Gitarrist Nick Zinner im Interview

Bei den Yeah Yeah Yeahs dauert eben alles immer ein bisschen länger. Auf das Debüt "Fever To Tell" musste man seinerzeit so lange warten, dass man schon dachte, es komme gar nicht mehr. Und auch für ihr Zweitwerk ließen sich die zwischendurch mit allerlei Nebenaktivitäten beschäftigten Karen O (Gesang), Brian Chase (Drums) und Nick Zinner (Gitarre) nun wieder fast drei Jahre Zeit. Wir sprachen mit Zinner über die New Yorker Szene damals und heute, den deutlich poppigeren Approach der Truppe sowie seine Schwäche für Berlin.

Nick, die neuen Songs klingen wesentlich eingängiger als zuletzt. Zufall oder Absicht?
Karen hatte keine Lust mehr, soviel zu schreien, und wollte mehr singen. Das hat den Anstoß für zugänglichere Songs gegeben. Diese süße, melodische Seite hat meiner Meinung schon immer in uns gesteckt. Gleichzeitig haben wir aber eben auch dieses wütend-verrückte, durchgedrehte Element. Nachdem wir in den letzten Jahren vor allem wütenden Punkrock-Stuff gespielt haben, ist nun der Zeitpunkt gekommen, die andere Seite mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Vieles erinnert stark an Siouxsie And The Banshees, vor allem wegen Karens Gesang...
Das haben schon einige Leute gesagt, was witzig ist. Tatsächlich bin ich nämlich der Siouxsie-Fan bei uns. Karen respektiert die Band zwar, kann aber mit der Musik rein gar nichts anfangen.

Ernsthaft? Ich hätte vermutet, Siouxsie sei ihre Lieblingssängerin...
(lacht) Auf keinen Fall! Sie würde immer Madonna oder etwas Ähnliches vorziehen

Das hört man nun wieder gar nicht raus.
Lacht.

Wie lange habt ihr denn an dem Album gearbeitet?
Verdammt lange. Zunächst haben wir zum ersten Mal überhaupt das komplette Material im Studio geschrieben. Das war letztes Jahr im März und April in L.A. Im Juli gingen wir dann nach New York und begannen mit den Aufnahmen.

Die meisten Bands wollen gerade nicht in ihrer angestammten Umgebung arbeiten, um sich ganz auf die Aufnahmen konzentrieren zu können. Wurdet ihr in New York nicht dauernd abgelenkt?
Nun, wir wollten auf keinem Fall in einem dieser überteuerten gesichtslosen Riesenstudios arbeiten, in denen einem ständig die Zeit im Nacken sitzt. Ein Freund von uns - Dave Sitek von der Band TV On The Radio - hat ein kleines Studio in Brooklyn, in dem wir umsonst arbeiten konnten. Es ist von der technischen Ausstattung her vollwertig, aber mit der Atmosphäre eines Wohnzimmers -das war perfekt für uns. Und dann war es fantastisch, jeden Abend nach Hause gehen und im eigenen Bett schlafen zu können.

Hat sich an euerer Herangehensweise im Vergleich zu früher etwas geändert?
Tatsächlich haben wir diesmal mehr als zuvor alle zusammen an den Songs gearbeitet. Zwar arbeiten Karen und ich nach wie vor die ersten Ideen aus...

...wie ihr es bereits vorher als Folk-Duo gemacht habt...
Genau. Aber auch die Yeah Yeah Yeah-Songs entstehen im Allgemeinen zu zweit innerhalb von 20 Minuten mit einer Drum-Machine und zu Hause. Das hat sich aber nun etwas geändert. Brian hatte viel mehr Einfluss auf die Rhythmen, Karen hat sich musikalisch mehr eingebracht als sonst.

Und der Rhythmus ist ja ein sehr wichtiges Element in euerer Musik. Die Texte schreibt Karen aber alleine, oder?
Ja, das macht sie alleine. Ich habe absolut keine Ahnung, wovon sie singt. (lacht)

Hättet ihr jemals damit gerechnet, dass euer Debüt mit 500.000 verkauften Einheiten für ein Underground-Album derart erfolgreich wird?
Niemals. Wir haben gerade noch letzte Nacht darüber geredet. Natürlich hatten wir zu dieser Zeit bereits eine Menge Unterstützung durch unsere Freunde und auch sonst viel positives Feedback bekommen. Wir haben also schon gedacht, dass unsere Musik innerhalb einer gewissen Szene durchaus einigen Leuten gefallen könnte. Aber eben auf einem viel niedrigeren Level als das dann tatsächlich passiert ist, das wurde ja alles von Tag zu Tag immer unglaublicher.

Mittlerweile wurde das Album in mehrere Ländern sogar vergoldet, richtig?
Ja, das ist so verrückt!

Ihr habt allerdings auch eine Menge für den Erfolg getan und seid bis zur Erschöpfung auf Tour gegangen. Karen erzählte mir beim letzten Mal, dass sie sich nicht an das Leben auf Tour gewöhnen kann und extreme psychische und auch körperliche Probleme bekommt - zuletzt hatte sie gar einen Nervenzusammenbruch. Hat sich das mittlerweile etwas gelegt, wie geht sie damit um?
Wir versuchen ihre Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Auch wir anderen haben erkannt, dass es nicht ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit geht. Mittlerweile machen wir zwischendurch immer wieder ein paar Tage oder sogar Wochen Pause. Was Karen betrifft: Sie kann manchmal schlecht zwischen ihrer Rolle auf der Bühne und der Realität unterscheiden. Vielfach kann sie sich nach den Konzerten nicht erinnern, was auf der Bühne passiert ist. Wir alle haben nach einer Tour ein paar Kratzer, aber sie ist regelrecht vernarbt und voll mit blauen Flecken wenn wir wieder nach Hause kommen.

Macht dir dieser Kontrollverlust manchmal Angst?
Ich habe jedenfalls keine Angst, mich durch Karens Acting zu verletzen. Das einzige, was mich auf der Bühne verunsichert, sind herumfliegende Flaschen.

Es gibt einen Sänger namens Ben Lee, der euch einen Song gewidmet hat. Kennst du den?
(lacht) Ja, ich kenne ihn und auch den Song. Das ist sehr witzig. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie die Nummer gemeint ist. Das ist schon ein bisschen durchgeknallt, oder?

Jeder spricht ja ständig von dieser ach so tollen New Yorker Musikszene. Du musst es wissen: Gab es das überhaupt, eine richtige Szene, oder waren da einfach nur ein paar gute Bands? Und: was ist jetzt?
Das ist vorbei. Es war ohnehin nie eine Szene im klassischen Sinne, da wir nicht ständig mit all diesen anderen Musikern rumgehangen haben. Es gab aber Anfang des Jahrtausends durchaus eine sehr aufregende Bewegung, wie ich es nennen würde. Das war unglaublich spannend und hat uns auch angespornt. Und natürlich gab es auch Querverbindungen, man kannte sich schon untereinander. Auf einmal spielten all diese Bands dann überall auf der ganzen Welt, was einige Jahre vorher völlig unmöglich gewesen wäre. Alle hatten nun einen Manager, eine Plattenfirma und diese Dinge - dadurch verlor die Bewegung aber auch ihre Unschuld. Mittlerweile finde ich nicht, dass es besonders aufregende neue Bands aus New York gibt.

Zurzeit spricht ja alles von Clap Your Hands Say Yeah.
Die finde ich grauenhaft! (lacht) Dieser Typ klingt absolut wie David Byrne und rennt dann rum und erzählt, dass er die Talking Heads nicht kenne - das ist Schwachsinn!

Und was ist mit euren persönlichen Verbindungen zu beispielsweise den Strokes?
Man trifft sich ab und zu in Clubs und Bars, ist nett zueinander und erzählt ein bisschen. Allerdings wird bei solchen Gelegenheiten kaum über Musik gesprochen. Das ist mehr so wie einen Nachbarn in der Kneipe treffen.

Ein andere Band der frühen New Yorker Tage, die Liars, mit deren Sänger Angus Andrews Karen früher liiert war, wohnt mittlerweile in Berlin...
Ja, das stimmt. Allerdings ist Karen ja schon länger nicht mehr mit ihm zusammen. Ich wollte übrigens auch mal nach Berlin ziehen, aber das hat irgendwie doch nicht geklappt.

Ist ja auch schwierig mit der Distanz, oder?
Bei den Liars funktioniert es ja auch. Einer von ihnen wohnt in L.A. Wenn du einmal unterwegs bist, spielt es doch eigentlich keine Rolle, ob du drei oder zehn Stunden fliegst. Und eine Menge geht ja auch per e-mail. Wir hängen ohnehin nicht ständig miteinander ab. Zwischendurch sehen wir uns auch mal sieben oder acht Monate gar nicht. Jedenfalls war ich drei Wochen in Berlin und habe mich in diesen Nachkriegs-Charme und die aufregende Kunstszene verliebt. Das hat mich sehr an das New York von früher erinnert. Die Stadt zieht eine Menge interessanter Leute an, die wegen der günstigen Preise machen können was sie wollen. Das ist verdammt spannend.

Wohnt ihr denn weiterhin alle in New York?
Karen ist nach L.A gezogen. Brian und ich leben noch hier. Aber Brian ist der Einzige, der wirklich noch in Brooklyn wohnt - ich bin mittlerweile nach Manhattan gezogen.

Ich dachte, das sei viel teurer.
War es früher auch. Aber Brooklyn ist mittlerweile dermaßen hip, dass sich keiner mehr dort eine Wohnung leisten kann. Und am äußersten Rand von Manhattan findet sich durchaus bezahlbarer Wohnraum - also für New Yorker Verhältnisse.

Zuletzt warst du mit den Bright Eyes auf Tour, wie ist es dazu gekommen?
Ich bin seit einigen Jahren sehr gut mit Conor Oberst befreundet und er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen auf Tour zu gehen und auf dem "Digital Ash"-Album zu spielen. Das haben wir gemacht, und es lief hervorragend. Sehr entspannend - einmal nur der Gitarrist in einer Band zu sein und nicht so viel Verantwortung zu tragen.

Was ist denn für dich als Musiker der Hauptunterschied zwischen einer Bright Eyes-Show und einem eurer eigenen Konzerte?
Das ist völlig verschieden. Das Publikum ist viel ruhiger, bei den Bright Eyes hören die Leute mehr auf die Musik während sie bei uns die ganze Zeit über ausflippen. Witzigerweise gibt es aber in der Publikumsstruktur beider Bands erstaunlich viele Überschneidungen.

Und wie war es, mal mit einem Bassisten zu spielen?
Witzig. Allerdings zumindest am Anfang auch eine ziemliche Umstellung. Ich bin es halt gewohnt, den ganzen Lärm alleine zu machen, und auf einmal musste ich mich zurückhalten - eine interessante Erfahrung.

Die aber nicht dazu geführt hat, dass ihr nun auch mit den YYYs einen Bassisten dazunehmt, oder?
Nein, nicht wirklich. Wir werden aber auf der nächsten Tour einen zusätzlichen Musiker dabeihaben, der uns auf der Akustik-Gitarre, am Keyboard und bei zwei Songs sogar auch am Bass unterstütz. Du siehst - wir haben keine Berührungsängste.

Was ist dein Lieblingssong, in dem die Zeile Yeah Yeah Yeah vorkommt?
Oh, da gibt es so viele. Es sollte wohl einer von den Beatles sein. Allerdings ist diese Gary Glitter-Nummer auch nicht schlecht, ich glaube, Joan Jett hat das mal gecovert: "Do You Wanna Touch". Yeah, oh yeah, oh yeah - super. (lacht)

Text: Torsten Groß

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