Ich kannte die, da waren die noch real

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Antitainment: Ich kannte die, da waren die noch real

Der Name ist nicht Programm - Antitainment unterhalten auf ihrem dritten Album "Ich kannte die, da waren die noch real!" mit Hardcore 2.0. 


Rein vom Namen her halten Antitainment nicht, was sie versprechen. Wären die Frankfurter wirklich die Antithese der gepflegten Unterhaltung, müssten ihre Platten so langweilig sein, dass selbst aufmerksamste Zuhörer reihenweise vor der Anlage wegnicken. Aber das Gegenteil ist der Fall.


Selbst wenn man Hardcore mittlerweile für eine eher uninteressante Nischenmusik hält, sind die Antitainer doch immer wieder für eine Überraschung gut und nehmen mit dem Albumtitel schon mal die Credibility-Diskussion vorweg, die sich unvermeidlich am Szene-Horizont zusammenzieht. Das dritte Album mit dem hübsch sperrigen Titel "Ich kannte die, da waren die noch real!" reißt einer fast zum Stillstand gekommen Musik die Scheuklappen runter und lässt sich auf einige verquere Kombinationen ein: Blastbeats treffen auf billige Achtziger-Keyboard-Sounds, Metal/Hardcore-Riffs unterlegt die Band gern mit zynischen DaDa-Lyrics, wie sie die Goldenen Zitronen auch gut hinkriegen und streut als Zuckerguss noch bombastische Opernkeyboards darüber. Das alles passiert rasend schnell, 11 quirlige Songs werden in 23 Minuten durchgepeitscht, da bleibt fast keine Zeit zum Luftholen. In Songs mit sagenhaften Titeln wie "Neulich beim Existenzgründer-Seminar" kann man dabei auch mal mit rausgebrüllten Tocotronic-Hommagen rechnen. Zusammengenommen deutet das alles darauf hin, daß Antitainment halt nicht die typische, in Stil und Auftreten versteinerte Crustcoreband sind, für die sich beim Gig im Rattenkeller nur mehr fünf Nietenkaiser interessieren. Dahinter steckt mehr.

Antitainment - Autonom



Mehr Wahnsinn, aber auch mehr Methode. Wenn man bedenkt, dass Bands wie Tocotronic oder Muff Potter ja auch eine lupenreine Punk-Sozialisation hinter sich haben, zeigen Antitainment mit "Ich kannte die, da waren die noch real!", wie es anders gehen kann: wenn der Indie-Nerd eben nicht in immer seichtere Gefilde abdriftet, sondern die Hardcore-Wurzeln beibehält und ihnen das ein oder andere szenefremde Düngestäbchen zukommen lässt. Gerade solche Experimente, wie sie Antitainment immer wieder aushecken, könnten Punk davor bewahren, endgültig zum subkulturellen Fossil zu werden.

Tim Kegler

VÖ: 02.07.2010

Label: Zeitstrafe

Tracklist:

01. Eigentlich Wollte Ich Ja Nicht Mehr Über Musik Reden
02. Drei Tage Schlafen
03. Eigentlich Wollte Ich Ja Nicht Mehr Über Musik Reden, Sondern Sell Out
04. Der Weg Liegt Voll Mit Scheiße
05. Eigentlich Wollte Ich Ja Nicht Mehr Über Musik Reden, Sondern Jammen
06. Gegen Dich Und Deine Freude
07. Neulich Im Seminar Für Existenzgründung
08. Eigentlich Wollte Ich Ja Nicht Mehr Über Musik Reden, Sondern Raven
09. Das Halbe Ist Die Lebensordnung
10. Und Was Hast Du So Gemacht?
11. The Sound Of Produktionszwang  
 

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