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The tragic mastery of Britney S. und ihrer Branche
Ich befand mich derweil im Berlinale Palast auf dem ersten Rang rechts, Reihe Acht. Neben mir der Journalist Christian Seidel, der nach Petra fragte ("Echo? Ach den gibt es ja auch noch..."), auf der Bühne und später auf der Leinwand Scarlett Johansson und Natalie Portman. Beide haben Sex mit Eric Bana (im Film Heinrich der Achte) und eine muss deshalb später sterben. Das tut der Stimmung im Saal aber keinen Abbruch.
Nach 120 Minuten mit großen Bildern, bunten Kostümen und allerhand Blut gehen alle erwartungsfroh in den Bärensaal zur Party. Alle? Alle bis auf einen. Ich steige auf mein Fahrrad und fahre bei Minusgraden von Berlin Mitte ins Westend zu den Messehallen. Das ist so weit, wie es klingt. Während mir die Nase fast abfriert stelle ich mir vor, wie Scarlett Johansson jetzt tanzt. Ob man in Stalingrad bei klirrender Kälte ähnliche Gedanken hatte?
Als erstes treffe ich auf Dieter-Thomas Heck, der ist gut gelaunt, hat ja schließlich auch einen Sonder-Echo für die Verdienste um den Deutschen Schlager bekommen. Schlager das war früher das, was die Soaps heute im Privatfernsehen sind. Der Rest verdreht die Augen, wenn ich frage was ich verpasst habe. Petra trinkt und raucht mit Anette bei Universal. Das darf man eigentlich nicht (Rauchverbot), aber für Anette gilt heute wohl zu Recht eine Ausnahme. Ihr Auftritt mit Ich und Ich war wohl eines der Highlights für die Musik-Interessierten an diesem Abend. Weshalb sie keinen Echo gewonnen hat, erschließt sich keinem der Anwesenden. Weder rechnerisch und erst Recht nicht inhaltlich.
Die Presse redet am nächsten Tag nicht über Musik. Da das meiste wohl langweilig war, sind zwei Kommödianten Mittelpunkt der Berichterstattung:
Mittermaier und Pocher, beide nicht wirklich Musiker und Sänger, beide nicht Vertreter der sich feiernden Musikbranche, räumten ab. Letzterer indem er Britneys letzten, tragischen Auftritt bei den MTV Video Music Awards nachmacht. Wer's verpasst hat, hat nichts verpasst:
Die Branche, so konnte man am nächsten Tag lesen, bog sich vor Lachen als sie in Pochers zynischer Inszenierung gezeigt bekam, was aus ihrem ehemaligen Superstar geworden ist. Sie fragte sich nicht, wie Plattenfirma und Management diese öffentliche Vorführung einer sichtbar kranken und verwirrten Sängerin zulassen konnte und wo ihre neuen Superstars heute Abend sind. Andere, scheinbar irrelevante Fragen: Ist Britney noch in der Psychatrie, hat man sie entmündigen lassen, auf welchen Selbstmord soll man wetten? Die Antwort ist Lachen mit Herrn Pocher, der sein Geld primär mit TV Sendungen verdient.
Meine Mutter hat mir mal beigebracht, dass man niemals auf Menschen treten darf, die am Boden liegen. Deshalb sag ich auch nichts mehr über den Abend außer, dass ich ganz glücklich mit dem ersten Rang rechts Reihe Acht war und Scarlett Johansson in natura echt viel besser aussieht als Natalie Portman.
Euer Tim
Also. Von einem, der auch weit vorne saß und nicht zur dunklen Plattenfirmenseite gehört, wurde mir zugetragen, dass das der schlimmste Abend seines Lebens war. Gruselige Plattenmenschen verhalten sich gruselig zu gruseligen Moderatoren und gruseligen Musikern. Um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass zudem die Preise zum Großteil (neben den Verkaufszahlen oder Charts) per Mauschelei vergeben werden, braucht man wohl auch kein Hellseher sein. Und wieso wird Preis Alternative National nicht gezeigt? Kann es damit zusammenhängen, dass die Ärzte gewonnen haben und den Echo boykottieren?
Wieso keine Stars kommen? Man muss solche (an sich ohenhin vollkommen wertlosen und ätzenden) Veranstaltungen doch nur mal vergleichen. Brits und Grammys und weiß-der-Fuchs-was-noch in speziell GB und USA bieten wenigstens farbenfrohes Entertainment. Wer drauf steht, schon klar, aber hierzlande werden die Kastelruther Spatzen und DJ Ötzi gereicht. Hallo? Der Star, der sich mit derlei Zombies sehen lassen will, muss erst noch geboren werden. Provinziell bis zum Anschlag = keine Stars. Und womit, mit Recht. Ich kenn mich mit diesen Preisen nicht sooo irre aus, aber mir scheint der Mercury Prize der einzige (oder noch ein anderer von Indie-Musikern in USA vergebener??) zu sein, bei dem es um Musik geht.
Tim, ich wäre bei Portman geblieben (die kann doch gar nicht schlechter aussehen als Johansson).
>> andere Höhepunkte zu setzen als die öffentliche Zerfleischung ihrer wehrlosesten Opfer, oder?
Zweifellos.
Der Veranstalter ist am Ende des Tages die Musikindustrie selbst und als solche muß ihr doch gelingen, andere Höhepunkte zu setzen als die öffentliche Zerfleischung ihrer wehrlosesten Opfer, oder? Ich meine für die Berlinale war 24 Stunden vorher noch Madonna in der Stadt, und die kann man nicht bewegen eine Nacht länger zu bleiben um wenigstens ihren Preis abzuholen? Geht es nicht um Glamour? Wieso bekommt man das bei den Brits und Grammys hin? da treten die Bands und Interpreten sogar in den ungewöhnlichsten Konstellationen zusammen auf. Einen Komödianten habe ich auf diesen Veranstaltungen bestenfalls mal als Laudator gesehen. Aber eine Showeinlage hatten die dort meines Wissens nie...
>> Die Branche, so konnte man am nächsten Tag lesen, bog sich vor Lachen...
Hi Tim, das kann ich so nur bedingt bestätigen. Ich glaube, es ging vielen im Publikum ähnlich wie mir: So recht konnte man nicht glauben, was man da zu sehen bekam. Ich habe auch gelacht, aber wohl eher aufgrund meiner Fassungslosigkeit, dass da vorne wirklich stattfand, was da stattfand.
Es ist ohne Zweifel nicht neu und auch nicht unbedingt falsch, dass die Comedians beim Echo eine ordentliche Packung austeilen - aber diesmal habe ich bei Mittermaier, Panzer und insbesondere Pocher gedacht: Leute, ihr geht echt zu weit - und hey, wer hat das bestellt?
Auch später habe ich ungewöhnlich viele kritische Stimmen gehört.
Aber mag durchaus sein - vielleicht schmerzt das alles noch nicht genug.
>> Die Branche, so konnte man am nächsten Tag lesen, bog sich vor Lachen...
Hi Tim, das kann ich so nur bedingt bestätigen. Ich glaube, es ging vielen im Publikum ähnlich wie mir: So recht konnte man nicht glauben, was man da zu sehen bekam. Ich habe auch gelacht, aber wohl eher aufgrund meiner Fassungslosigkeit, dass da vorne wirklich stattfand, was da stattfand.
Es ist ohne Zweifel nicht neu und auch nicht unbedingt falsch, dass die Comedians beim Echo eine ordentliche Packung austeilen - aber diesmal habe ich bei Mittermaier, Panzer und insbesondere Pocher gedacht: Leute, ihr geht echt zu weit - und hey, wer hat das bestellt?
Auch später habe ich ungewöhnlich viele kritische Stimmen gehört.
Aber mag durchaus sein - vielleicht schmerzt das alles noch nicht genug.
Habs bereits bei Wikipedia geändert. Das war nicht die einzige Sache die dort falsch stand. Auch der Nachwuchspreis wird, nicht wie dort stand durch eine Jury, sondern über die Chartsauswertung vergeben. Nachwuchs über Charts und nicht über geschmack zu ermitteln ist zwar widersinnig, aber offensichtlich gewollt. brits und Grammys vergeben aus gutem Grunde alle Kategorien via Jury, denn damit schaut man nach vorne, bewertet ein emotionales gut wie Musik emotional und hält die Sache nicht nur über ein paar kleine Regeladjustierungen pro Jahr spannend. Den Mut hat in Deutschland bislang leider keiner.
Hallo Tim,
vielen Dank für die Erklärung. Habe da noch nie so richtig durchgeblickt. Vielleicht kannst du ja auch den Eintrag unter Wikipedia ändern, da steht das nämlich mit den Verkaufszahlen.
Aber heißt das letztlich nicht, dass es doch immer spannend wird, wer gewinnt? Weiß ja kaum einer, wie die Ergebnisse schön gerechnet wurden! ;-)
Stimmt, da hab ich wohl doch was verpasst :-) Aber waren es früher nicht die Männer die vom Feinsten die Frauen geschwängert haben? Der Echo wird nicht - wie man gerne vorgibt- anhand von Verkaufszahlen vergeben, sondern aufgrund von Chartpositionen. Das ist mitnichten das selbe. Charts bilden Verkaufsgeschwindigkeit, nicht aber Menge ab. Da die Charts aber veröffentlicht werden, braucht man weder Mentalist sein, noch wie die BILD die Liste auf der Strasse finden, um vorher zu wissen wer gewinnt. Machmal wird dann aber eigenartig gerechnet (siehe Ich+Ich - die hatten mit ihrem Album einen eindeutig nachhaltigeren Chartverlauf als Grönemeyer...) was sich nur über hoch gewichtuingen gewisser Wochen oder Positionen erklären läßt.
Was heißt "rechnerisch" im Zusammenhang mit Ich+Ich?
Wenn sie in einer Kategorie "nominiert" waren, in denen derjenige mit den höchsten Verkaufszahlen gewinnt, stand doch vorher fest, wer es ist.
Der größte Komiker war aber doch Mark Medlock, als er seinen Dank an Bohlen formulierte: "Sei froh, dass ich keine Frau bin. Ich hätte dich geschwängert vom Feinsten, Baby!"

Maaaaaan, was ist nur mit Deutschland los....
Unsere Gesellschaft ist in dieser Hinsicht einfach zu schwergängig und möchte sich nicht verändern.
Schade irgendwie.
Wir haben doch gute Musiker und Bands am Start.
Ich glaub´ ich wandere für eine Zeit lang aus.
Und Britney wird nach dieser Sache doch sowieso zu dem, was sie ist...
Der Superstar nach Madonna.
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