"Fragen statt Antworten!" - 206 im Interview

Zur Lage der Nation oder zur Lage der Musik. Timm Voelker, Sänger der jungen Hallenser Wave-Punk-Band 206, überzeugt im Interview mit motor.de durch Weitblick.

206 aus Halle haben ihren ganz eigenen Standpunkt zu vielen Dingen, das wird klar, wenn man genauer auf die Texte des Trios achtet. Das ist in diesem Fall auch mehr als angesagt, denn was Sänger und Texter Timm Voelker zu sagen hat, sollte nicht ungehört verhallen. Dass 206 trotzdem auch einfach Rock-Musik machen, die gehört und vor allem live erlebt sein will, kommt dabei nicht zu kurz. Über die musikalischen Wurzeln, den Zustand des Musik-Business im Allgemeinen und politischen Texten im Speziellen, äußerte sich Timm Voelker im Interview mit motor.de.

motor.de: Ihr habt ja mittlerweile schon sehr viele Gigs gespielt. Trotzdem seid ihr bislang in eurer Heimat recht unbekannt. Woran liegt das?

Timm: Ich glaube, das liegt einfach daran, dass wir uns als Band den Leuten nie aufgedrängt haben, weder mit vielen Konzerten in der Heimatstadt, noch mit tausend belanglosen Posts auf Facebook oder MySpace, da uns sowas selber eher nervt, von dieser komischen Zwitscherplattform mal ganz zu schweigen. Klar posten wir mal ein Konzertbild und ich schreibe einmal im Monat meinen "HALLO WELT"-Blog, der dann als PDF via Facebook gelesen werden kann, aber wir wollten uns von Anfang an lieber auf die Musik und die Konzerte konzentrieren und den Leuten nicht auch noch virtuell auf den Sack gehen, denn das machen schon so viele.

motor.de: Aber ihr tauscht euch trotzdem auch mal mit anderen Musikern aus, oder isoliert ihr euch?

Timm: Naja, wir sind alle drei mehr oder weniger eremitisch veranlagt. Wir machen eben lieber unser Ding. Ich habe, ehrlich gesagt, auch gar nicht so sehr das Bedürfnis mich permanent auszutauschen. Das läuft dann eher so bei Konzerten mit anderen Bands und da wird dann mal geredet, wenns was zu bereden gibt. Aber für mich ist es nicht so wichtig, ständig von 1000 anderen Musikern umgeben zu sein und über die "Großartige Kunst" des Musikmachens zu debattieren.

motor.de: Am 25. Februar kam eure Platte "Republik der Heiserkeit" in die Plattenläden. Seitdem ist ja jede Menge passiert. Erzähl doch mal ein paar Takte zur Platte. Die Songs gab es schon länger, oder?

Timm: Es ist unsere Debütplatte mit Songs, die über den Zeitraum von zweieinhalb Jahren entstanden sind, in dem wir gemeinsam Musik machen. Tobias Levin, Produzent des Albums, hat uns dann dazu gebracht, die Stücke quasi auf ihre Quintessenz runter zu brechen, zu sehen, was der Kern der Sache ist. Es war auch seine Idee, die zwei "ruhigen" Songs "Republik der Heiserkeit" und "Silbermuehle" mit drauf zu packen, weil die eben auch Teil von 206 sind, den wir selbst vielleicht eher ausgblendet hätten. Wenn es nen roten Faden im Album gibt dann heißt der wohl: "Mehr oder minder erfolgreiche Problembewätigung mit sich selbst und der Welt im 21. Jahrhundert."

206 - "Hallo Hoelle"

motor.de: Eure Texte sind ja nun nicht gerade euphorisch und gut gelaunt, auch als einfach würde ich sie nicht bezeichnen. Meinst du nicht, dass du einige Leute mit eurer Art auch ein bisschen überforderst? Hat denn heute überhaupt noch jemand Bock, sich mit Themen wie Politik wirklich zu befassen?

Timm: Das ist eine gute Frage, aber ich denke, es ist wichtig eine echte Meinung zu haben und riskobereit zu sein. Denn im Jahr 2011 wirst du als Heranwachsender ständig dazu aufgefordert, deine Meinung zu jedem und allem abzugeben und das führt letztlich dazu, dass sich alle in Schlängelbewegungen zu riskofreier Beschallung in den Klubs und Städten bewegen, um möglichst risikofrei überall dazu gehören zu können. Es ist vielleicht eine David-gegen-Goliath-Aktion, dem Trend des Schlängelns etwas entgegenzusetzen. Aber irgendwer muss es tun und zum Glück wissen wir, dass wir nicht die einzigen sind die so fühlen und handeln. Ob die Konzertbesucher und Hörer dann letztendlich etwas davon mitbekommen und nach Hause mitnehmen, liegt an ihnen. Wenn sie überfordert sind, auch gut. Wenigstens werden ihre Sensoren in Herz und Hirn mal wieder ein bisschen durchgepustet, denn das passiert leider viel zu selten.

motor.de: Mit offener Kritik und Pöbelei ist ja derzeit Audiolith sehr erfolgreich und schafft es, viele Menschen mitzureißen. Was hältst du davon?

Timm: Audiolith hat Musik mit politischem Hintergrund raus aus der Nische und rauf auf den Party-Dance-Floor geholt. Und das ist 'ne großartige Leistung. Leider habe ich das Gefühl, dass viele Leute denken, sie haben ihr politisches Pensum mit dem Besuch einer Egotronic- oder Frittenbude-Show erfüllt. Und dann fühlt sich das für mich ganz schnell nach Ablasshandel oder, noch schlimmer, nach Modeerscheinung an. Wenn ich über sowas nachdenke, wird mir immer schlecht.

motor.de: Kommen wir mal zur Enstehung der Platte. Wir seid ihr auf den Produzenten Tobias Levin gekommen?

Timm: Wir haben auf der Gala des Uebel&Gefährlich in Hamburg gemeinsam mit Ja, Panik! und 1000 Robota gespielt. Tobias Levin hat uns dort eher zufällig gesehen, sprach mich an und meinte er hätte Lust, mit uns 'ne Platte aufzunehmen. Er kam nach Halle zu uns in den Proberaum, wo wir ihm dann unsere Songs nochmal vorgespielt haben, dann wurde drüber geredet, Sachen wurden ausprobiert, es wurde gegessen, getrunken und geraucht. Es hat einfach gepasst. Und dann waren wir ziemlich schnell im Electric Avenue Studio in Hamburg.

motor.de: Auf dem Album gibt es einen Song mit dem Titel "Baader". In diesem Zusammenhang habe ich in einem Interview gelesen, dass die RAF für dich einen gewissen Pop-Appeal besitzt. Das ist in Bezug auf den Song spannend.

Timm: Ich hab mich mit der Rezeption der RAF auseinander gesetzt, nicht direkt mit den Handlungen an sich. Im Grunde gehts darum, was letztendlich von Baader und dem Rest der Rasselbande übrig ist - und da haben wir ja vorrangig Filme und Reportagen, heroisierte Identifikationsfiguren und das tolle Logo. Findige Menschen drucken das auf Shirts und verkaufen die dann: Das ist Pop-Kultur in Reinform. Mehr passiert nicht. Das wurde knallhart assimiliert. Die Rechte am DDR Hoheitswappen hat sich übrigens auch jemand unter den Nagel gerissen... Davon abgesehen ist Andreas Baader nicht der einzige Baader. Es gibt da noch den aus Halle stammenden Dichter "matthias" BAADER Holst, der sich damals mit der DDR auf eine sehr spezielle Weise auseinandergesetzt hat. Seine Texte sind unglaublich gut, leider ist er unglaublich unbekannt. Ich habe mal einen Spoken-Word Abend mit Texten von ihm gestaltet, um ihn wieder ins Gedächtnis der Leute zu holen und ich glaube sein damaliger Kumpan und Ingeborg-Bachmann Preisträger, Peter Wawerzinek, hat jetzt eine Biografie über ihn geschrieben. "Baader" ist im Grunde genommen ein Song über einen Baader, inspiriert von einem anderen Baader.

motor.de: Wo siehst du deine musikalischen Einflüsse und Inspirationsquellen?

Timm: Angefangen hats mit Michael Jacksons "Thriller", zu dessen Musik ich von meiner Geburt bis ins Alter von ca. 6 Jahren beinahe täglich getanzt habe. Danach gab es eine Phase in der ich andere Prioritäten setzen musste. Mit 13 begann dann die typische musikalische Sozialsierung eines angepissten Jungen aus Halle/Saale: Erst Slayer, dann Grunge mit den Melvins und Nirvana, dann ein bisschen Dead Kennedys und letzendlich sehr viel Post-Punk kram: Wire, Joy Divsion aber auch Bauhaus und Sisters Of Mercy. Um Deutschpunk hab ich nen Bogen gemacht, das ist vielleicht das einzig untypische. Ich glaube, dass sich das alles in gewisser Weise in unserer Musik wiederspiegelt. PJ Harvey hat mich mit ihrer Art Gitarre zu spielen, zu singen und Songs zu schreiben auf jeden Fall auch schwer beeinflusst. Das ist vielleicht nicht so eindeutig zu hören, wie die anderen genannten Bands, aber wer es weiß, kriegt das auf jeden Fall mit.

motor.de: Gibt es noch etwas, was du den Menschen sagen möchtest, um 206 besser zu verstehen?

Timm: Ja! Hört euch unsere Songs nicht mit der Erwartung an, irgendwelche Antworten geliefert zu bekommen. Es geht nicht darum, auf die richtigen Antworten zu warten. Es geht darum, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen, auch wenn es manchmal weh tut. Und überhaupt: Kommt zu unseren Konzerten. Das ist Rock-Musik, verdammt nochmal!

Interview: Alex Beyer




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