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Art Brut
Art Brut: PRO & KONTRA: Brilliant! Tragic!
Wie klingt es wohl, wenn die Pixies-Legende Black Francis dem Pausenclown Eddie Argos das Singen beibringt? Zu hören gibt's diese Versuche auf dem vierten Studioalbum von Art Brut.

Selten wurde derart kontrovers diskutiert in der motor.de-Redaktion. Kaum Vergleichbares erhitzte die Gemüter, spaltete die Meinungen in zwei unversöhnliche Gruppen. Der Auslöser? Das vierte Album "Brilliant! Tragic!" von Art Brut. Weil sich die eine Seite mit einer überbordenden Lobhudelei, die andere mit einem derben Verriss nicht abfinden konnte, gibt es an dieser Stelle nun ein PRO und CONTRA.
Doch schon bei "Lost Weekend", einem Highlight der Platte, zeigt sich, dass nicht alles beim Alten geblieben ist. Argos hat seine Stimme entdeckt. Und singt! Zu verdanken hat er dies Pixies-Legende Black Francis, der ihm nach den Studiosessions zur neuen Platte Gesangsunterricht gab. Resultat ist natürlich kein engelsgleiches Geträller, es ähnelt vielmehr einem eingängigen Brummen und teils theatralisch geflüstertem Singsang, zeigt aber gleichzeitig eine neue Seite der Band und verleiht ihr erstmals eine gewisse Ernsthaftigkeit.
Art Brut – "Lost Weekend"
Die Stimme des Leadsängers entschleunigt die Platte, lässt an einigen Stellen sogar Romantik aufkommen. Das lauschige "Sealand" wirft schon nach den ersten Tönen das Kopfkino an: Es läuft eine verträumte, fast schnulzige Liebesgeschichte. Schauplatz: Das Fürstentum Sealand. Eine real existierende, einsame Inselplattform mitten in der Nordsee. Eigentlich zu niedlich für eine Band wie Art Brut, doch zeigt sich hier ihre musikalische Entwicklung: Neben Rock'n'Roll mit Quatschtexten, beispielsweise in "Axl Rose" oder über Argos' Stimme ("Everybody wants to feel sexy sometimes. I can make it happen with a voice like mine."), finden diesmal auch ernste Themen, wie die eigene Beerdigung, teils mit einem kleinen Augenzwinkern versehen, ihren Platz auf "Brilliant! Tragic!".
Auf den schrägen Sprechgesang und spannend unspannende Geschichten über das Trinken, Ex-Freundinnen oder das Leben als „Psychic“, bei denen auch immer eine gute Prise Ironie mitgröhlt, hat das Quintett aber trotzdem nicht verzichtet. Gut so! Denn so bildet diese Platte in ihrer Gesamtheit eine abwechslungsreiche Harmonie, bei der der Titel, ebenso wie bei seinen Vorgängern, hält was er verspricht!
Stefanie Göthel
Aber immer der Reihe nach: Das aktuelle Album ist ohne Frage eine hervorragende Einführung in den Katalog der Londoner. Doch genau hier liegt der Hund begraben: Mit den ausgelutschten Pseudo-Kalauer-Lyrics und der ewiggleichen Spoken-Word-Performance unterstreichen Art Brut ihre eigene Stagnation. Dem neuen Langspieler fehlen beinahe gänzlich die Überraschungen, Spitzen oder gar Aha-Momente. Beobachtungen beim Busfahren, Errektionsprobleme oder Alkoholexesse – die Alltagsthemen, die Argos & Co. seit jeher verarbeiteten, waren schon 2005 nur bedingt lustig. Sicher, die Augenzwinker-Attitüde ist geblieben, das wohlwollende Ertragen auf Hörerseite jedoch nicht, wenn man sich einmal "Sexy Sometimes" mit Verstand anhört. Ein Track wie "Bad Comedian" darf als Symbol für Art Bruts Wiederkäuer-Fertigkeiten angesehen werden, ruht er sich doch auf den Lorbeeren aus, die sie einst ernteten. Auch musikalisch wird man das Gefühl nicht los, als sei das Quintett nur rudimentär eine Einheit.
Art Brut – "Bad Comedian"
Angesichts der durchaus eingängigen, bisweilen verführerischen Melodien ("Ice Hockey") und der astreinen Produktion von Black Francis ließe sich der Langspieler beinahe hervorragend als Instrumentalalbum vorstellen. Auch wenn das John Lennon'eske "I Am The Psychic" mit stampfenden Drums und wilden Riffs als auditive Backpfeife daherkommt, quillt der Defätismus aus jeder Pore von "Brilliant! Tragic!". Die Presseinfo weist Art Brut als selbstbewusste und konfrontative Band aus. Und tatsächlich findet beides Bestätigung: Die Konfrontation sucht das Gespann mit ihrem Gebräu aus pseudo-ironischem Spaß-Punk und Sperenzchen-Rock’n’Roll. Und dass sie die Chuzpe besitzen, dieses belanglose Song-Konglomerat zum vierten Mal auf die Musikwelt loszulassen, darf durchaus als selbstbewusst bezeichnet werden.
Sebastian Weiss
VÖ: 20.05.2011
Label: Cooking Vinyl / Indigo
Tracklist:
01. Clever Clever Jazz
02. Lost Weekend
03. Bad Comedian
04. Sexy Sometimes
05. Is Dog Eared
06. Martin Kemp Welch Five-A-Side Football Rules!
07. Axl Rose
08. I Am The Psychic
09. Ice Hockey
10. Sealand

Selten wurde derart kontrovers diskutiert in der motor.de-Redaktion. Kaum Vergleichbares erhitzte die Gemüter, spaltete die Meinungen in zwei unversöhnliche Gruppen. Der Auslöser? Das vierte Album "Brilliant! Tragic!" von Art Brut. Weil sich die eine Seite mit einer überbordenden Lobhudelei, die andere mit einem derben Verriss nicht abfinden konnte, gibt es an dieser Stelle nun ein PRO und CONTRA.
PRO
Über die letzten acht Jahre hat die Band um Frontmann Eddie Argos ihren Hang zum Unfertigen und Ungeschliffenen kultiviert und zu ihrem wertvollsten Merkmal gemacht. Das Ganze nennt sich dann Art Punk und vermag den Hörer mit Mitgröhl-Hymnen und punkigem Sprechgesang in seinen Bann zu ziehen. Auf ihrem aktuellen Album beweist die deutsch-englische Band, dass sie nach zweijähriger Pause nichts an Originalität verloren hat. Wenn Argos im Song "Bad Comedian" über den Neuen der Ex-Freundin herzieht („I bet he says his name in Comic Sans!“) knüpft dies nahtlos an vorherige Alben an und die 40-minütige Spaßfahrt kann beginnen. Doch schon bei "Lost Weekend", einem Highlight der Platte, zeigt sich, dass nicht alles beim Alten geblieben ist. Argos hat seine Stimme entdeckt. Und singt! Zu verdanken hat er dies Pixies-Legende Black Francis, der ihm nach den Studiosessions zur neuen Platte Gesangsunterricht gab. Resultat ist natürlich kein engelsgleiches Geträller, es ähnelt vielmehr einem eingängigen Brummen und teils theatralisch geflüstertem Singsang, zeigt aber gleichzeitig eine neue Seite der Band und verleiht ihr erstmals eine gewisse Ernsthaftigkeit.
Art Brut – "Lost Weekend"
Die Stimme des Leadsängers entschleunigt die Platte, lässt an einigen Stellen sogar Romantik aufkommen. Das lauschige "Sealand" wirft schon nach den ersten Tönen das Kopfkino an: Es läuft eine verträumte, fast schnulzige Liebesgeschichte. Schauplatz: Das Fürstentum Sealand. Eine real existierende, einsame Inselplattform mitten in der Nordsee. Eigentlich zu niedlich für eine Band wie Art Brut, doch zeigt sich hier ihre musikalische Entwicklung: Neben Rock'n'Roll mit Quatschtexten, beispielsweise in "Axl Rose" oder über Argos' Stimme ("Everybody wants to feel sexy sometimes. I can make it happen with a voice like mine."), finden diesmal auch ernste Themen, wie die eigene Beerdigung, teils mit einem kleinen Augenzwinkern versehen, ihren Platz auf "Brilliant! Tragic!".
Auf den schrägen Sprechgesang und spannend unspannende Geschichten über das Trinken, Ex-Freundinnen oder das Leben als „Psychic“, bei denen auch immer eine gute Prise Ironie mitgröhlt, hat das Quintett aber trotzdem nicht verzichtet. Gut so! Denn so bildet diese Platte in ihrer Gesamtheit eine abwechslungsreiche Harmonie, bei der der Titel, ebenso wie bei seinen Vorgängern, hält was er verspricht!
Stefanie Göthel
CONTRA
Dass Eddie Argos ein Witzbold ist, dürfte bekannt sein. "Yes, this is my singing voice / It's not irony", schlawinerte die Art Bruts-Frontsau noch auf dem 2005er Debüt "Bang Bang Rock’n’Roll" heraus. Sechs Jahre später ist aus Ironie – nun ja – mehr oder weniger bitterer Ernst geworden. Allein die Ankündigung, der 31-jährige Herr werde auf dem nunmehr vierten Album "Brilliant! Tragic!" das erste Mal richtig singen, entpuppt sich schon beim Opener "Clever Clever Jazz" als großer Bockmist. Aber immer der Reihe nach: Das aktuelle Album ist ohne Frage eine hervorragende Einführung in den Katalog der Londoner. Doch genau hier liegt der Hund begraben: Mit den ausgelutschten Pseudo-Kalauer-Lyrics und der ewiggleichen Spoken-Word-Performance unterstreichen Art Brut ihre eigene Stagnation. Dem neuen Langspieler fehlen beinahe gänzlich die Überraschungen, Spitzen oder gar Aha-Momente. Beobachtungen beim Busfahren, Errektionsprobleme oder Alkoholexesse – die Alltagsthemen, die Argos & Co. seit jeher verarbeiteten, waren schon 2005 nur bedingt lustig. Sicher, die Augenzwinker-Attitüde ist geblieben, das wohlwollende Ertragen auf Hörerseite jedoch nicht, wenn man sich einmal "Sexy Sometimes" mit Verstand anhört. Ein Track wie "Bad Comedian" darf als Symbol für Art Bruts Wiederkäuer-Fertigkeiten angesehen werden, ruht er sich doch auf den Lorbeeren aus, die sie einst ernteten. Auch musikalisch wird man das Gefühl nicht los, als sei das Quintett nur rudimentär eine Einheit.
Art Brut – "Bad Comedian"
Angesichts der durchaus eingängigen, bisweilen verführerischen Melodien ("Ice Hockey") und der astreinen Produktion von Black Francis ließe sich der Langspieler beinahe hervorragend als Instrumentalalbum vorstellen. Auch wenn das John Lennon'eske "I Am The Psychic" mit stampfenden Drums und wilden Riffs als auditive Backpfeife daherkommt, quillt der Defätismus aus jeder Pore von "Brilliant! Tragic!". Die Presseinfo weist Art Brut als selbstbewusste und konfrontative Band aus. Und tatsächlich findet beides Bestätigung: Die Konfrontation sucht das Gespann mit ihrem Gebräu aus pseudo-ironischem Spaß-Punk und Sperenzchen-Rock’n’Roll. Und dass sie die Chuzpe besitzen, dieses belanglose Song-Konglomerat zum vierten Mal auf die Musikwelt loszulassen, darf durchaus als selbstbewusst bezeichnet werden.
Sebastian Weiss
VÖ: 20.05.2011
Label: Cooking Vinyl / Indigo
Tracklist:
01. Clever Clever Jazz
02. Lost Weekend
03. Bad Comedian
04. Sexy Sometimes
05. Is Dog Eared
06. Martin Kemp Welch Five-A-Side Football Rules!
07. Axl Rose
08. I Am The Psychic
09. Ice Hockey
10. Sealand
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