"Die Bühne ist unser Proberaum!" – Bombay Bicycle Club im Interview

Alben von Bombay Bicycle Club

  • Leave It - EP
    Album Leave It - EP bei iTunes downloaden
  • Lights Out Words Gone
    Album Lights Out Words Gone bei iTunes downloaden

Empfohlen von

  • Dieser Artikel wurde noch nicht empfohlen.

Diesen Artikel bei Facebook empfehlen:

Tags

Die drei Workaholics vom Bombay Bicycle Club freuen sich über ihren künstlerischen Freifahrtschein und machen seitdem, was sie wollen. Ganz nach dem Motto: Immer wieder anders.

Im Londoner Stadtteil Crouch End scheinen die Uhren etwas schneller zu laufen, und die Jungs vom Bombay Bicycle Club haben wahrlich keine Zeit zu verlieren. Schlag auf Schlag geht es bei den Freunden indischer Esskultur und so kündigt sich in genau einem Monat das dritte Full Length-Album innerhalb von drei Jahren an. Wer braucht schon Zeit zum Luft holen? Die britischen Indie-Popper feiern ihre jugendliche Kreativität, als gebe es kein Morgen und erfinden sich dabei mit jedem weiteren Output neu. Während das umjubelte Debüt "I Had the Blues But I Shook Them Loose" aus dem Jahr 2009 noch opulent krachend daherkam und bisweilen stark an die Werke von Kollegen wie Vampire Weekend erinnerte, überraschten die Jungspunde die Musikwelt bereits ein Jahr später mit der Akustik-Perle "Flaws". Auf ihrem neuesten Streich "A Different Kind Of Fix" erwartet die Anhängerschaft eine Reise zurück zur musikalischen Basis, inklusive der neu entdeckten Liebe für Electro-Sounds. Im Berliner Label-Büro sprachen wir mit Gitarrist Jamie MacColl über kreative Freifahrtscheine, Wunschdenken und neidische Freunde.

motor.de: Hi Jamie, du wirkst sehr entspannt und ausgeglichen. Ich hatte einen anderen Typ Menschen erwartet.


Jamie: (guckt irritiert) Echt? Welchen Typ meinst du?

motor.de: Ich dachte eher an einen unruhigen jungen Mann, der ständig auf die Uhr guckt und Probleme hat seine Gedanken im Zaum zu halten.


Jamie: Interessant, wie kommst du darauf?

motor.de: Wenn ich mir euer Arbeitspensum der letzten drei Jahre vor Augen führe, bekomme ich den Eindruck, dass "Entspannung" keine besonders hohe Priorität bei euch genießt.

Jamie: (lacht) Ganz so ist es nicht, aber ich verstehe, was du meinst. Wir waren sicherlich nicht gerade faul, da gebe ich dir Recht.

motor.de: Nein, von Faulheit kann bei euch nun wirklich nicht die Rede sein. Mit dem neuen Album "A Different Kind Of Fix" habt ihr demnächst das dritte Album innerhalb von drei Jahren am Start. Andere Bands müssen nach ihrem Debüt erst einmal schlucken und die Dinge sortieren. Ihr hingegen veröffentlicht im Akkord. Woher kommt dieser ungewöhnliche Antrieb?


Jamie: Viele Bands veröffentlichen ihr Debüt, gehen danach zwei Jahre auf Tour und sind dann irgendwie festgefahren. Der Sound hat sich dann eingebrannt und man landet schnell in irgendeiner Schublade. Das wollten wir von Anfang an vermeiden. Wir wussten, dass unser Debüt lediglich eine Momentaufnahme war und wollten uns mit dem Sound auf "I Had the Blues But I Shook Them Loose" auf keinen Fall kategorisieren lassen. Das hatte aber weniger damit zu tun, dass wir nicht zufrieden waren, sondern vielmehr mit dem Verlangen nach künstlerischer Freiheit.

motor.de: Diese "künstlerische Freiheit" habt ihr dann mit "Flaws" eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Warum habt ihr euch letztlich für ein Akustikalbum entschieden?

Jamie: Ich denke, dass wir mit diesem musikalischen Bruch genau das erreicht haben, was wir wollten. Durch den Erfolg von "Flaws" wurde uns bewusst, dass wir uns damit einen musikalischen Freifahrtschein erarbeitet hatten. Das war uns immens wichtig! Seitdem wissen wir, dass wir ohne Druck an unseren Visionen arbeiten können, ohne darauf zu achten, eine von außen definierte Version der Band beibehalten zu müssen. Seitdem gibt es keine Tabus mehr. Wir haben gemerkt, dass es den Fans um die Band an sich geht und nicht um ein Sound-Schema, welches sich im schlimmsten Fall zwanzig Jahre lang wiederholt. Das ist schon ein tolles Gefühl.

motor.de: Demnach "debütiert" ihr praktisch jedes Jahr aufs Neue. Kann man das so sagen?

Jamie: Ja, so ungefähr. Wer will schon immer dasselbe machen – wäre doch langweilig, oder? Ich will gar nicht ausschließen, dass wir vielleicht irgendwann einmal den ultimativen Bombay Bicycle Club-Sound finden werden, von dem wir dann in seiner Grundform nicht mehr abweichen wollen, aber bis dahin ist es, glaube ich, noch ein weiter Weg.

Bombay Bicycle Club - "Dust On The Ground"

motor.de: Ihr beginnt also mit jedem Album praktisch von vorn. Wie aufgeregt bist du, wenn du an das neue Album und die daraus resultierenden Reaktionen der Fans denkst?

Jamie: Wir sind total aufgeregt, das ist ja das Schöne. Es grenzt schon fast an Folter. Das Album ist schon seit mehreren Wochen im Kasten und die Zeit des Wartens ist furchtbar. Wir sitzen rum, machen Promo und warten eigentlich nur auf den Tag, an dem das Album endlich erscheint. Aber wir wollen uns nicht beschweren. Ich sitze hier mit dir in Berlin, die Sonne scheint und wir unterhalten uns über Bombay Bicycle Club. Das hat natürlich auch was für sich (lacht).

motor.de: Lass uns kurz zurückblicken. Mir kam zu Ohren, dass ihr euer erstes Album komplett fertig aufgenommen habt, noch ehe ihr überhaupt Kontakt zu einer Plattenfirma hattet. Stimmt das?


Jamie: Ja, das ist richtig.

motor.de: Das ist schon eine ziemlich ungewöhnliche Vorgehensweise, oder?

Jamie: Ja, schon. Aber letztlich war es genau der richtige Weg. Es ging uns in erster Linie darum, möglichst viel kreative Kontrolle zu behalten. Natürlich wurde hier und da noch etwas gefeilt und am Ende auch gemixt, aber an dem Grundgerüst hat sich nach dem Signing nichts mehr geändert. Andererseits war es auch so, dass uns am Anfang eigentlich niemand haben wollte. Also dachten wir uns, bevor wir rumsitzen, lass uns doch schon einmal unser Debüt einspielen. Das erspart uns und vielen anderen Leuten später viel Arbeit (lacht).

motor.de: Mit Jim Abyss an den Reglern, der auch schon Kasabian, Placebo und die Editors betreute, habt ihr den Kreis auf "A Different Kind Of Fix" wieder geschlossen. Was war der Grund, ihn für das neue Album wieder zurück ins Boot zu holen?

Jamie: Nun, wir hatten in der Vergangenheit mit einigen anderen gearbeitet und waren nicht ganz so zufrieden. Mit Jim haben wir immer jemanden in der Hinterhand, auf den wir uns verlassen können. Als wir uns überlegten, in welche Richtung das neue Album gehen sollte, dachten wir sofort an ihn, da sich das Gerüst des Albums wieder an unseren Anfängen orientieren sollte. Wir wollten aber auch wieder Neues mit einbauen. Die elektronische Komponente spielt auf dem neuen Album eine ziemlich große Rolle, also flogen wir nach Atlanta und bezogen Ben Allen [u.a. Gnarls Barkley und Animal Collective; Anm. d. Red.]mit ein. Ben und Jim sind sich vom Typ Mensch sehr ähnlich.

motor.de: Auch beim Mixen? Das stelle ich mir ein bisschen schwierig vor.


Jamie: Nein, musikalisch haben sie natürlich verschiedene Soundvorstellungen. Wir wollten mit unterschiedlichen Leuten zusammenarbeiten, da wir auf dem neuen Album breitgefächerter klingen wollten. Wenn man versucht, andere Einflüsse mit einzubeziehen, ist es einfach wichtig, mit verschiedenen Leuten zu arbeiten. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum die meisten Rockbands immer nur eingleisig fahren. Im Hip Hop ist es beispielsweise völlig normal, dass man mit mehreren Produzenten an einem Album arbeitet.

Bombay Bicycle Club - "Shuffle"

motor.de: Mir kam zu Ohren, dass ihr eine Band seid, die nicht sonderlich gerne und schon gar nicht oft probt. Stimmt das?

Jamie: (lacht) Ja, da ist was dran. Wir proben eigentlich nur, wenn wir wirklich müssen. In der Regel ist die Bühne unser Proberaum.

motor.de: Das Einstudieren eines neuen Songs während eines ausverkauften Konzertes stelle ich mir allerdings ziemlich schwer vor.


Jamie: Wir fangen natürlich während eines Konzertes nicht plötzlich an zu experimentieren, weil irgendeiner gerade eine komplett neue Song-Idee hat. Wir meinen damit vielmehr, dass sich das Grundgerüst eines neuen Songs unserer Meinung nach unter Live-Bedingungen viel besser perfektionieren lässt, als durch tagelanges Proben irgendwo im Keller.

motor.de: Und wo entstehen dann die besagten Grundgerüste?


Jamie: Jack [Jack Steadman, Sänger bei Bombay Bicycle Club; Anm. d. Red.] hat über die Jahre hin ein kleines Studio in seinem Elternhaus eingerichtet. Eigentlich besteht es nur aus einem Laptop und einem Drumkit. Dort arbeitet er an seinen Ideen und erstellt rohe Demoversionen. Irgendwann stößt der Rest der Band dazu und wir bringen unsere Ideen mit ein, bevor wir mit dem Material dann ins Studio gehen. Eigentlich sind alle irgendwie involviert, wobei Jack der tatsächliche Songwriter ist.

motor.de: Und irgendwann spielt ihr die Songs dann in Kirchen und auf Booten, richtig?

Jamie: Genau (lacht).

motor.de: Ihr tretet gerne an ungewöhnlichen Orten auf. Dienen solche Auftritte lediglich als willkommene Abwechslung zu herkömmlichen Konzerthallen, oder steckt da mehr dahinter?

Jamie: Nun, die Sache mit dem Boot war seinerzeit eher eine Art "Special-Event" für die Fans. Es ging vornehmlich darum, das erste Album zu promoten. Das mit den Kirchen hat schon tiefere Beweggründe, da sich gerade akustische Musik innerhalb einer solchen Location perfekt darstellen lässt. Deswegen haben wir letztes Jahr eine kleine Akustik-Tour gemacht, bei der wir nur in Kirchen auftraten. Das war schon eine sehr besondere Erfahrung.

motor.de: Inwieweit hinterlässt ein solches Unterfangen Spuren? Überlegt man danach vielleicht, an welch ungewöhnlichen Orten man noch spielen könnte?

Jamie: In der Tat ist es natürlich auch eine willkommene Abwechslung zum normalen Tour-Alltag. Eine Grundsatz-Diskussion entstand danach aber nicht.

motor.de: Hättest du dennoch einen Ort, an dem du gerne einmal spielen würdest abseits der gängigen Konzerthallen rund um den Globus?


Jamie: Oh, das ist schwierig. Es gibt so viele unfassbar interessante und schöne Plätze auf der Welt. Wenn ich es mir aussuchen dürfte, würde ich liebend gerne einmal im Kolosseum von Rom auftreten. Das wäre klasse.

motor.de: Pur und Akustisch?

Jamie: Ja, auf jeden Fall. Allein schon deswegen, weil ich Angst hätte, alles würde in sich zusammenfallen, wenn wir die Amps richtig aufdrehen (lacht).

motor.de: Und danach eine amtliche Runde Rugby spielen? Mir kam zu Ohren, dass du dein altes Hobby sehr vermisst. Stimmt das?


Jamie: Absolut. Ich liebe es, aber ich komme so gut wie gar nicht mehr dazu.

motor.de: Gehört das zu den berüchtigten Schattenseiten des Musikerdaseins: Entbehrungen?

Jamie: Ja, aber auf der anderen Seite werden dir Dinge zu Füßen gelegt, mit denen du im normalen Leben wohl eher nicht konfrontiert wirst. Ich reise zum Beispiel unheimlich gerne.

motor.de: Das passt dann ja ganz gut, oder?

Jamie: Definitiv. Da ist kein Ende in Sicht (grinst).


Interview: Kai Butterweck



Share/Bookmark

Kommentar schreiben

Dein Name:
Bitte den nebenstehenden Sicherheitscode hier eingeben: