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Tim Renner
Tim Renner: Occupy Warner

(Occupy Wallstreet nicht in Frankfurt oder New York, sondern Berlin. Foto: Tim Renner)
Einmal soll immer mehr Kapital zur Stützung fauler Kredite her, die Anderen fordern immer mehr Verbote zwecks Kontrolle des Netzes. Beides wird nicht funktionieren, sondern führt im Zweifel lediglich dazu, dass die Krise einzelner Wirtschaftszweige zur Bedrohung der gesamten Demokratie werden kann. Vielen Bürgern fällt es nämlich schwer zu verstehen, weshalb sie ob des Partikularinteresses einzelner Branchen verschuldet oder entmündigt werden sollen.
Die Aufgabenteilung in der Musikwirtschaft ist klar definiert: Der Musiker produziert, der Musikliebhaber konsumiert und der Musikkaufmann kassiert. Jeder einzelne Bestandteil ist für sich genommen wichtig. Dabei ist egal wie die Musik vermittelt oder vertrieben wird. Immer geht es darum, dass ein Gefühl künstlerisch ausgedrückt, als Song gehört und schließlich auch wirtschaftlich verwertet werden will. Es ist ein System aus Selbstverwirklichung, emotionaler Bereicherung und wirtschaftlicher Belohnung. Fehlt ein Glied der Kette, funktioniert die ganze Musikwirtschaft nicht mehr.
Die Digitalisierung hat das System erschüttert. An den Musikern liegt es aber nicht, dass es jetzt drunter und drüber geht. Im Gegenteil, durch geringere Grenzkosten produzieren sie mehr Songs denn je zuvor und nutzen teilweise die Chance digital den Kontakt zu ihren Fans zu halten, fast so als würden sie ewig auf der Bühne eines Clubs stehen.
Auch die Musikliebhaber verhalten sich in den digitalen Welten so, wie es die Marktwirtschaft von ihnen verlangt: Sie konsumieren. Noch nie wurde soviel Musik gehört wie heutzutage. Die Fans jagen den Werken der Musiker nach und halten sich dabei an die Plattformen und Portale die sie am besten und umfänglichsten bedienen.
Diesen Zugriff auf Songs im Sinne der Musikliebhaber zu ermöglichen, zu monetarisieren und einen Teil der Erlöse dann an die Musiker zu distribuieren ist der Job der Musikkaufleute. Leider verrichten sie diesen lausig und man kann es ihnen noch nicht einmal vorwerfen. Das Versagen ist nämlich systembedingt: Das Internet ist ein kooperatives und freiheitliches Medium, Musikunternehmen leben aber von Konkurrenz und Kontrolle. Man muss besser als der Wettbewerber sein und die volle Steuerung über die Rechte haben um in ihrem System zu bestehen.

Der Wettbewerbsgedanke führt dazu, dass man mit den Konkurrenten nur dann gemeinsame Sache macht, wenn es darum geht den Status Quo zu sichern. Neue Angebote werden als Alleingang gelaunched (wie zum Beispiel www.zaoza.de eine an sich clevere Flatrate Idee der Universal) oder nicht kollektiv unterstützt. Trotz 13 Millionen Songs hat eine Plattform wie www.myjuke.de angeblich bislang nicht einmal dreistellige Nutzerzahlen und auch www.simfy.de tut sich wohl ähnlich schwer was die Vermittlung seiner kostenpflichtigen Prämienangebote angeht. Was den beiden Streamingservices fehlt ist der verlässliche Zugriff auf alles aktuelle Repertoire. Läuft ein Song im Radio muss er auch bei ihnen zu hören sein.
Der Konsument interessiert sich für Künstler und deren Werke und nicht für Kaufleute und deren Unternehmen. Wird er den Song seiner Wahl nicht bei den Streamingdiensten finden, weil er noch nicht offiziell veröffentlicht ist, ist für ihn die Plattform schuld. In der Konsequenz wendet er sich anderen zu, auch wenn diese vielleicht illegal sind. Aber auch Anbieter illegaler Downloads oder Streams treibt nicht Altruismus, sondern der Wunsch nach Umsatz und Gewinn an. Deshalb kämpft man auch auf ihren Sites mit Bannern und Pop-Ups und bekommt einen guten Service nur nach Erwerb von einer Art Flatrate in Form von präferierten Zugängen. Ein guter und vollumfänglicher Zugang zu Musik ist Geld wert
In Schweden hat man das verstanden. Der dortige Anbieter spotify steht den Filesharing Plattformen in nichts nach. Der Schwedische Markt wächst seit 10 Quartalen und spotify hat im ersten Halbjahr 2011 laut Auskunft der Sony 50% deren Umsatz im dortigen Markt ausgemacht. Es ist also nicht der nicht erfüllbare Wunsch nach "kostenlos", sondern nach Vollständigkeit, der den Konsumenten treibt. Stellt man diese Vollständigkeit nicht her, weil man auf Konkurrenz und Kontrolle beharrt, schließt man somit wissentlich den Künstler von den Einnahmen aus und treibt den Konsumenten in die Illegalität.
Die Musikwirtschaft basiert auf einem System was schlichtweg im aktuellen Umfeld nicht funktioniert. Zu leiden haben darunter alle. Egal ob Kunden, Künstler oder Kaufleute. Das ist genauso wie in der Finanzwirtschaft. Weil ihr System nicht funktioniert und alle darunter zu leiden haben ziehen besorgte Menschen vor die Europäische Zentralbank und auf die Wall Street. Wenn das vermeintliche Versagen eines Systems Anlass für Protest ist, dann müssen sich tunlichst Konsumenten und Musiker auf den Weg vor die Zentralen der Majors in Berlin, Hamburg, Köln und München machen. Universal, Warner, EMI und Sony funktionieren in der Logik des Internets nicht und es ist nicht einmal ihre Schuld. Also: Occupy Warner (und Co)!
Tim Renner
Apple ist heute das, was früher Sony war. Einfach cool.
da hat der rudy was richtiges gesagt:
"Wir werden vermutlich niemals alle Kunden zurückgewinnen, denn solang Schüler mehr Zeit als Geld haben, wird es illegale Downloads geben. Nur die anderen, die wenig Zeit haben, aber nicht unter der Last eines 10-Euro-Kaufs zusammen brechen, die müssen die Majors dringend erreichen."
so sehe ich das auch. man wird illegale downloads nie unterbinden können. man kann plattformen dichtmachen, illegalisieren, verteufeln, was auch immer, dann denkt man sich eben etwas neues aus. und die leute erfahren davon. ob per google, foren, social media plattformen, undpropaganda ... man kann es also nicht aufhalten. im grunde gab es das ja auch immer schon. früher hat man es auf tonband überspielt, später auf kassetten, dann cds gebrannt. mit napster war es erstmals möglich, daten digitial auszutauschen. eine frage der zeit, denn jede technische neuerung hat immer eine gute und eine schlechte seite. nur war es zuvor leichter einzudämmen bzw. möglich an den physischen datenträgern und geräten mitzuverdienen.
die industrie hat es verpasst, sich den veränderten konsumverhalten anzupassen und den konsumenten einen vorteil zu illegalen angeboten zu bieten. erst wenn das geschieht, werden illegale downloads unattraktiv. zumindest für die, die es sich auch leisten könnten, dafür zu bezahlen. solange ich dieselbe ware ohne mehrwert umsonst oder günstiger an anderer stelle bekomme, gibt es keinen grund auf diese zurückzugreifen. das ist in jeder anderen branche ja ebenfalls so.
und es wurde im artikel erwähnt: noch nie wurde soviel musik gehört. noch nie war es so einfach, auf so ein breites spektrum an musik zurückgreifen zu können. das kann kein laden der welt bieten. da steckt so viel potenzial drin, dass es eine ohrfeige für die musikindustrie ist, diese nicht rechtzeitig erkannt zu haben.
man muss die konsumenten wieder dazu bringen, für musik bezahlen zu WOLLEN, nicht müssen. und das hat wieder mal ein branchenfremder anbieter geschafft: apple mit seinem itunes-store und ipod. eine weitere ohrfeige für die musikindustrie ...
also hat genaugenommen niemand für diesen umstand verantwortung; yeahy!!! ist doch bombe! dann läuft dieses unterhaltsame schwarze-peter-spiel eben noch einige jahre weiter. produktive, promotende, veräußernde, rechtliche und konsum-instanz führen noch ein weilchen länger ihren tanz auf. nicht, dass dies für irgendwen hilfreich oder profitabel wäre...mähja, nun, vllt. doch den majors, die sich noch ein kleines stück vom kuchen retten wollen; die sich nicht zu schade sind noch 'nen paar acts zuschund zu reiten. man hat ja auch überzeugungsarbeit leisten müssen. aber no, sonst niemand. bei all diesem inkohärenten, streitwilligen quark offenbart keiner optionen für die zukunft. wenn sich die potentiell innovativen und neuen gruppen musikalisch nicht mehr zu wort melden - und mal ehrlich, die möglichkeiten sind jetzt schon arg beschränkt, wenn man nicht weiß an wen man sich konkret wenden soll - wer wird dann musikkulturell noch etwas ausrichten können. auf versalzenem grund und boden lässt sich nur schwer neues anpflanzen. da schließe ich mich Andreas an: "Du kannst den Menschen, die seit Evolutionsbeginn...", alle anderen instanzen: get your shit together, im gold'nen zeitalter waren alle dabei, da sollte man auch verantwortungsgemäß nicht die biege machen, wenn der abend dämmert.
"zugegeben, der vergleich ist eher schief als eben"
Also jetzt besitzt Universal ersteinmal Robbie ...
Lieber Tim, es gibt vollständige und gute online Angebote! itunes zum Beispiel! Aber diese Angebote sind außer Konkurrenz wenn es das gleiche Angebot, mit einem Click für weniger Aufwand und für umsonst gibt.
Du kannst den Menschen, die seid Evolutionsbeginn, durch haptische und organische Prozesse geprägt sind, ein materialistisches Weltanschauungsbild haben, nicht vorwerfen versagt zu haben, Wenn innerhalb von 20zig Jahren dieses Weltbild durch ein virtuelles ersetzt wird!
Letztendlich hat das Rechtssystem bis heute versagt. Ein virtuelles Produkt ist nicht weniger Wert als ein physiches! Der Diebstahl ist auch der gleiche, jedoch wird er nicht bestraft.
Die 4 Größten Marken 2010 sind Software Unternehmen, nicht weil sie geile Inhalte programmieren, sondern einzig weil sie Kulturplattformen verbreiten. Der Wert dieser Plattformen wird durch die Kulturgüter definiert, die sie erstens nicht produzieren, zweitens in die sie nicht investieren und drittens dessen einnahmen sie nicht an die Kulturschaffenden zurück führen.
Das kann man einem Kulturkahlschlag gleichsetzten.
Oder Youtube UK zum Beipsiel führt 3,8% der Werbeeinnahmen, die mit dem Video eines Künstlers erwirtschaftet werden, an diesen zurück. Bei 10 Mio Clicks bedeutet das für den Künstler 1900€ und für Youtube 48.100€.
....
Tim, wie so oft hast du in vielen Punkten Recht. Allerdings ist das Verhalten der Majors (derzeit) nachvollziehbar. In einer Landschaft, in der noch ca. 85-90% des Umsatzes mit physischem Produkt gemacht werden, sind die Marketingstrukturen ebenfalls analog. Du kennst das Spiel aus deiner Zeit als Universal-MD: durch Airplay künstliche Nachfrage schaffen, bei Verkaufsstart hoch in die Charts einsteigen, grössere Flächen beim Handel belegen ist gleich höherer Umsatz.
Und ich fürchte, daran wird sich nicht ändern, solang der digitale Vertrieb nicht Gewinne in ähnlichen Größenordnungen abwirft wie der physische. Ob allerdings der von dir angestrebte Wandel, Promobeginn und gleichzeitige VÖ, das bewirken würde, dafür fehlt derzeit der Nachweis. Vielleicht im Nischenbereich, aber bei chartorientiertem Material?
Mich stören eher andere Dinge - z.B. dass es bei Itunes (fast) zwingend notwendig ist, eine Kreditkarte zu besitzen. Und damit eine junge Käuferschicht nahezu vollständig aussen vor zu lassen. Erst einen Gutschein erwerben und dann runterzuladen ist nicht nur für ungeduldige Jugendliche viel zu unsexy und aufwendig: haben wollen - jetzt!
Meine Vision ist es, dass der durchschnittliche Musikantenstadl-Zuschauer im Jogginganzug vor der Glotze hängt, in einer Hand die Flasch Bier, in der anderen die Fernbedienung und dann nur noch einen Knopf drücken und das neuste Lied von Hansi Hinterseer ist gekauft. Wenn diese Käuferschichten erreicht werden, wenn es gelingt, Einkäufe einfach, sicher und unaufwendig zu machen, dann sind wir auf der richtigen Strasse. Wir werden vermutlich niemals alle Kunden zurückgewinnen, denn solang Schüler mehr Zeit als Geld haben, wird es illegale Downloads geben. Nur die anderen, die wenig Zeit haben, aber nicht unter der Last eines 10-Euro-Kaufs zusammen brechen, die müssen die Majors dringend erreichen.

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