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Tim Renner
Tim Renner: Die Piraten sind ein Produkt der Musikindustrie

Um die Baustellen von Atommeiler wie Kalkar und Brockdorf oder die Wiederaufarbeitungsanlage von Wackersdorf wurde vor einem Vierteljahrhundert regelrecht ein Bürgerkrieg geführt. Hubschrauber flogen einen halben Meter über die Köpfe der Demonstranten, die später im Nebel von Rauchgranaten und Tränengas verschwanden, bevor Hundertschaften von Polizisten Gummiknüppel schwingend auf sie los marschierten. Es waren albtraumhafte Bilder einer staatlichen Überreaktion, gegen die auch die übelsten Polizeiaktionen rund um Stuttgart 21 wie ein echter Kindergeburtstag wirkten.
Die Atomlobby hatte Regierung und Opposition in den 70er Jahren fest im Griff. Egal ob CDU oder SPD – dass eine Zukunft nur mit dieser unbeherrschbaren, neuen Atomenergie möglich sei, war parteiübergreifender Common Sense. Über Alternativen wurde gar nicht nachgedacht. Keine Frage, dass Sonne und Wind nicht den Atomstrom ersetzen könnten. Wer dagegen war, wurde mit "Ohne Atom kommt der Strom aus der Steckdose?" mundtot gemacht. Autoaufkleber zeigten die Atomstromgegner als Steinzeitmenschen.
Mittlerweile ist die deutliche Mehrheit für den Atomausstieg. Wir leben dennoch nicht in Höhlen, sondern im Netz. Egal ob soziale Beziehungen auf Facebook gepflegt oder Flug-Tickets online gebucht werden müssen – ohne Internet ist man von großen Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Wer sich gegen eine Kontrolle oder Behinderung in diesem Raum ausspricht, wird als potentieller Pädophilist mundtot gemacht. Das ist pervers, hatte aber fast eine Zweidrittelmehrheit zur Konsequenz, als es im Bundestag um Netzsperren ging.

Damals ganz vorn mit dabei, als es um die Internet-Zensur ging: Ursula von der Leyen (CDU) - Foto: Romeo Deischl
In Frankreich langt man noch härter zu. Herr Olivenne, der Aufsichtsrat des größten Plattenhändlers FNAC, erdachte sich die „Three Strikes Out“ Regel. Indie-Lobbyist Patrick Zelnik setze sie in seiner Funktion als Berater für „Creation et Internet“ des Präsidenten Sarkozy durch. In Frankreich wird der Internet-Zugang nach dreimaligem Filesharing gekappt. Nebenbei ist Zelnik auch der Labelchef von Carla Bruni, der Frau, die von Sarkozy gerade ein Kind erwartet.
In Schweden war zuvor schon die Trennung der Gewalten im Lobbykampf ums Urheberrecht ins Wanken geraten. Der Richter, der die Betreiber von Pirate Bay zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verknackte, entpuppte sich selbst als Mitglied in einer Urheberrechtsgesellschaft und Berater von Copyright-Produzenten. Das Verfahren wurde angefochten und Schweden das erste Land, in dem aus Piraten Parlamentarier wurden.

Am 1. Januar 2006 gegründet – die schwedische Piratenpartei.
Das Prinzip scheint immer dasselbe zu sein: Sobald eine neue aber breite Bewegung mit den Interessen von Lobbygruppen in den Konflikt gerät, verlieren diese in ihrer Existenzangst das Gefühl für die Verhältnismäßigkeit. In diesen Strudel der Angst lässt sich ein politisches Establishment mitreißen, bei welchem die Werte und Motivation der Erneuerung noch gar nicht angekommen sind. Sie sind offen für die mahnenden Worte der Lobbyisten, aber weit weg von den Forderungen der jeweiligen Avantgarde. Egal ob gesellschaftliche Mitsprache von den 68ern oder Datenfreiheit und Transparenz von der digitalen Gesellschaft eingefordert wird, die Reaktion ist am Ende immer die gleiche: Erst Unverständnis, dann Staatsgewalt. Das war schon bei der Französischen Revolution nicht anders. Wie sagte angeblich Marie Antoinette bevor die Truppen gegen das Egalité fordernde Volk marschierten: „Sollen sie doch Kuchen essen, wenn es kein Brot gibt.“ Das eigentliche Problem wurde auch damals schlichtweg nicht verstanden.
Die meist inhomogenen Gruppen von Freigeistern, die lediglich ein vager Gedanke verbindet, werden durch diesen Außendruck geeint. Aus purer Panik und letztlich gegen die eigenen Interessen schafft die Lobby der Bewahrer somit ihr Monster selbst. Egal ob Gabelle (Salzsteuer) zum Erhalt des Wohlstands von Adel und Klerus im Ancien Régime, gnadenlose Durchsetzung der Atompolitik zu Gunsten von Siemens, ABB und Co, Internetsperren, Hadopi (Three-Strikes-Out) oder Pirate Bay-Urteile im Sinne der Contentwirtschaft – die Folgen sind immer die gleichen: Das politische System wird im Anschluss nachhaltig erschüttert.
Genau wie die Anti-Atomproteste zu der Gründung der Grünen und deren ersten Einzug in ein Landesparlament in Berlin 1981 führten, verhält es sich mit dem Widerstand gegen mögliche Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren und dem daraus resultierenden Erfolg der Piraten 30 Jahre später. Genau wie die Grünen am Anfang als reine Ökoträumer missverstanden und unterschätzt wurden, sind die Piraten kein versprengtes Trüppchen von unbeirrbaren Filesharern. Beide stehen hingegen stellvertretend für gesellschaftliche Veränderungen, die sich bereits in den 60er, respektive 90er Jahren vollzogen, politisch bislang aber nicht reflektiert haben.
Die Piraten haben in Berlin eine Zustimmung von über 7% in der Altersgruppe der 45- bis 59-jährigen. Es fällt schwer zu glauben, dass diese lediglich der Wunsch nach kostenloser Musik zu den Wahlurnen getrieben hat. Wahrscheinlicher ist, dass sie eine digitale Gesellschaft im Sinn haben, die sich nicht über sozialversicherungspflichtige Festanstellungen, klassische Schulbildung aber durch Informationszugang für alle definiert. Eine Gesellschaft wie sie vielerorts in Berlin bereits gelebt wird und die als Kreativwirtschaft der größte Wachstumsmotor der Stadt ist.
Pressekonferenz Piratenpartei Berlin 19.9.2011
Es ist wichtig, dass es gelingt diese Erneuerung auch in den Volksparteien zu forcieren. Eine digitale Gesellschaft muss mit digitalem Verständnis regiert werden. In Berlin wäre zwingend notwendig, dass im Rahmen der Koalitionsverhandlungen inhaltliche und personelle Signale in diese Richtung gesetzt werden. Ob das gelingen kann, so lange Lobbyisten auf den Fluren der Parlamente lauern, ist fraglich. Die Anliegen der Grünen erhielten eine überparteiliche Wahrnehmung erstmals nach der Katastrophe: Tschernobyl. Im Sinne der Gesellschaft und der Musik- und anderer Content-Industrien sollten wir diesmal nicht auf einen GAU dieser Größenordnung warten.
Tim Renner
Naja, den GAU hatten wir ja jetzt mit dem klassisch verpfuschten Bundestrojaner.
Und ausserdem möchte ich noch hinzufügen, dass die Piratenwähler mE keine "ich will das Internet aus der Steckdose und das BVG-Ticket"-Protestwähler. So einfach sind ehemalige CDU- und nicht-Wähler in dieser großen Menge geistig nicht strukturiert.
ich auch.
Die Analyse trifft wenn überhaupt, dann nur auf den aktiven Kern der Piraten zu. Laut den Umfragen der Meinungsforscher sind die Piraten eindeutig eine Protestpartei. Sie werden entweder die mediale Aufmerksamkeit nutzen und bis zur nächsten Wahl ein Programm erstellen müssen, das über kostenlose BVG-Tickets etc. hinausgeht oder es ergeht Ihnen wie z.B. der Schillpartei, die auch kurzfritig mit einem Spezialthema (Innere Sicherheit) punkten konnte und dann wieder verschwunden ist.
Der Erfolg der Piraten zeigt außerdem die Weltentfremdung des Stadtbürgers. Der glaubt tatsächlich, daß Erdbeeren zu Weihnachten im Supermarkt wachsen und Pizza aus dem Internet kommt. Gefährlich ist, daß die Piraten ebenso wie die Rechten oder seinerzeit die Grünen eine internationale Bewegung darstellen und wer weiß, was der Unterhalt einer Partei kostet, der weiß auch, daß da handfeste Industrie dahinterstehen MUSS. Insofern: als Alternative nicht wählbar. Oder ist seit dem Wahlerfolg der Grünen irgendwas besser geworden?
Off Topic: Wann gibt es den zweiten Teil zum Thema "Die Wahrheit über Motor FM"? Ich warte und warte und warte...
Sehr schöner Beitrag!
Zu der mehrfachen Frage, was denn der GAU sein soll, der den Piraten noch mehr Auftrieb verschaffen würde:
Exzessive Vorratsdatenspeicherung und Missbrauch der Daten im großen Rahmen wäre für mich sehr wohl denkbar.
Und anders, die Piraten-Partei hat ja nicht nur das bestehende Copyright zum Thema!
Ich komm' irgendwie nich' mit ...
Jede(r) hat doch eine eigene Realität, und außerdem Meinungsfreiheit. Wo gehobelt wird, fallen Späne.
Himmel wie gehaltlos! Löschen! Such Dir n Hobby!
@Gerd: I Like!
Selten so einen substanzlosen Beitrag gelesen. Hier zimmert sich jemand seine eigene Realität. Ein wenig geschichtliche Bildung könnte vielleicht wirklich helfen, die aktuellen Phänomene besser einzuordnen. Was soll denn bitte das Tschernobyl der Musik- und Contentindustrie sein?
Enzo, kauf(t) Dich Ferrari ?!
@ Enzo: Applaus!
Zu Zeiten von Gutenberg und Luther gab es "den Autoren" im Sinne eines Urhebers noch lange nicht.
Im Übrigen ging es bei Luther/Gutenberg um die Übersetzung und Interpretation eines über die Jahrhunderte überlieferten Schriftstücks - nicht um die Verbreitung urheberrechtlich geschützten Materials. Luther wurde schließlich nicht verfolgt, weil er die Bibel übersetzt hat, sondern weil er sich der Deutungshoheit des Papstes widersetzt hat.
(Zum zweiten Punkt: Mir ist aus dem Hause Universal keine nennenswerte Initiative in der Richtung bekannt. Lediglich der Weg über Gerichte...)
@Enzo: Waren Guttenberg und Luther nicht Teil einer Freiheitsbewegung. Ging es damals nicht auch um den Zugang zu Informationen und war es nicht ebenfalls so, dass die Rolle der Katholischen Kirche durch ihre Abwehrhaltung eher geschwächt, denn gestärkt wurde :-)? Davon abgesehen bin ich noch immer in der Contentwirtschaft tätig und deshlab auch dringend davon überzeugt dass Angebote geschaffen werden müssen (wie wir es auch bereits damals bei Universal versucht haben).
Hä? Der große Tim Renner
..der große TIM RENNER zensiert fundierte Kritik und eloquent vorgetragene reziproke Meinungsäusserung auf seiner Facebookseite mittels Blockade. GANZ GANZ schwach, ALTER.
In einem Punkt muss man Herrn Renner definitiv widersprechen: Die von ihm angesprochenen "Befreiunsgbewegungen" verfolgten Ziele, der Gesellschaft nützten. Wenn man sich einfach über Urheberrechte hinwegsetzt, wie Herr Renner ja niemals müde wird zu fordern, schadet man auch immer noch den Urhebern. Und so lange es kein vernünftiges, funktionierendes Vergütungssystem für Musiker gibt, sollte man sich auch nicht einfach über das Urheberrecht hinwegsetzen.
Und dass Herr Renner jahrelang Teil der von ihm immer wieder angeprangerten "Content-Wirtschaft" war, sollte man auch nicht vergessen.
Herr Renner? Wo sind denn die wegweisenden alternativen Modelle, die Sie während Ihrer Zeit bei Universal entwickelt haben?
Eine bessere Einordnung des Piratenparteiphänomens habe ich bislang noch in keiner deutschen Tageszeitung gelesen.
Einziger Einwand: Ich sehe - leider - nicht, dass die "Kreativwirtschaft der größte Wachstumsmotor der Stadt" sein soll. Berlin ist zu 80% Dienstleistungsstadt, und die Kulturwirtschaft (als die die "Kreativwirtschaft" offiziell bezeichnet wird), beschäftigt nur gut 1% der Menschen in diesem Sektor.
Und schließlich: Wie maximalbedrohlich könnte ein GAU in der digitalen Gesellschaft aussehen?
...na wenn sie sich da mal nicht selbst drauf reduzieren: http://www.elzpiraten.de/2011/06/15/piratenpartei-unterstuetzt-verteilung-freier-liederbuecher-des-musikpiraten-e-v/
Sorry, die Abschaffung des Urheberrechts (und vielleicht auch gleich noch des ganzen Patentwesens) ist der komplette Ausverkauf der europäischen Kultur, und speziell auch der deutschen - denn wir haben nicht sehr viel mehr als unsere IDEEN und unsere KREATIVITÄT. Genauso könnten wir "Freies Essen für alle" oder auch "Freies Wohnen für alle" fordern, oder doch am besten gleich: FREIBIER FÜR ALLE!!!! :-)
@Achim: Sorry Achim, Du bist genau in die Falle getreten, die der Text thematisieren soll :-) Nein, es ging bei den Grünen eben nicht nur um den Atomausstieg, sonst wären sie heute gar nicht mehr da. Genauso ist es falsch die Piraten auf freie Contentnutzung zu reduzieren. Es geht um neue Werte und Wertschöpfung (ja, auch für die Musikwirtschaft die endlich anfangen muss statt über Verbote über Angebote zu reden!), es geht um neue Arbeit es geht um eine andere Form von Bildung und gesellschaftlicher Partizipation. Ich bin kein Pirat, aber ich bin in der Lage deren Parteiprogramm zu lesen und kann da ganz viele Anliegen gut verstehen.
@Diana. Deshalb schreibe ich ja "angeblich" :-)
@ Achim: Ich denke dass auch die PIRATEN sich zur den gültigen Rechtsvorschriften bekennen und auf Basis des Grundgesetzes agieren, sonst hätten sie wohl kaum eine Chance zur Wahl zugelassen zu werden. Klar hat die Digitalisierung dazu beigetragen, dass es leichter ist Content zu vervielfältigen. Nicht zuletzt profitiert die Musikindustrie auch davon, weil sie ihre Prozesse verschlanken kann. Von der Industrie werden und wurden immer nur einige wenige Künstler gefördert. Viele hoffnungsvolle Talente blieben auch früher auf der Strecke. Gerade die Digitalisierung bietet jetzt diesen Künstlern, sich einer breiten Masse vorzustellen und so Erfolg zu haben. Beispiele gibt es genug. Es geht m. E. eher darum, dass mündige Bürger nicht entmündigt werden dürfen, in dem ihnen alles vorgeschrieben wird was sie zu tun und zu lassen haben. Jeder Mensch ist für sich selbst und sein Handeln verantwortlich. Aber Zeitungen können auch nicht sagen, nur weil die Internet-Nutzer kostenlos Informationen von Nachrichtenportalen erhalten müssen sie weiterhin Geld von den (jetzt nicht mehr vorhandenen) Lesern / Abonenten bekommen. Es wird Zeit, sich neue Geschäftsfelder zu suchen, die zukünftig Erträge bringen, denn nichts ist beständiger als der Wandel. Und der schreitet in der digitalen Welt mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit statt, bei der so Mancher (Politiker) nicht mehr mithalten kann.
Das Marie Antoinette diesen Ausspruch getätigt hat ist übrigens ein Ammenmärchen.
Sagenhafter Unfug: Die Digitalisierung hat fast zum Untergang der Musikindustrie geführt - mit noch immer deutlich spürbaren Folgen bei der Förderung und Vermarktung junger Talente. Gegen eine potenziell tödliche Energieerzeugung auf die Straße zu gehen, ist eine Sache. Urheberrechtlich geschützte Inhalte, von denen Existenzen abhängen, weil menschen von dieser geistigen Schöpfung leben und ihre Miete damit bezahlen, systematisch "kostenfrei" nutzen zu wollen, ist eine andere Sache. Zweiteres ist PIRATERIE, und die wurde im Zeitalter der Seefahrt hart bestraft, ohne dass sich die Gesellschaft darüber aufgeregt hat!
Ja, von hoher Qualität.
Mit den Piraten werden bestimmte Ansichten und Vorstellungen sicher lauter wahrgenommen.
Also los !
super Beitrag!

Zitat von Achim: "Urheberrechtlich geschützte Inhalte, von denen Existenzen abhängen, weil menschen(sic) von dieser geistigen Schöpfung leben und ihre Miete damit bezahlen..."
@Achim - Du glaubst ernsthaft, daß die Mehrheit derjenigen, die in Deutschland (und anderswo) auf dieser Basis Geld erhalten, am Hungertuch nagen?? (siehe -> GEMA-Problematik)
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