Sinnbus im Interview

"Wir sind ein Gemischtwarenladen" - Sinnbus Macher Daniel im Interview

(Foto: Rosa Merk)

Die Heimat von Bodi Bill, Hundreds und Me And My Drummer ist jetzt schon zehn Jahre alt, Sinnbus feiert Geburtstag! Wie sich das gehört, wird das Jubiläum jedoch nicht mit Sahnetorte und Partyhütchen, sondern mit einem Sampler und fünf Festivalabenden voller exquisiter Livemusik aus ihrem eigenen Bandreportoire begangen. Die Freunde Daniel Spindler, Uwe Bossenz, Peter Gruse und Martin Eichhorn stecken seit Jahren ihr Herzblut in das Label, das einer ganz eigenen Dynamik der Musikliebhaberei entsprang. Aus den DIY-Kumpels sind Unternehmer geworden und seither verdanken ihm Fans treibender Indie, Elektro und Postrock-Klänge 49 Alben von fast 30 Bands. Die 50. Albumrelease ist jetzt der Jubiläums-Sampler, der quer durch die üppige Schatzsammlung führt. Mittlerweile ist Sinnbus ein fester Bestandteil der deutschen Indielabel-Landschaft und beweist mit seinem Bandraster einen stilsicheren Garant für lohnenswerte Blindkäufe. Im Interview lässt Daniel Spindler hinter die Wände des Berliner Labels blicken und erzählt, wie das Kind aus der Wiege gehoben wurde, was sich seither verändert hat und den Laden am Laufen hält.

Motor.de: Sinnbus ist?

Daniel Spindler:

Sinnbus ist

Wie ist Sinnbus eigentlich entstanden?

Irgendwann um das Jahr 2000 hatten wir angefangen mit den Bands, in denen wir gespielt haben, unsere eigenen Konzerte zu organisieren. Zum einen weil wir nicht so selbstverständlich an Gigs kamen und zum anderen weil uns die üblichen Konzerte immer ein bisschen gelangweilt haben. Bei unseren Konzertabenden wurde das Publikum viel eingebunden: Wir haben bei einer Art Battle-Veranstaltung zwei, drei Bands gegenüber spielen lassen. Dann gab‘s noch den Syntaxfahrer – jeder bekam am Eingang ein Wort oder eine Silbe und die Leute mussten sich zu Wortgruppen zusammenrotten. Oder wir hatten ein kostenloses Festival ohne Werbung im Berliner FEZ veranstaltet. Da gab‘s eine Bühne auf dem Wasser und wir arbeiteten mit einer Projektion. Aus diesem Geklüngel, mit dem wir angefangen hatten unser eigenes Zeug zu organisieren, war es einfach ein logischer Schritt, auch ein Label zu gründen. Zwei von uns, Jan und Martin von SDNMT, haben sich Geld von ihren Eltern geborgt. 1000 Euro oder so waren das damals. Das kam uns unfassbar viel vor und wir fanden das krass, dass die sich so wahnsinnig verschulden. Dann ging‘s los. Den Anfang machte ein Sampler mit allen Bands, die in diesem Klüngel mit drin waren. Aber die erste richtige Veröffentlichung war das erste Album von SDNMT 2003, was wir rückblickend als Startpunkt für das Label nahmen.

Kamen die 1000 Euro „Riesenverschuldung“ dann relativ schnell wieder rein, so dass ihr gemerkt habt, dass sich das Ganze auch abseits des eigenen Idealismus‘ lohnt und ihr Sinnbus weiter betreiben könnt?

Ich weiß jetzt nicht, wann und ob sie das ihren Eltern je zurückgegeben haben. Ich bin bei uns am wenigsten derjenige, der sich um die Zahlen kümmert. Aber hätten wir schon frühzeitig geschaut, ob sich das wirtschaftlich lohnt, dann hätten wir nicht weiter gemacht. Viele von den ersten Sachen haben sich nicht wie geschnitten Brot verkauft. Das war auch nicht schlimm, weil die Produktion nicht sehr teuer war. Wir haben am Anfang noch viel selbst gebastelt – alle Cover zum Beispiel. Den Druck haben wir dann schwarz bei einem Kumpel in der Druckerei machen lassen – da war viel gemauschelt und so günstig wie möglich gemacht. Aber der Ansporn war, dass immer was neues kam. Wir waren damals sehr viele Bands und dadurch war immer Nachschub da. Deswegen gab es dann immer wieder den Hype mit „Na das müssen wir jetzt auch noch machen! Und das müssen wir irgendwie auch noch machen!“  Und dann haben wir das dann irgendwie zusammengekratzt und mit Konzerten gegenfinanziert. Dass wir uns auch einen richtigen Plan gemacht und auf die Zahlen geschaut haben, das kam dann erst mit jeden Schritt, den wir weiter gegangen sind.

Wie war dann der Schritt von „Wir haben Bock Konzerte zu machen“ zu „Wir haben Bock, Musik als Verlag rauszubringen“? Die befreundeten Bands hätten doch auch zu Label XY gehen können.

Wir haben natürlich damals auch unsere Musik an alle möglichen Labels geschickt, die wir cool fanden. Kitty Yo und sowas. Das fanden die aber alles nicht so geil, dass die das rausbringen wollten. Und dann war‘s am Ende ähnlich wie mit den Konzerten: Wir dachten damals eben „Komisch, wenn niemand mit uns Konzerte machen will, dann machen wir die halt selber“. Wie haben dann eben angefangen, auch darüber nachzudenken ein Label zu starten. Am Anfang war das alles noch sehr rudimentär und in keiner Weise professionell. Am Ende stand für uns die riesengroße Befriedigung, eine CD mit der Musik in der Hand zu halten. Und über alles, was danach kommt, das ordentlich zu bewerben oder vernünftig Promo zu machen, davon hatten wir damals noch gar keinen Schimmer.

Was hat sich in den Jahren an Professionalität getan?

Das sind ganz einfache Sachen. Dass wir die Hüllen zum Beispiel nicht mehr selber basteln - da geht einfach zu viel Zeit drauf. Es gab viele Diskussionen darum und so traurig das ist, aber am Ende ist es für nur sehr wenige Leute entscheidend, ob das nun von Hand gebastelt wurde oder einfach nur ne okaye Verpackung ist. An der Stelle haben wir sehr viel Zeit eingespart, die wir ins Telefonieren stecken konnten oder ins Organisieren von Konzerten. Mehr Professionalität hat sich auch ergeben, als wir anfingen mit einem Vertrieb zusammen zu arbeiten. Unser erster Vertriebsdeal wurde richtig klassisch ersoffen. Auf der Popup-Messe hat einer von uns mit den Jungs von Alive den  Abend im Leipziger Ilses Erika verbracht und dann hatten wir eben einen Vertriebsdeal – besagt die Legende. Das hat sehr viel verändert, weil auf einmal die Kanäle viel größer waren, wir auch einen größeren Namen hatten und von mehr Leuten wahrgenommen wurden. Das war ein Prozess, in dem wir mit jedem Schritt Sachen verfeinert haben.

Sinnbus war früher?

Sinnbus war früher

Als Labelbetreibender hast du jetzt zehn Jahre im Musikzirkus mitgespielt. Was hat sich aus deiner Sicht verändert und was ist gleich geblieben?

Gleich geblieben ist, dass alle wahnsinnig viel labern, was mir total auf die Nerven geht. Bei vielen Leuten weiß man halt, dass man locker 30% von dem, was gesagt wurde, wegkürzen kann. Ich finde es immer ein bisschen schade, dass die Begeisterung und das Feuer für eine Band oder irgendein Projekt immer mit so viel heißer Luft transportiert werden muss. Es wäre für mich auch glaubwürdig, wenn man einfach sagen würde „Ich find’s richtig geil“, aber nicht so „Whäää whää!“ [macht rotierende Armbewegungen]. Was sich verändert hat, sind die Diskussionen der letzten Jahre – über die Formate, digital und Internet, Downloads und so. Aber wir haben uns, gerade am Anfang, nicht als Musikindustrie gesehen. Wir waren einfach Typen, die die Musik von ihren Freunden auf CDs und später auch auf LPs gepresst haben und nie, zumindest am Anfang nicht, so ein Musikwirtschaftsempfinden hatten. Das kam später alles, als wir sahen, dass alle anderen ähnlich arbeiten, auch nur mit Wasser kochen und trotzdem alles funktioniert. Dazu kommt, dass wir ja nie die richtig fetten Jahre erlebt hatten. Als wir anfingen ging die Diskussion über den Untergang der Musikindustrie durch das Internet erst los. Wir hatten also keinen Einschnitt, sondern für uns ist von den Zahlen her immer alles besser geworden. Der Stress wurde natürlich auch mehr, aber das gehört ja irgendwie dazu. Für uns hat sich verändert, dass Sachen sehr viel klarer sind als früher und wir haben sehr viel gelernt. Aber die üblichen krassen Veränderungen sind an uns vorbeigegangen. Wobei das auch nicht ganz stimmt. Wir haben damals unseren internationalen Vertrieb verloren, kurz nachdem wir angefangen hatten mit denen zusammen zu arbeiten und mit Bodi Bill so richtig loslegen wollten. Aber naja, das sind halt die Schäden, die andere Labels auch tragen mussten. Was sich nicht verändert hat, um ein bisschen pathetisch zu sein, ist dass wir immer Wert darauf gelegt hatten, Sachen mit unseren besten Freunden zusammen zu machen. Wir sind ja seit zehn bis 15 Jahren in einer ähnlichen Konstellation zusammen in Projekten und das ist so geblieben.

Würdest du sagen, dass das auch ein Stück Sinnbus-Philosophie ist?

Wir wollten immer Sachen rausbringen, die uns gefallen. Am Anfang waren das eh nur Sachen aus unserer eigenen Suppe und die findet man ja automatisch cool. Aber Bands, die wir dann von außen kennengelernt hatten, hatten immer Sachen, die uns irgendwie begeistert haben. Das war total unterschiedliche Musik, da gibt es keine klare Linie wie bei einem Techno- oder Hardcore-Label. Wir sind sozusagen ein Gemischtwarenladen. Das ist die eine Seite, dass es uns einfach begeistern muss. Zum anderen müssen wir das Gefühl haben, dass es funktionieren kann. Nicht, dass es sich bombig verkauft. Aber wir müssen sagen können, okay, die Band spielt Konzerte, die lösen sich nicht nach einem halben Jahr auf, was ja auch nicht selbstverständlich ist. Und der andere Teil der Philosophie ist wirklich, dass wir Sachen zusammen machen wollen. Und daran halten wir fest.

Wie groß ist die Schere zwischen der Musikliebhaber-Selbstausbeuterei und dem Unternehmertum?

Wir haben unsere Tabellen und müssen zusehen, dass es klappt. Aber unterm Strich ist es schon immer noch Selbstausbeutung. Wir haben erst 2010 angefangen, einem, nämlich mir, ein Gehalt zu zahlen. Und seit Anfang 2013 bekommt Peter ein Gehalt. Aber das sind Spaßgehälter, mit denen kann man keine riesigen Schritte machen. In einem normalen Beruf, in dem man emotional nicht so drin hängt, wäre das überhaupt keine Grundlage. Das würde in keinem Verhältnis stehen zur Zeit und zu dem Aufwand, den wir uns an die Backe binden. Aber man kommt rum damit und kann dieses Zeug machen und das ist am wichtigsten. Es ist also eher noch Selbstausbeutung als ein schnurstracks durchorganisiertes Unternehmen.

Was wäre eine Welt ohne Sinnbus?

Eine Welt ohne Sinus

Was war in den letzten zehn Jahren dein liebster Sinnbusmoment?

Für uns alle war es ein großer und verbindender Moment als wir 2011 als Team mit Bodi Bill zur What-Tour mitgefahren sind. Nicht nur als die blöden Labertüten vom Label, die alles aus dem Kühlschrank essen, sondern jeder von uns hatte eine Funktion. Uwe, der eigentlich Filmton macht, war als Lichtmann dabei und hatte einen Monat vorher begonnen, sich in Lichtpulte reinzulesen. Peter war der Tourmanager und ich war ein paar Tage als der Spaßtyp dabei. Mariechen Danz, die bei Unmap singt, war auch mit an Bord und Rosa auch, eine Fotografin, die mit im Büro sitzt. Der Tonmann Tim ist ein alter Freund von uns und war bei den alten Bands von uns auch immer mit am Start. Diese ganzen technischen Positionen und Arbeitsbienchen, das waren alles wir und nicht etwa fremde Leute. Die ganze Tour war von vorne bis hinten eine große Klassenfahrt. Im Grunde war das die Erfüllung von dem, worauf wir immer hingearbeitet hatten, weil es nur durch uns und mit uns funktioniert hat, wir davon leben konnten und tolle Sachen erlebt haben. Das war ein total wichtiger und glücklicher Punkt.​

Jetzt wo du Bodi Bill ansprichst: Habt ihr als Label noch Zugriff auf den künstlerischen Prozess innerhalb der Produktion von Alben eurer Bands? Oder habt ihr überhaupt keine Lust, denen Vorschriften zu machen?

Es ist auf jeden Fall immer ein schmaler Grat. Das ist bei Bodi Bill viel einfacher, weil wir uns ja schon ewig kennen. Und wenn wir über Musik oder das Artwork reden, dann ist es völlig klar, dass dieser Austausch auf der Freundesebene stattfindet und nicht das Label dem Künstler irgendwas erzählt, sondern ein Kumpel dem anderen seine Meinung sagt. Gerade im Fall von Bodi Bill ist das so, weil die auch relativ stilsicher sind. Ich würde Fabi aber nie ins Artwork reinreden. Erstens weil ich davon kaum Ahnung habe und zweitens weil ich krass finde, was er macht. Ich habe immer Vertrauen, dass das was da kommt, auch sitzt. Aber generell reden wir mit den Bands viel über die Musik, das Artwork und die Art und Weise, wie das sein soll. Wir bewegen uns da natürlich auf dünnem Eis. Gerade aus Künstlersicht steht die Frage: wo hört das auf, dass man das einfach so auf einer Musikhörerbasis geredet wird und ein Meinungsaustausch stattfindet? Und wo fängt das an, dass ein Unternehmen etwas in eine bestimmte Richtung drücken will, weil es der Meinung ist, dass es dann besser funktioniert. Da gibt’s natürlich auch viel Reibung aber uns ist wichtig, dass wir Sachen und Strategien gemeinsam entwickeln und schauen, was am besten passt. Viele Bands sind ganz froh, eine andere Meinung zu hören, zumal sie den Kopf selbst in der Musik haben. Wir legen Wert auf einen regen Austausch, der im besten Fall auf Augenhöhe ist. Wir sind ja auch die ersten Filter und die ersten Kunden und Hörer.

Wenn ihr irgendwann Millionäre seid und die ganze Welt nur noch Sinnbus hört?

Wenn ihr irgendwann Millionäre seid und die ganze Welt nur noch Sinnbus hört

Wo soll es jetzt noch hingehen?

Als nächstes kommt im Herbst das Unmap-Album, worauf wir uns auch alle ziemlich freuen, weil es musikalisches Neuland ist. Es ist souliger ohne Soul zu sein. Es hat Elemente, die wir bisher nicht hatten und ist in unseren Augen ein spannendes Album, das uns umhaut. Im nächsten Jahr soll das neue Hundreds-Album rauskommen. Die Sachen, die wir bisher gehört haben, sind völlig wahnsinnig. Wir haben dann jetzt erst mal noch unsere Festivalabende und dann mal schauen, was uns noch so beflügelt. Wir wollen dem Label auf jeden Fall noch einmal frischen Wind verpassen, auch was das Aussehen betrifft. Und wir wollen weiter nach toller Musik suchen. Wir haben seit diesem Jahr Krakatau im Haus, das Technolabel von den Bodi Bill-Jungs, für das sie aber nicht mehr so richtig Zeit haben. Jetzt teilen wir uns die Arbeit. Das sind die spannenden neuen Felder, die wir beackern wollen.

 

10 Jahre Sinnbus Festival | Labelnacht (Konzerte & Party)

31.10.2013 HAMBURG | UEBEL & GEFÄHRLICH
01.11.2013 JENA | KASSABLANCA
02.11.2013 LEIPZIG | UT CONNEWITZ
07.11.2013 BERLIN | HEIMATHAFEN

Julia Kindel

Tags interview labelnacht motor.de sinnbus

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