisten, waren Populisten, die den Dingen nicht auf den Grund gingen. Die Maschinenstürmer wurden deshalb auch nie von den Sozialisten und Kommunisten als frühe Revolutionäre gefeiert, sondern gingen als eine Art Hooligan Bewegung in die Geschichte ein. Sie landeten entweder zwangsverschifft in Australien oder verloren wie Ned Ludd ihren Kopf.
Lediglich in der Popkultur, immer auch offen für einfache, emotionale Lösungen, hielt man ihnen die Treue: die zu recht vergessenen Chumbawamba sangen von „General Ludd’s Triumph“ und die engagierten, aber nicht wirklich tiefgründigen New Modell Army texteten in „White Coast“: „Toast to the Luddite martyrs then / who died in vain" und im Internet platzierten ab Ende der Neunziger Firmen im Auftrag der Majors korrupte Soundfiles in Tauschbörsen um diese kaputt zu machen.
Das Problem ist jedoch das gleiche wie vor hunderten von Jahren: Man kann so viele Maschinen zerstören oder sabotieren wie man will, wenn diese im Sinne von Produktion oder Konsumption Sinn machen, kommen immer wieder neue. Selbst im Recht sein und Recht bekommen hilft da nicht weiter: Richterin Marylin Patel hat auf Basis von Gesetz und Ordnung Napster vor neun Jahren den Hahn abgedreht und damit nur den Boom neuer, nicht mehr servergestützter Peer to Peer Plattformen eingeläutet. Die GEMA hat zu Recht die Verhandlungen abgebrochen, wenn YouTube ihnen keine Einzeldaten zu Videoclips zu liefern bereit ist, aber damit nur den Traffic für Videostreams auf Anbieter umgeleitet, die die Urheber gar nicht erst zu vergüten versuchen.

Genauso wie der selbsternannte General Ludd als Maschinenstürmer zu kurz gesprungen ist, wird in Sachen Urheber- und Leistungsschutzrecht meist nicht der Ursache des Problems auf den Grund gegangen. Die Idee von Arbeit im ausgehenden Achtzehnten Jahrhundert sah die Ballung von Produktionsmitteln in den Händen weniger nicht vor (und führte deshalb erstmal zur Verarmung vieler), das Copyright wiederum ist nicht für ein digitales Zeitalter und eine gigantische Kopiermaschine wie das Internet erdacht worden. Wer Gerechtigkeit will, braucht, wie zu Ludds Zeiten, nicht weniger Maschinen, sondern eine Diskussion über die Verantwortung der Besitzer und der Verteilung des Mehrwerts.
Es hilft deshalb nicht, immer wieder neue Verbote zu verlangen, die in Wirklichkeit nur zu neuen Umgehungen selbiger führen würden, sondern es muss Aufgabe von Politik und Internet Service Providern sein, zusammen mit den Rechteinhabern Modelle zu entwickeln, die einerseits zur Vergütung der kreativen Leistung und andererseits zur Steigerung des Nutzwerts für den User führen.
Im Klartext: Wer die Maschinen nicht stürmen und die Inhalte nicht beschädigen will, braucht legale Angebote die mindestens so gut wie Bittorent sind und muss sich auch der Diskussion über eine Kulturflatrate stellen. Natürlich ist verbieten und zerstören einfacher, aber eben nicht nachhaltiger wie uns Ned Ludd bewiesen hat.
Respekt, eine verdammt gute Analyse/Ergänzung! Frohe Ostern wünscht Tim
Cooler Artikel, interessante Parallele. Lehnt man neu aufkommende Technologien ab, so sorgt man dafür, dass sie letztlich in den Händen weniger bleiben, also sozusagen bleiben die „Produktionsmittel“ bei denen, die ohnehin schon profitieren. Versucht man aber die Technik zu nutzen und das Spannende und Neue in ihr zu finden, dann hat man die Möglichkeit zu partizipieren und selbst einen Stück vom Kuchen abzubekommen. Nicht die Technik selbst ist das Problem, sondern dass sie monopolisiert wird. Im Zeitalter des Frühkapitalismus war es nahezu unmöglich für den Arbeiter, eine andere Möglichkeit zu finden, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als sie dem Profiteur zu „verkaufen“. In der heutigen Medien- und Musikwelt ist das anders, zwar werden es kleine Künstler immer schwer haben an die Investitionsbudgets der Labels zu kommen, aber sie haben zumindest heute die Chance, sofern sie gute Inhalte produzieren, diese zu verbreiten. Die Großen (Majors) müssen sich ändern, müssen sich an den partizipativen Markt anpassen, sonst werden sie vollständig untergehen (und es spricht vieles dafür, dass sie unflexibel bleiben). Ludd war im übrigen nicht sozialrevolutionär, sondern reaktionär. Man kann den Drang der Menschen nach Einfachheit und Bequemlichkeit nicht einfach unterbinden. Deshalb werden sich neue Maschinen, Technologien durchsetzen. Deshalb wird sich auch das digitale Angebot langfristig gegenüber dem klassischen Tonträger als Musikkonsuminstrument durchsetzen. Und wenn die Majors nicht in der Lage sind, GUTE! Download- und Stream-Angebote zu machen, dann kommen neue Player auf den Plan. Es bleibt in Bewegung...
Du meinst wahrscheinlich das so genannte Olivienne Model von Frankreichs Kultusministerin Albanel. Diese sieht vor dass Nutzer vom ISP abgemahnt werden müssen, wenn sie größere Mengen Daten verschieben (und sich deshalb des Filesharing verdächtig machen). Nach 3 Abmahnungen muss der ISP den Zugang sperren.
Einerseits ist das aber noch nicht Gesetz sondern ein Entwurf den selbst Sarkozys Parteigänger nicht alle für Verfassungskonform halten (und den laut Meinung der Fachleute spätestens der Europäische Gerichtshof kassiert), andererseits berücksichtigt das weder dynamische IP Adresen noch Anbindung an ausländische Anbieter...
Ein typischer Ludd Fall...
Was in Frankreich derzeit durchgesetzt wurde, ist wohl radikal. Ganz schlimmen T.Börsen-Nutzern droht eine Internetsperrung für eine Weile.
So schlecht finde ich das gar nicht, bei uns hier wird das so wohl nicht passieren.
Wo ist der verdammte Stolz ?

Es ist wie sie es schon in Ihrem Buch schreiben:
Um den PIrat zu schlagen muss man besser als der Pirat selbst sein!
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