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Tim Renner
Tim Renner: EMI auf Rudis Resterampe
Meiner Meinung nach begann der Untergang der Musikindustrie mit der CD. Das liegt nicht nur daran, dass die Langspielplatte, die sie ablösen sollte, so viel sinnlicher war als das kleine Stück Plastik/Aluminium Gemisch. Das eigentliche Problem der CD war ihre hohe Profitabilität. Die Herstellung einer CD kostet weniger als die von Vinyl, die Preise wurden bei der Einführung aber verdoppelt. Verkauft wurde Anfangs hauptsächlich Katalog, also Aufnahmen welche die Plattenfirmen schon lange bezahlt und verbucht hatten. In der Konsequenz schossen die Margen durch die Decke. Musikwirtschaft wurde ein hoch profitables Geschäft und zog deshalb statt Freaks und Fans Betriebswirte und Banker an.
Letztere optimieren das Geschäft nicht, indem sie den Inhalt sondern die Abläufe verbesserten. Im ersten Schritt taten sie das durch Synergie-Effekte. Ab Mitte der Achtziger, als beginnend mit dem Siegeszug der CD, wurden kleinteilige Strukturen, wie sie durch eine Vielzahl von Labels gegeben waren, im Sinne der Kosteneffizienz zu Konzernen zusammengefasst. Aus Polydor, Phonogram, Metronome, A&M, Def Jam, Motown und Island wurde zum Beispiel PolyGram und schließlich unter Hinzunahme von MCA die heutige Universal. Durch die Ballung spart man Personal und somit Fixkosten. Geringe Fixkosten sichern langfristig höhere Gewinne.
Große Strukturen führen jedoch zur Abstraktion: Wo früher ein verantwortlicher Labelmacher sein Programm mit seinen Künstler entwickelte, hatten diese es plötzlich oft mit Managern mit häufig wechselnden Mitarbeitern zu tun. Diese redeten zunehmend nicht mehr von Künstlern sondern von "Themen" und statt Alben verkauften sie "Produkte" und freuten sich über hohe "Stückzahlen". Veröffentlichungen wurden "chartoptimiert" und auf Compilations zweit und dritt verwertet. All das hatte wenig mit Rock'n'Roll aber viel mit BWL und Mathematik zu tun. A&Rs fanden sich häufiger über Planzahlen, die es mindestens quartalsweise zu aktualisieren galt, denn bei den Künstlern im Studio.
Die Branche war sexy. Sie versprach Rendite von um die 20% und einen Abend mit Madonna, ein Wochenende mit Robbie Williams oder zumindest einen Händedruck von Beyonce. Wo früher Produzenten wie Chris Blackwell (Island), Musiker wie Alpert und Moss (A&M) oder Musikredakteure von Schülerzeitungen wie Richard Branson (Virgin) ihr Geld in Künstler und Labels investierten, waren es nun Wasserversorger wie Vivendi (Universal), Destillerie Erben wie Edgar Bronftman (Warner) oder Investmentbanker wie Guy Hands und seine Terra Firma (EMI). Gerne ließen diese sich mit der jeweiligen Künstlerschar ablichten, sie wurden eine bunte Beigabe der Geschäftsberichte.

EMI-Oberhaupt Guy Hands
Versprochen wurde den Banken und Investoren der Aufkäufer ein ewiges Wachstum. Dieses sollte dann die Zinsen bedienen mit denen die erworbenen Majors belastet worden waren. Außer in Form von Castingshows ist die Produktion von Musik aber leider nicht planbar. Künstler sind nicht einmal als Lieferanten zuverlässig, wie Guy Hands mit Schrecken feststellen musste. In einem Schreiben an die Musiker der EMI ermahnte er diese deshalb zur regelmäßigen Abgabe von Alben. Tim Clark, der Manager von Robbie Williams, nannte das "Plantagenbesitzer-Mentatlität". Williams sei nur ein beleidigter kleiner Junge, keulte Hands zurück.
Im Fall Hands/EMI wurde der Zusammenprall der Kulturen am deutlichsten. Künstler, die teilweise angetreten waren die Welt zu revolutionieren, trafen auf einen Kaufmann, der sein Geld mit Immobilienspekulation und Müllentsorgung gemacht hatte und auf einem ultrakonservativen Netzwerk basiert. Hands Trauzeuge und bester Freund ist Rechtspopulist ist William Hague, der mit seiner xenophoben "Foreign Land"-Rede im Jahr 2001 selbst konservative Parteifreunde entsetzte. Sätze wie "Talk about asylum and they call you racist; talk about your nation and they call you Little Englanders" kosteten ihn den Vorsitz seiner Partei. EMI Künstler wie Damon Albarn demonstrierten damals gegen ihn.
Mittlerweile ist es ruhiger um Guy Hands geworden. Einerseits ist er auf Steuerflucht auf Guernsey und kann deshalb gar nicht in England einreisen, um bei EMI nach dem Rechten zu schauen. Andererseits gibt es dort außer Zinsschulden, die aus dem operativen Geschäft nicht mehr bedient werden können, auch nicht mehr viel zu entdecken. Das Dilemma könnte er nur lösen, indem er den ganzen Apparat EMI auflöst (aktuell noch 5000 Mitarbeiter) und sich auf die Einnahmen aus dem existenten Katalog konzentriert. Das hätte dann jedoch nichts mehr mit Wachstum sondern mit Rückzug zu tun.
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Cooler und treffender Artikel mal wieder. Man sieht also di BIG FOUR werden wahrscheinlich auch nicht mehr lange in der Form überleben und in Zukunft wahrscheinlich nur noch Vertriebsaufgaben übernehmen. Hoffentlich wird dann die Lücke von mehr kleinen Unternehmen geschlossen, wenn die großen draufgehen, die kreativ mit I-net und neuen Marketingmöglichkeiten arbeiten. Ich wünschte, es gäbe so ein neues entreprenerisches Denken im sogenannten Underground oder der Alternativkultur...
Und zweitens wird viel zu wenig beachtet, dass der Niedergang der Musikindustrie auch mit dem neuen Finanzmarktkapitalismus in Verbindung steht. Ich les grad da drüber was und es gibt mehrere Merkmale aus der heraufbrechenden Aktienkultur der 80er und 90er, die auch die Musikindustrie übernommen hat. Z.B. Orientierung an Shareholder Value statt Stakeholder-Value (z.B. Monats statt Quartalsberichte, um die Aktienmärkte zu bedienen), Kosteneinsparung durch die Abschaffung kleinteiliger Strukturen und auch Hinzuziehen von fachfremden externen Dienstleistern, die in rein betriebswirtschaftlichen Kategorien dachten. (Wobei Aktienmarktorientierung nicht mehr der Logik der Betriebswirtschaftsorientierung miteinschliesst.)
Kurzum: Die Argumentation nur auf das Internet zuzuschneiden, ist etwas verkürzt. Es müssen auch makroökonomische Faktoren zur Hand genommen werden, die dafür verantwortlich sind, dass eine kreative Branche in 20-30 Jahren absolut strukturkonservativ geworden ist. (Selbst im Buchmarkt ist man kreativer und offener für neue Medien als in großen Teilen der Musikwirtschaft.)
"Einheit? Privatisieren!" http://dirkdot.blogspot.com/
und tim, in aller höchst zugeneigten freundschaft & mit viel respekt für deine biografie, deine leistungen & dein engagement: es wäre interessant, wie du selbst (!) das konkret zu den zeiten erlebt, gelebt, beobachtet, empfunden, bewertet hast, als du selbst mittendrin warst... denn: ist es nicht v.a. die verführbarkeit der beteiligten in solchen strukturen, vorgängen, prozessen, die viel von dem ermöglicht, was du hier beschreibst...? d.h., die spätere erkennntis & analyse dessen ist m.e. v.a. dann wertvoll, aufschlußreich & hilfreich - und ja, 'echt', und damit glaubwürdig & evtl. wirksam(er) - wenn sie sich auf die eigene dargestellte erfahrung & umdenke bezieht, damit sich was ändern kann... leute wie guy hands etc. etc. operieren ja nicht allein, sondern mit verbündeten. die sich verführen lassen. ohne die kein guy hands! denn wenn ich die aktuelle hysterie um den neuen vermeintlichen persönlichkeits-markierer soho house berlin (mit pool auf dem dach, hey!) sehe... wer ist zum opening im mai eingeladen, wer hat ne einladung mitglied zu werden?!? schon die weitergabe, empfehlung einer solchen mitgliedschafts-einladung ist ja ein aktuell eltitistisch heiß gehandeltes privileg in der szene... dann schwant mir, dass doch offenbar einige leute noch nicht ganz so viel kapiert haben wie sie vorgeben...? (damit meine ich nicht dich. hoffentlich.) DANK & LG, dd
@VolkerVorndamme
Warum denn gleich so aufbrausend? Gibt doch keinen Grund dafür. Deine "Ursachenerklärung" steht gleich im zweiten Abschnitt von Rudis Resterampe. Vielleicht noch einmal lesen ab: " Das eigentliche Problem... . " Warum schossen denn die Margen durch die Decke???
Na und die Banker und Betriebswirte machen einfach nur ihren Job wie sie es gelernt oder sich angeeignet haben.
@Tim Renner
Wer hat sie denn bei den Musik- Labels erst an oberste Stelle gesetzt und mit Entscheidungsgewalt ausgestattet???
@VolkerVorndamme
Warum denn gleich so aufbrausend? Gibt doch keinen Grund dafür. Deine "Ursachenerklärung" steht gleich im zweiten Abschnitt von Rudis Resterampe. Vielleicht noch einmal lesen ab: " Das eigentliche Problem... . " Warum schossen denn die Margen durch die Decke???
Na und die Banker und Betriebswirte machen einfach nur ihren Job wie sie es gelernt oder sich angeeignet haben.
@Tim Renner
Wer hat sie denn bei den Musik- Labels erst an oberste Stelle gesetzt und mit Entscheidungsgewalt ausgestattet???
Das haben wir doch alles schon wieder und wieder gehört. Erst hat die CD die Musikindustrie vernichtet, dann illegale MP3 downloads... Alles Folgen aber keine Ursachenerklärungen. Den auch Vinyl hat seinerzeit das Radio beschnitten, das Radio, den Jazzmusiker.... Den technischen Fortschritt als Erklärung anzuführen ist nicht nur falsch, sondern auch noch borniert. Denn Ursache ist und bleibt immer noch der Mensch. Raffgier, fehlendens menschliches und damit verbundenes künstlerisches Verständnis. Ich hab jedenfalls noch keine CD bei Saturn aus dem Regal hüpfen sehen, um einen Arbeitsplatz zu vernichten.
...stimmt natürlich alles (unter anderem) - und klingt anfangs fatalistisch, dann ermutigend und am Ende doch wieder fatalistisch. War und ist es nicht immer ein bißchen so ("Kunst gleich Kapital"), dass "Kommerz" irgendwie auch "Indie" kaputtmacht? Gehen wir doch einfach von der Macht der Mittelmäßigkeit aus - vielleicht vergleichbar mit Tocquevilles "Tyrannei der Mehrheit". Dabei wäre das Mittel der Wahl, das Verhindern von Oligo- bzw. Monopolen. Und da wäre ja das Internet ein wunderbares Medium. Es verteilt die Inhalte, die die Majors letztendlich zur Gewinnoptimierung gebraucht haben, neu. Vielleicht war das der eigentliche Fehler der Industrie, dass man eben unbedingt das "Medium CD" schützen wollte und nicht die eigentlichen Inhalte. Das Argument war naheliegend: CD besser kopierbar als Platte, Absatzmenge sinkt, Kompensation durch steigende Preise. Dumm gelaufen, dass man heute gar kein "Medium" zur Distribution mehr braucht. Aber ist das so schlimm für die Kunst? Heute haben wir eine Unmenge mehr Menschen (Achtung: These), die in der ein oder anderen Form Musik machen - vielleicht noch nicht mit dem "Taschenrechner", aber immerhin. Das müßte eigentlich einen Qualitätsschub geben - mehr Kreativität und "besseren" Output. Aber Musik ist ein "Teil des Ganzen" geworden und nicht mehr Hauptbestandteil. Ein bißchen so wie Multi-Sport-Anlagen, die die reinen Single-Sport-Center kaputt gemacht haben. Heute hört doch keiner mehr Musik einsam vor Boxen und ließt die Songtexte mit. Das ganze läuft als kontinuierlicher Stream. Das macht Musik austauschbar und es ist am Ende für viele egal was läuft. Also: Henne oder Ei? Und das wiederum nutzen die branchenfremden TV- und Medienkonzerne, die momentan dabei sind, die Gewinne abzuschöpfen - mit den dazugehörigen Multivermarktungs-Strategien. Interessiert doch irgendwie kein Otto mehr, ob zu einem Superstar auch ein gescheit komponierter und arrangierter Song gehört! Mit Mini-Karaoke und Midi-Files nach Oslo. Ach, eins noch; a propos Taschenrechner bzw. iPhone: Mit einem Vermarktungskanal-Monopol (iTunes via iPod, iPhone etc.) würde wiederum Apple ein neuer großer Musik-/Video-/App-Multi ... möglicherweise auch nicht gerade ein probates Mittel, um Oligopole zu vermeiden und Qualität zu sichern. Wäre vielleicht eine Überlegung wert, wenn man sich in der Musik-Branche bewegt - aber Apple zu dissen ist natürlich ein respektlos uncooler Gedanke ... ;-)
Bleibt der - bestimmt schon zehn, wenn nicht mehr Jahre alte - EMI Standart-Joke für die Beerdigungsfeier zu reannimieren: "Was ist der Unterschied zwischen der EMI und der Titanic? Die Titanic hatte wenigstens eine gute Band an Board als unterging."
Guy Hands hat sein Geld unter anderem mit Müllentsorgung gemacht? Wenn dann beim Untergang der E.M.I. ein paar der 'generierten Superluftpumpen', 'gleichgeschalteten Supereintagsfliegen' oder chartoptimierten Williamsbeyoncemadonna-Produkte in hohen Stückzahlen auf die Halde wandern, wer wird dann sein Geschäft machen, wer der Pleitegeier sein? Wie oft finde ich bei meinen Wanderungen über die Trödelmärkte Musikstücke aus dem Katalog der ehemaligen E.M.I. oder ihrer Sublabel in Plattenform, die seit Jahrzehnten kein Radiosender auch nur mit der Kohlenzange angefaßt oder auf den Plattenteller gelegt hätte, weil der Zeitgeist die kaufmännischen Effizienzgedanken und digitalen Phantasielosigkeiten auch in ihre Studios gedrückt hat, auf das Computer und Praktikanten die Berieselung abliefern, die der hier so oft beklagten Situation in der Musikbranche zuarbeitete. Ein ehemaliger Notenbankpräsident der U.S.A. hat im Schloß Bellevue im Zusammenhang mit der Abwicklung von Pleitebanken folgenden Vorschlag unterbreitet: 'Ein anständiges Begräbnis anstelle von lebensverlängernden Maßnahmen'. Nun wird Finanzökonomen keine Beratungsfunktion im Umgang mit Künstlern zugebilligt werden - Motto 'Die empfindsamen Musiker, die nur an ihrer Kunst interessiert sind etc. pp....'. Vergessen sind die Verträge mit horrenden Summen, die seichten Alben im Anschluß daran, die ganze Affektiertheit der 'Superstars'. Ich wette, wenn dieser Musikkonzern unter den Hammer kommt, wird jedes verwertbare Aufzeichnungsmedium, jeder auspreßbare Vertrag mit angeschlossener Band oder angeschlossenem Interpreten, jedes Studio, Verwaltungsgebäude, ja jeder Regenschirmständer einen Nachbesitzer finden - und wie ist es beim Handeln im Zweitverwertungskreislauf? Man redet die Ware schlecht, entdeckt da Kratzer, man feilscht und flucht, bis man das hat, auf was man sein Glasauge geworfen hatte. Also, besser hier eine Rose auf das geliebte Peter-Sellers-Album legen, als Krokodilstränen zur heuchelnd gekünstelten Empörung zu verschreiben..äh, vergießen. Wer es der Mutter E.M.I. zur Beerdigung schön machen wollte, braucht nicht um die Kuh Madon...äh, Elsa trauern.
Wird gemacht Meister! Aber in Sachen Analyse bist da offensichtlich bei mir: Wieso stützt sich die Industrie so oft auf Castingstars? Weil die planbar sind und keines echten A6Rs bedürfen! Wiso ist das so wichtig? Weil Leute wie Hands und Co ein Investoren- aber kein Musikverständnis haben. Knklusio: Die Musikindustrie wird Opfer ihres eigenen Erfolgs
Hi Tim,
ich lese das mit Interesse, was du da über Guy Hands, sein Umfeld und die EMI Situation schreibst. Ich selbst war / bin mit ihm in Kontakt, habe ihm - im romantischen Ansatz, einen Rettungsbeitrag leisten zu wollen - mein ülomusic Konzept, welches Dir auch vorliegt, angedient.
Denn die Hauptursache, dass die Industrie nichts nennenswertes mehr verkauft, ist m.E. nicht die böse CD, oder der noch bösere Internet-Pirat oder gar der bestußte Renner mit seiner Kulturflatrate, sondern schlicht und ergreifend der Umstand, das A&R heute in Castingshows von Pseudoexperten auf medial durchlaufzuerhitztende Vollidioten limitiert wird, denen beim Mutieren zu gleichgeschalteten Supereintagsfliegen nicht minder limitierte Zielgruppen geifernd auf RTL zusehen.
Ich habe diverse Wetten laufen, das wir von niemandem der, auf diese Art generierten Superluftpumpen in zehn Jahren ein "Greates Hits Album" kaufen können, oder was auch sonst anstelle von Alben dann die Währung sein wird, in der uns der x-te Aufguss desselben Mülls serviert wird.
Ich bäte Dich wirklich, Dir mal mein Pamphelt zur Brust zu nehmen und mich darauf hin zu kontaktieren. Ich hätte dann auch noch ein paar mehr Punkte in Hinterhand, die ich hier nicht öffentlich ausführen möchte.
Best, Ülo

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