Der große Umsonst-Irrtum

Am 21. März platzte Sven Regener in einem Telefoninterview der Kragen. Er bestand im Rahmen einer "Wutrede" darauf, dass Künstler zu vergüten sein. Das ist eine absolut nachvollziehbare Forderung, der sicher kaum einer verwehren kann. Doch wie kommt der gute Mann darauf, dass die "ganzen asozialen Leute" von denen er spricht, für Musik nichts zahlen wollen?

(Foto: Charlotte Goltermann)

Ich mag Sven Regener. Anzuhören wie er dem (fast bemitleidenswerten) bayrischen Rundfunkautor Erich Renz einen einschenkt, macht allein schon ob seiner Wortwahl und der brillanten Betonung des Textes einen großen Spaß. Kaum zu glauben, dass das improvisiert war. Der Mann kann mit Sprache und Dramaturgie wirklich virtuos umgehen, deshalb habe ich ihn und seine Band Element of Crime auch vor einem Vierteljahrhundert für die Polydor unter Vertrag genommen.

Der spontane Wutausbruch ist Regeners bislang wahrscheinlich größter Hit. Die seriöse Presse von Süddeutsche bis Spiegel (letzterer macht den "Aufstand der Autoren" sogar zum ersten Aufmacher ihrer aktuellen Ausgabe) sucht nun den Schulterschluss mit ihm. Schließlich sitzen dort auch Schreiberlinge, die befürchten, nicht oder aber immer schlechter, für ihre geistige Arbeit vergütet zu werden.

Profilierte Redakteure wie Kurbjuweit ("Die Freiheit der Wölfe") und 51 Autoren des Tatort (Im Rahmen eines Offenen Briefs an "Liebe Grüne, liebe Piraten, liebe Linke, liebe Netzgemeinde") setzen aktuell gegen die "Kostenlos-Kultur" nach – suggeriert wird im Windschatten Regeners, nur mit staatlicher Kontrolle könne verhindert werden, dass die Ideen und Kreativität im Netz geplündert werden könne, wie die Waren aus einem Supermarkt während eines Bürgerkriegs.

Diejenigen, die sich gegenüber der von ihnen festgestellten "Kostenlos Kultur" verwehren, frönen ihr in der Regel selbst nicht. Darin liegt das zentrale Missverständnis begründet. Täten sie es, wüssten sie, dass im Netz "Umsonst" eine Schimäre ist. Die Villa, die Autos, die Hausmädchen von Megauploads Kim Schmitz kommen nicht von ungefähr, sondern sind Ergebnis der Gebühren des Dienstes, den man bei intensiver Nutzung zu zahlen hatte.

Auch die 180 Millionen die man meint als Gewinne von kino.to ausgemacht zu haben, sind nicht Ergebnis von dem blöden Porno-Banner, das man bei dem Dienst zu Anfang wegklicken musste, sondern den "Optimierungszugängen" die man für 14,99 im Monat abonnieren sollte, damit der Stream mit den neuen Kinofilmen schneller kam und nicht abbrach. Das Geschäftsmodell hat sich bis heute (jetzt beim Nachfolger kinox.to) nicht geändert.

Bezahlt wird für Service und Inhalte im Netz immer. Entweder im Rahmen von Flatrates für aktuelle Musik oder Filme oder eben mit Zeit oder persönlichen Daten. Denn auch dort, wo der Konsument mit Pop-Ups und anderer Werbung beballert wird oder sich durch Fragen in Suchmaschinen oder in sozialen Netzwerken offenbart, entsteht ein Mehrwert. Die wenigsten Plattformen werden von Altruisten betrieben, die meisten haben sehr wohl ein Geschäftsmodell. Das erkennt auch der auf die "Kostenlos-Kultur" schimpfende Regener: "Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen (....) ist scheiße."

Sven Regeners Wut-Rede

Es ist anzunehmen, dass eine Mehrheit der Nutzer Regener zustimmen würden. Ihnen geht es nämlich in erster Linie um guten Service und nicht um "kostenlos". Würden sonst Supermärkte unter dem Risiko von drastisch steigendem Ladendiebstahl ihre Läden offen gestalten und die Nadelöhre an den Kassen verschwinden lassen? Würden sonst die Märkte, in denen es für Musik legale Streamingangebote gibt, die so schnell wie die Radiostationen bedient werden (Skandinavien, Frankreich, BeNeLux) plötzlich wieder deutlich wachsen?

Kostenlos ist kein Menschheitsbedürfnis. Und weder Diebstahl noch Plünderei sind cool. Plünderung ist kein Hobby von Hipsters, sondern Ausdruck von Wut (siehe die Londoner Krawalle von 2011) oder purer Not (siehe den "Kohlenklau" in den Nachkriegsjahren). Erinnert sich einer an den heldenhaften Plünderer, der mit seinen Taten und der Beute prahlt? Nein, Diebstahl und Plünderei sind gesellschaftlich geächtet, schon allein weil ein jeder von uns Opfer ihrer werden kann.

Das Bedürfnis nach bequemen und unmittelbaren Zugriff auf Entertainment-Inhalte ist jedoch offensichtlich ein Bedürfnis. Es bahnte sich bei Musik schon vor fast 15 Jahren mit Napster den Weg. Im Rahmen einer hitzigen Diskussion über "Internet-Piraterie" innerhalb des Bundesverbandes Musikindustrie, bei der ich damals für die Universal Entertainment teilnahm, fragte ich die Chefs der anderen, großen Plattenfirmen, wer denn schon einmal "Napster" genutzt habe. "Napster" war damals ein P2P-Service und illegal. Keine einzige Hand hob sich.

Alle Musik war dank Napster jederzeit verfügbar. Das und nicht der Fakt, dass man nichts zahlte, machte den Dienst zum Erlebnis. Das Gefühl war dabei wie beim "Kohlenklau" – man tat es mangels anderer Möglichkeit, war aber mitnichten stolz auf sich. Hätte man sich seitens der Musikindustrie inhaltlich mit dem illegalen Konkurrenten beschäftigt, statt ihn ungesehen und ungenutzt zu verdammen, hätten wirkliche, legale Alternativen nicht fünf (iTunes), respektive zehn (Spotify) Jahre nach Napster auf sich warten lassen.

Die Musikindustrie hat aus Unkenntnis über die Bedürfnisse ihrer ehrlichen Kunden, diese im Internet entweder gar nicht bedient, oder ihnen lange mit Kopierschutz das Leben schwer gemacht. Verständlich dass auf diese Art und Weise die sich überholt habende CD nicht non-physisch substituitert werden konnte. Besonders dort nicht, wo wie in Deutschland das Geschäftsmodell mangels GEMA-Einigung für die legalen Anbieter über Jahre unkalkulierbar blieb. 83% des Umsatzes wurde 2011 in Deutschland noch mit Tonträgern gemacht, das ist weltweit ein Negativ-Rekord (in den USA waren es zum Vergleich 49%).

Um Sven Regeners Wut gerecht zu werden, müssen wir also nicht nach schärferen Gesetzen rufen, sondern Blockaden wie zwischen GEMA und YouTube aufheben helfen, damit die adäquaten Angebote entstehen. Diese Angebote und Künstler wie Sven gilt es dann dadurch zu schützen, dass man wie im Fall Schmitz und kino.to zu Recht geschehen, die Menschen bestraft, die an ihren Geschäftsmodellen Kreative nicht angemessen beteiligen.



Tags element of crime kostenloskultur napster spotify sven regener urheberrecht wutrede

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