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Tim Renner
Tim Renner: Zahlenspiele

Geschäftsführer des Bundesverbandes der Musikindustrie Stefan Michalk
Völlig anders zuvor bei der Pressekonferenz des Bundesverbandes Musikindustrie. Angespannt und angriffslustig tritt deren Geschäftsführer Stefan Michalk vor die Medienvertreter. Dass er ein Mensch ist, der auch eher zum Lachen denn zum Greinen neigt, davon merkt man nichts mehr, sagt später ein Teilnehmer. Dabei will er gute Nachrichten verkünden. Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff: die Musikindustrie hat sich im Krisenjahr 2009 gut behauptet, der Gesamtumsatz betrage jetzt 1,803 Milliarden und mehr als ein Drittel davon käme aus dem Internet. Die Branche hat’s geschafft, 2011 gibt’s dann einen richtigen Turnaround.
Wer die Zahlen kennt, staunt. Im Vorjahr sprach man noch von 1.582 Milliarden Umsatz und dabei stammten nur 6% von Downloads von Songs und Alben. Zur rasanten Entwicklung kommt es aber leider nicht ob der Entwicklung des Marktes, sondern ob der eigenwilligen Verdichtung der Zahlen: Ähnlich wie plötzlich ab 2004 DVDs in den Umsatz der Musikindustrie eingerechnet wurden, um zu verschleiern, dass deren Kernumsatz sich binnen 5 Jahren halbiert hatte, kommen nun plötzlich Erlöse aus Merchandise, Management, Aufführung und Lizenzgeschäften hinzu. Wenn Michalk sich über die Entwicklung im Internet freut, dann deshalb weil man plötzlich jede Interaktion (also auch die bei Amazon und Co gekauften Platten) zu einer Zahl verdichtet und mit Downloads gleichsetzt.
Mit der Wirklichkeit hat das leider nichts zu tun: Das Geschäft ist weiterhin rückläufig (aktuell Minus 3.3% auf 1.530 Musikumsatz inkl. DVD und Klingeltönen), der Downloadmarkt deutlich unterentwickelt (8% ohne Klingeltöne, aber Streams und Abos inklusive). Ein Grund dafür könnten die Preise sein. Der Verband wehrt sich auch gegen dieses Argument. Seit Einführung der CD sei deren Preis eher rückläufig, so die offizielle Position. Stolz verweist man auf einen Anstieg der verkauften Stückzahlen im letzten Jahr (145.1 Millionen auf 147.3 Millionen). Man vergisst aber zu erwähnen, dass der Umsatz der CDs zugleich um 6% gesunken ist. Steigende Stückzahlen bei geringerem Umsatz = Preisverfall.

Gema-Chef Dr. Harald Heker
Wieso schlägt Michalk all diese merkwürdigen Volten während Heker souverän sagt, was Sache ist? Die Antwort liegt darin begründet, dass der Kollege von der GEMA die sehr viel komfortablere Ausgangsposition hat. Während er und seine Verwertungsgesellschaft auf einem Vergütungsmodell basieren, welches sich naturgemäß aus den unterschiedlichsten Quellen speist, muss Michalk einen Verband erklären, der sein angestammtes Geschäftsmodell, den Verkauf von Tonträgern, zu verlieren droht. Michalks Mitgliedsfirmen im Bundesverband Musikindustrie (vorrangig die Majors) müssen sich vorwerfen lassen, dass sie als Produzenten den Markt gestalten, während die Verwertungsgesellschaft mit Gebühren nur auf diesen reagieren kann.
Stefan Michalk muss einen Mangel an Konsequenz seiner Mitgliedsfirmen ausbaden. Entweder begreifen diese sich nicht mehr als Tonträgerunternehmen und wandeln ihren Verband durch Öffnung deshalb unter Einschluß von Merchandisern, Konzertveranstalter und Musikverleger wirklich zu einer Vertretung der gesamten Musikindustrie, oder die großen Labels bleiben wie bisher unter sich und zeigen als Verband ihren Kernmarkt: Den Umsatz mit Pre-recorded Music. Beides würde aber zu einem Verlust des Gewichts der Majors führen. Einen Gesamtverband würden sie nicht mehr dominieren, eine Konzentration auf den Kernmarkt ihr Dilemma in der Wahrnehmung forcieren. Eine Mischung aus beiden ist jedoch unlogisch und unklar. Verbände bilden gemeinhin Märkte ab, aber nicht die Umsatzentwicklung ihrer Mitgliedsfirmen.
Dem Markt würde sowohl der eine, als auch der andere Weg gut tun. Begreifen sich die Majors als einfacher Bestandteil eines großen Gesamtmarktes, könnten sie eher offen sein für Lösungen, die jenseits angestammter Vergütungsmodelle liegen. Konzentrierten sie sich hingegen auf den Teilmarkt, würde man dessen Entwicklung durch Preis (CD) und Angebot (Download) weit aggressiver steuern. Die Logik des halben Umbruchs erschließt sich nicht, macht zudem die vorgetragenen Zahlen schwächer und die Argumentationsgrundlage der Produzenten wackelig. Ein neues, konsequentes Selbstverständnis als Marktteilnehmer in dem einen oder dem anderen Sinne wäre wünschenswert und könnte dazu führen, dass nicht nur Heker, sondern auch Michalk wieder lächeln kann.
'Gema-Chef Dr. Harald Heker' - das Bild zeigt exemplarisch die ganze Misere: ein alter überbezahlter Monopolist, der sich von *rschkriechenden Werbeagenturen das jugendliche Gesichts*rschmodell auf die Fotohintergrundstellwand kleben läßt und sich darüber freut, daß die Mehrheit beim Ballerspiel Klingeltonumsätze erzeugt, die ihm im noch weiter fortgeschrittenem Alter die polnische Pflegekraft im Luxusaltersheim finanzieren werden. Wer ihm dann im Marmorspeisesaal Gesellschaft leisten wird, kann ich mir schon ausmalen...
Das wäre ja zu schön um wahr zu werden, wenn sich Majors in Zukunft als ein Bestandteil des Marktes begreifen und ihre Vorherrschaft aufgeben könnten. Das diese eh bröckelt zeigen ja die Zahlenspiele. Ein damit verbundener Wegfall von Arroganz würde sicher vieles Neues möglich machen. Ich bin gespannt ob Mut und der Wunsch nach Veränderung die Gewohnheit besiegen.

Zeit wird´s...
mehr heute denn morgen.
Vieles bleibt verborgen.
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