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Blumentopf
Blumentopf: Wir
Blumentopf liefern mit "Wir" sicher kein "Großes Kino", aber zumindest einen gelungenen Party-Soundtrack.

Als die Hip-Hop-Welle in den frühen Achtziger Jahren über den großen Teich schwappte, war diese Musikrichtung und ihre Akteure noch weit davon entfernt, in der breiten Öffentlichkeit Anklang zu finden. Erst Anfang der Neunziger Jahre, als die Fantastischen Vier mit „Die Da“ einen Hit landeten, wurde der deutsche Sprechgesang bis in die Charts gehoben. Zu dieser Zeit - genauer 1992 - formte sich auch in dem verschlafenen Münchner Vorort Freising eine Crew, die mit ihrem Wortwitz und ihren intelligenten, selbstreflektierten Texten das Hip-Hop-Verständnis von Vielen nachhaltig prägten. Weit entfernt von Battle-Rap-Texten betrieben Blumentopf um ihren DJ Sepalot Story-Telling der hochklassigen Sorte. Oftmals als „Studenten-Rapper“ verschrien, holten sie ihre Zuhörer direkt vor der Tür ab, nahmen sie mit auf eine kurze Reise, um sie mal zufrieden grinsend, mal nachdenklich wieder zurück in ihr tägliches Leben zu entlassen. „Kein Zufall“, das erste Album der Band aus dem Jahr 1996, gilt bis heute als einer der größten Meilensteine des amüsanten Story-Telling-Raps. Nun veröffenlichen die Jungs ihr bereits sechstes Album und feiern dies mit einer großen Release-Party in der Alten Kongresshalle in München, die gleichermaßen der 500. Auftritt der Band ist.
Zunächst die schlechte Nachricht: Was beim ersten Hören des neuen Blumentopf-Albums auffällt, ist, dass sich die vielfältigen Beats oftmals heimlich an den Texten vorbei in den Vordergrund gemogelt haben. Deutlich sieht man diese Tendenz beispielweise bei dem Song „SuperEinfachSchwierig“, der textlich eher schwach, aber dafür durchaus tanzbar daherkommt. Ähnliches lässt sich bei „Solala“ feststellen. Bei den ersten Tönen klingt der Titel mehr nach einer aktuellen Deichkind-Nummer, schafft es im Verlauf aber, dank BeatBox-Einlagen und Cuts, den ersten Eindruck wett zu machen. Inhaltlich stark ist jedoch auch er nicht.
Blumentopf - "Safari"
Nach diesem Schema verlaufen viele der Songs auf "Wir". Die Beats treiben, sind gut arrangiert und partytauglich, gehen mal mehr in die „Garage“-Ecke, die Dendemann in seinem aktuellen Albums „Vom Vintage Verweht“ manifestiert, oder lehnen sich kurzzeitig an elektronische Beats ehemaliger Wegbegleiter an. Keine großen Innovationen - die dieser Art des deutschen Hip-Hops in den vegangenen Jahren ohnehin abging - zumindest aber auch keine musikalische Stagnation.
So weit so gut. Was Blumentopf immer ausmachten, war ohnehin ihr Feingefühl für spitzfindige Texte. Leider reichen diese auf "Wir" in der Mehrzahl auch nicht an die Finesse der Vorgängeralben heran. Der Wortwitz und die Geschichten, mit denen sich Blumentopf längst ihren Platz in der deutschen Hip-Hop-Hall-Of-Fame gesichert haben, sind hier teilweise zu durchsichtig, wie bei „Nerds“, das sich entlang der Titelthematik abrackert, ohne dass der Funke überspringen will. Oftmals klingen sie zu vertraut, wie bei „Mein Dein“, das sich so auf jedem Blumentopf-Album wiederfindet. Es macht sich eine leichte Enttäuschung breit...
Nun aber zur guten Nachricht: Blumentopf wären nicht Blumentopf, wenn sich nicht zumindest ein paar Perlen auf der Platte versteckt hätten. „Fenster zum Berg“ ist so ein Beispiel, dass allein schon wegen dem schrägen Polka-Beat Erwähnung verdient. Der Text von Holunder, in dem er von seiner Kindheit in den Bergen erzählt, versehen mit huldigenden Stieber-Samples „Mit dem Blick, durchs Fenster zum...Berg“ setzt dem Ganzen die Krone auf. Auch „SystemFuck“ und „Nicht Genug“ sind sehr gelungene Spaß- bzw. Erwachsen-Werden-Songs, von denen einige mehr die Platte hätten beflügeln können. Zu alter Erzähl-Stärke à la „Manfred Mustermann“ oder „Alles Gute“ laufen die Töpfe erst beim letzten Song auf. „Sie tanzt die Nächte durch“, mit einem trockenen Vinyl-knacksendem Beat unterlegt und unterstützt von der atmosphärischen Stimme Janna Wonders, handelt (ohne Zeigefingercharakter) davon, dass man seinen Problemen durch Partys und Drogen nur kurzfristig entfliehen kann.
Blumentopf - "Wir"
Auch wenn Blumentopf ihre textliche Klasse früher besser zu zelebrieren wussten, veröffentlichen sie mit "Wir" ein solides Album. Die Besucher der Blumentopf-Live-Gigs werden sicher ihren Spaß mit dem neuen Material haben. Das Potential vergangener Alben, auf denen man noch beim hundertsten Durchlauf Reime findet, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, hat „Wir“ aber nicht.
Christoph Berger
VÖ: 04.06.2010
Label: Virgin / EMI
Tracklist:
01. SystemFuck
02. Erzähl mir was
03. WIR
04. Taschen voller Sonnenschein
05. SoLaLa
06. Nicht genug
07. Nerds
08. Wach auf
09. Ausmisten
10. Mein Dein ft. Janna
11. Hunger
12. Fenster zum Berg
13. Helping Hand
14. SuperEinfachSchwierig
15. Sie tanzt die Nächte durch ft. Janna

Als die Hip-Hop-Welle in den frühen Achtziger Jahren über den großen Teich schwappte, war diese Musikrichtung und ihre Akteure noch weit davon entfernt, in der breiten Öffentlichkeit Anklang zu finden. Erst Anfang der Neunziger Jahre, als die Fantastischen Vier mit „Die Da“ einen Hit landeten, wurde der deutsche Sprechgesang bis in die Charts gehoben. Zu dieser Zeit - genauer 1992 - formte sich auch in dem verschlafenen Münchner Vorort Freising eine Crew, die mit ihrem Wortwitz und ihren intelligenten, selbstreflektierten Texten das Hip-Hop-Verständnis von Vielen nachhaltig prägten. Weit entfernt von Battle-Rap-Texten betrieben Blumentopf um ihren DJ Sepalot Story-Telling der hochklassigen Sorte. Oftmals als „Studenten-Rapper“ verschrien, holten sie ihre Zuhörer direkt vor der Tür ab, nahmen sie mit auf eine kurze Reise, um sie mal zufrieden grinsend, mal nachdenklich wieder zurück in ihr tägliches Leben zu entlassen. „Kein Zufall“, das erste Album der Band aus dem Jahr 1996, gilt bis heute als einer der größten Meilensteine des amüsanten Story-Telling-Raps. Nun veröffenlichen die Jungs ihr bereits sechstes Album und feiern dies mit einer großen Release-Party in der Alten Kongresshalle in München, die gleichermaßen der 500. Auftritt der Band ist.
Zunächst die schlechte Nachricht: Was beim ersten Hören des neuen Blumentopf-Albums auffällt, ist, dass sich die vielfältigen Beats oftmals heimlich an den Texten vorbei in den Vordergrund gemogelt haben. Deutlich sieht man diese Tendenz beispielweise bei dem Song „SuperEinfachSchwierig“, der textlich eher schwach, aber dafür durchaus tanzbar daherkommt. Ähnliches lässt sich bei „Solala“ feststellen. Bei den ersten Tönen klingt der Titel mehr nach einer aktuellen Deichkind-Nummer, schafft es im Verlauf aber, dank BeatBox-Einlagen und Cuts, den ersten Eindruck wett zu machen. Inhaltlich stark ist jedoch auch er nicht.
Blumentopf - "Safari"
Nach diesem Schema verlaufen viele der Songs auf "Wir". Die Beats treiben, sind gut arrangiert und partytauglich, gehen mal mehr in die „Garage“-Ecke, die Dendemann in seinem aktuellen Albums „Vom Vintage Verweht“ manifestiert, oder lehnen sich kurzzeitig an elektronische Beats ehemaliger Wegbegleiter an. Keine großen Innovationen - die dieser Art des deutschen Hip-Hops in den vegangenen Jahren ohnehin abging - zumindest aber auch keine musikalische Stagnation.
So weit so gut. Was Blumentopf immer ausmachten, war ohnehin ihr Feingefühl für spitzfindige Texte. Leider reichen diese auf "Wir" in der Mehrzahl auch nicht an die Finesse der Vorgängeralben heran. Der Wortwitz und die Geschichten, mit denen sich Blumentopf längst ihren Platz in der deutschen Hip-Hop-Hall-Of-Fame gesichert haben, sind hier teilweise zu durchsichtig, wie bei „Nerds“, das sich entlang der Titelthematik abrackert, ohne dass der Funke überspringen will. Oftmals klingen sie zu vertraut, wie bei „Mein Dein“, das sich so auf jedem Blumentopf-Album wiederfindet. Es macht sich eine leichte Enttäuschung breit...
Nun aber zur guten Nachricht: Blumentopf wären nicht Blumentopf, wenn sich nicht zumindest ein paar Perlen auf der Platte versteckt hätten. „Fenster zum Berg“ ist so ein Beispiel, dass allein schon wegen dem schrägen Polka-Beat Erwähnung verdient. Der Text von Holunder, in dem er von seiner Kindheit in den Bergen erzählt, versehen mit huldigenden Stieber-Samples „Mit dem Blick, durchs Fenster zum...Berg“ setzt dem Ganzen die Krone auf. Auch „SystemFuck“ und „Nicht Genug“ sind sehr gelungene Spaß- bzw. Erwachsen-Werden-Songs, von denen einige mehr die Platte hätten beflügeln können. Zu alter Erzähl-Stärke à la „Manfred Mustermann“ oder „Alles Gute“ laufen die Töpfe erst beim letzten Song auf. „Sie tanzt die Nächte durch“, mit einem trockenen Vinyl-knacksendem Beat unterlegt und unterstützt von der atmosphärischen Stimme Janna Wonders, handelt (ohne Zeigefingercharakter) davon, dass man seinen Problemen durch Partys und Drogen nur kurzfristig entfliehen kann.
Blumentopf - "Wir"
Auch wenn Blumentopf ihre textliche Klasse früher besser zu zelebrieren wussten, veröffentlichen sie mit "Wir" ein solides Album. Die Besucher der Blumentopf-Live-Gigs werden sicher ihren Spaß mit dem neuen Material haben. Das Potential vergangener Alben, auf denen man noch beim hundertsten Durchlauf Reime findet, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, hat „Wir“ aber nicht.
Christoph Berger
VÖ: 04.06.2010
Label: Virgin / EMI
Tracklist:
01. SystemFuck
02. Erzähl mir was
03. WIR
04. Taschen voller Sonnenschein
05. SoLaLa
06. Nicht genug
07. Nerds
08. Wach auf
09. Ausmisten
10. Mein Dein ft. Janna
11. Hunger
12. Fenster zum Berg
13. Helping Hand
14. SuperEinfachSchwierig
15. Sie tanzt die Nächte durch ft. Janna
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