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Tim Renner
Tim Renner: Von vielen Stilen zu viele!
Die kulturelle Verwirrung ist groß: Wer theoretisch alles haben kann, hat keine Ausrede mehr, sich mit etwas Wichtigem nicht beschäftigt zu haben. Deshalb muss viel probieren, wer nicht wie ein Ignorant dastehen will. In der Folge entstehen auf der Suche nach der eigenen Identität und Individualität in der Popkultur oft absurde Musiksammlungen die beispielsweise Norah Jones (Jazz) mit Eminem (Hip Hop), Shania Twain (County), Rammstein (Deutschmetall) und Robbie Williams (resozialisierter Teenypop) vereinen. Gerne sind auch U2 (Alternative) und Mario Barth (Comedy) mit von der Party. Früher wäre eine solche Mischung ein Grund gewesen, massiv am Geisteszustand des jeweiligen Besitzers zu zweifeln. Heute sollen sie dessen musikalische Offenheit abbilden. Sie lassen sich in dieser Bandbreite auf jedem zweiten iPod finden. Beweisen tun solche bunten Genremischungen aber nur, dass die Spitzen der einzelnen Szenen längst den neuen Mainstream darstellen und Individualität zum Neo-Konformismus geworden ist.
Die vermeintliche Offenheit des Einzelnen führt zu einer allgemeinen Beliebigkeit. Denn wenn alles irgendwie immer da ist und akzeptiert wird, fehlen die Positionen an denen man sich reiben könnte. Widerstand geht ohne Gegner nicht. Der Kultur wird ein Teil ihrer Energie genommen, wenn derjenige, der ihr Angebot goutiert, keine Entscheidungen mehr durch seine eigene Ab- und Ausgrenzung trifft. Man könnte glatt von einem späten, gesamtgesellschaftlichen Horst-Eberhard Richter-Effekt sprechen. Richter, das ist der Psychoanalytiker auf Grundlage dessen Forschung die 68er einigen von uns das Leben in den Kinderläden zu Hölle gemacht haben. Seine Position war, dass Eltern keine Position zu haben hätten, da sie es in Wirklichkeit auch nichts besser wüssten als ihre Kinder. In dem Verständnis der Generation Jute hieß das: keine Verbote und auch keine Warnung vor der heißen Herdplatte. Den Kindern fehlte die Haltung des „Heinz“ oder der „Uschi“, die sie nicht mehr Papa und Mama nennen sollten, um sich an dieser abzuarbeiten. Sie lernten deshalb nicht Gegenpositionen zu entwickeln und zu vertreten. So viele Stile, doch so wenig „von Wegen“, heißt es bei Rainer von Vielen heute.
Als ich jung war, gab es noch kulturelle Warnsignale in den Plattensammlungen. Beim ersten Date bei ihr zu Hause wurde schnell geguckt, was da neben der Kompaktanlage stand sobald sie auf Toilette war oder den Tee holte. Viel war das in den meisten Fällen nicht. Entscheidend war jedoch nie die Menge, sondern der Inhalt. Traf man beim schnellen Blättern auf Platten von Toto, Tina Turner oder das notorische „Tea for the Tillerman“ von Cat Stevens war klar: Aus dieser jungen Liebe konnte wohl auf Dauer nichts werden. Zu verschieden die Einstellung und die Haltung für einen von seiner Musik besessenen wie mich. Die Qualität einer guten Musiksammlung definiert sich nämlich durch das, was sie gerade nicht beinhaltet. Ein manischer Internetsauger dokumentiert mit seinem Tun nur ein generelles Interesse an Musik aber keinen Geschmack. Er hat nicht einmal eine echte Wertschätzung für sie, denn sonst würde er nicht laden, was er nicht hört. Terrabytes von Songs hätten mich wahrscheinlich auch vom Jugendzimmersofa der Angebeteten fliehen lassen, wenn es das damals schon gegeben hätte. Es ist wie immer in der Kunst: eine gute Gemäldesammlung beeindruckt ja auch nicht durch die Anzahl sondern die Qualität der Werke.
Der Connaisseur schärft seinen Geschmack indem er Entscheidungen trifft. Einen Stream als Basis der Musikversorgung ist für ihn wie Fertiggerichte für den Gourmet: Praktisch, aber den eigentlichen Gegenstand entwürdigend. Gestreamte Musik lässt nämlich nicht zu, dass er seine Pretiosen (den speziellen Mix, die besondere Version) sichert, sie gibt ihm nicht die Möglichkeit eine Sammlung aufzubauen und diese ständig (auch durch Reduzierung) zu optimieren. Unendlichkeit ist kein Versprechen für den der liebt und deshalb sammelt. Der Stream ist das Mittel aber er erfüllt nicht den Zweck allein. Spotify und Co sind deshalb nichts anderes als die moderne Form von Radio. Auswählen und Aufheben müssen wir mit einer Haltung zu den Dingen schon selber. „Es gibt kein zurück“ freut sich Rainer von Vielen im bereits zweimal zitierten Song.
Man kann allerdings eine Mischung der eigenen Musikammlung aus Vertretern verschiedener Stile (abseits des genannten, plakativen Mixes) auch als eine neue Durchlässigkeit und Offenheit bezeichnen.
Ist es nicht gut, dass viele Leute nicht "nur" eine Musikrichtung hören und somit nicht mehr in irgendwelchen engen Codes und Diktionen des jeweiligen Genres gefangen sind? Ich stimme zu, dass eine beliebige Mischung nur um des bloßen Besitzenwollens, also ohne Ansicht des oder persönlichen Bezuges zu dem jeweiligen Titel, nicht für eine geistige (oder wie man das auch nennen will) Offenheit des "Sammlers" spricht. Wenn man dies bloß im Hinterherhecheln des angeblichen Zeitgeistes tut, um des puren "Mitreden-Könnens" Willen, unterwirft man sich wieder einem bestimmten Dogma.
Konkret: wenn ich mir einfach die Top-20-Titel herunterlade, habe ich eine bunte Mischung aus Pop (Robbie Williams), Indierock (Gossip), Hip-Hop (Jay-Z), etc. Dies spricht dann allerdings weder für eine irgendwie kontemplative Auswahl der Musik noch für eine persönliche Offenheit, sondern nur der Affirmation des gerade vorherrschenden Massengeschmacks. Dieser wird also nicht in Frage gestellt, sondern vielmehr als DAS Kriterium für die eigene Musikauswahl herangezogen. Nach dem Motto: "Wenn das Viele Leute kaufen, kann es ja nicht so schlecht sein."
Wenn ich mir allerdings andersherum, abseits des Chartsbreies, eine eigene Mischung zusammestelle, die zwar einen Stilmix beinhaltet, aber auf einer persönlichen Offenheit beruht, ist das dann nicht so etwas wie die eigene kuturelle Demokratisierung? Wenn ich nicht mehr dem Diktat (m)eines Lieblingsgenres unterworfen bin, und daraus folgernd bestimmte Dinge schlecht finden muss, kann ich gerne sowohl Common und Vampire Weekend als auch Bloc Party, Burial und Richie Hawtin hören. Denn dies spricht dann nicht für eine Beliebigkeit aufgrund unendlicher Auswahl, sondern letztendlich für eine erhöhte Personlisierung aufgrund besserer Zugänglichkeit und Entdeckungsmöglichkeiten.
Beim Lesen Deines Postings bemerke ich etwas Unbehagen bzw. Willen zum Protest bei mir... irgendwas passt da nicht. Entweder gibt es bestimmte Ausnahmen Deiner Regeln (naja, um es verschärft so zu nennen), oder ich bin "anders" (Oh. Mein. Gott.), oder Deine Erkenntnisse stimmen nicht.
PRO - Musik auf einem Player zu haben ohne Sie jemals anzuhören bzw. sie zu mögen ist ein Verlust für die betreffende Person.
CONTRA - Musik nicht auf einem Player zu haben weil sie nicht zu meinen 3 bevorzugten Musikstilen passt grenzt an Selbstgeißelung. Wenn ich die Wahl habe zwischen anderen durch Stilfixierung eine "Reibungsfläche" zu bieten oder mich auf mich selber zu konzentrieren und zu hören was schön klingt....dann bin ich doch lieber Egoist.
zuviele Noten ghören verboten - diese Worte sind von ganz besonderer Sorte
@mr_tom: Ein Pazifist ist so wenig ein "wertvollerer" Mensch wie irgendjemand anderes. Die Frage ist, welche Kriterien für einen wichtig sind, um eine zwischenmenschliche Beziehung pflegen zu können.
Ansonsten ist es natürlich irgendwie nicht zurückzudrehen aber nichtsdestotrotz schade: Musik (also: Popmusik) hat als Dominante - die sie halt vorher war - und als Rebellions- und Identifizierungspotenzial im jugendlichen Kosmos ausgedient. Das lässt sich nicht zurückdrehen.
In meiner oldschooligen Anhänglichkeit an Musik (nämlich a) sie besitzen zu wollen, b) besser darüber Bescheid wissen zu wollen und c) einen besseren Geschmack beweisen zu können als die meisten) halte ich gutgemachte Streaming-Dienste (uns ganz besonders Spotify) trotzdem für ein sehr sinnvolles, einfaches und bequemes Tool zu "Reinhören", also nicht wirklich ein Radio, sondern eher einen Plattenladen-Ersatz. Der ist ja auch bitter nötig heutzutage. (Im Radio wiederum möchte ich kompetent überrascht und befiltert werden.)
Ein Pazifist mit einer grenzwertigen Musiksammlung ist trotzdem ein wertvollerer Mensch als ein 'Connaisseur', der beim Toilettenbesuch die derweil stöbernden zukünftigen Lebensabschnittsgefährtinnen ob seines erlesenen Musikgeschmacks in Verzückung versetzt. Warum? Weil er Parteien wählt, die mit 'Friedenseinsätzen' am Horn von Afrika, über Jugoslawien, im Irak und Afghanistan das Bild vom neuen Deutschland maßgeblich prägen und der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen.

Bands / Künstler werden mehr gehört.
Dadurch muß man als Band auch mehr einstecken können, denn jeder hat zuhause die Möglichkeit, viel zu hören, da es vieles umsonst gibt.
Das bedeutet eine Verschnellerung des Band-Genre-Lebenszyklus und somit die Herausforderung an eine Band, dieser zu begegnen.
Das ist einfach das Neue: Den simulierten Künstler gibt es daheim am PC, oder auch mobil auf dem iPhone... am besten sich auf dem Weg zum Konzert damit heiß machen. :)
Und dann finaly: In echt die Band.
Deshalb sind wir hier.
Man spielt sich als Band hoch.
Das war schon immer so.
Eine sehr große Plattenfirma fing damals als Konzertagentur in den Staaten an;
und erkennt sicherlich jetzt die Wichtigkeit.
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