Humor Risk

Alben von Cass McCombs

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Von wegen mit dem "Latein am Ende" – Cass McCombs zaubert "Humor Risk" und damit bereits Album Nummer zwei in diesem Jahr aus dem Hut. Warum? – Weil er’s kann!

(Foto: Sandy Kim)

Masse ist selten Klasse. Doch im Falle von Ausnahme-Songwriter Cass McCombs kommt man kaum umhin, festzustellen: zwei Alben innerhalb eines Jahres sind keineswegs immer ein Indiz für dünnes oder unausgereiftes Material. Der in San Francisco lebende Medien-Eremit ist einer dieser Musiker, denen Schreibblockaden allerhöchstens aufgrund von Sehnenscheidenentzündungen unterlaufen. Nicht produktiv zu sein, ist bei ihm die Ausnahme und so fasst Mr. Restless erst im Nachhinein Songs aus seinem enormen Fundus zu thematischen Bündeln zusammen, die dann als Album erscheinen. Den Fan wird diese Output-Dichte freuen, der Kritiker zeigt sich naturgemäß skeptisch. Um so mehr, angesichts seines bereits zweiten Albums in diesem Jahr, nachdem im Frühjahr bereits "Wit's End" erschien.

Doch man muss neidlos anerkennen: "Humor Risk" bietet keineswegs Ausschussware. Der von McCombs gewohnte Folk-Rock wird zwar nicht komplett überholt, sondern lediglich um ein oder zwei Dimensionen erweitert; doch an feinen Stellschrauben zu drehen kann manchmal schon reichen, um das Produkt zu perfektionieren. In Bezug auf "Wit's End" fällt zunächst die treibendere Rhythmik auf, die dem Album einen weitaus optimistischeren Sound-Anstrich verpasst. Folk ist das freilich selten im traditionellen Sinne, denn neben dem Spleen für simple, repetitive aber ungemein effektive Gitarren-Strukturen und seiner großen narrativen Fähigkeit, liefert McCombs auch erneut einen unverhohlen psychedelischen Einschlag. Vielleicht würden die Dandy Warhols so klingen, wenn sie sich in Nashville getroffen hätten. Im Grunde ist das hier aber wohl der Alternative-Country-Entwurf eines notorischen Querulanten mit Hang zum Indie-Rock.

Cass McCombs - "The Same Thing"


Betrachtet man die Stücke oberflächlich, erklingen sie geradezu friedlich und geerdet, sind dabei aber weit entfernt von jedweder Lagerfeuerromantik. Eine subtile Spannung und Kälte bleibt stets in den Arrangements greifbar, während sich die Melodien aus einer geheimnisvollen warmen Quelle zu speisen scheinen. Der lässig groovende Opener "Love Thine Enemy" etwa, formiert sich rund um die Schlüsselzeile "Love Thine Enemy / But hate the lack of sincerity" in nicht enden wollender Geradlinigkeit zum musikalischen Roadtrip. Überhaupt ist McCombs immer dann am Besten, wenn er sich Zeit und Raum lässt, um seine Geschichten auszubreiten. So auch im schleppenden "To Every Man His Chimera" oder dem verspielten Vorab-Track "The Same Thing" mit seinen wunderbaren 60s-Pop-Referenzen.

Integrität hieß für Cass McCombs stets auch Skepsis der Medienlandschaft sowie sich selbst gegenüber. Und auch mit "Humor Risk" bleibt er ein schwer zu lokalisierender, etwas eigenbrötlerischer aber nichtsdestotrotz hervorragender Songwriter abseits des Mainstreams. Jedenfalls dürfte der teils sarkastische Unterton seiner Songs der James Blunt-Kuschel-Fraktion sicher Schwierigkeiten bereiten. Doch die Qualität dieser reduzierten Folk-Rock-Spinnereien liegt auch eher im genial-sezierenden Geist eines Bill Callahan verborgen; ebenso wie in der jugendlich-technischen Versiertheit eines Kurt Vile. Cass McCombs entzieht sich der Pop-Maschinerie, ohne sie im künstlerischen Sinne von sich zu weisen. Möglicherweise könnte er genau deshalb noch zwei, drei Alben in diesem Jahr präsentieren, ohne zu langweilen.


Henning Grabow

VÖ: 04.11.

Label: Domino / Goodtogo

Tracklist:

01. Love Thine Enemy
02. The Living Word
03. The Same Thing
04. To Every Man His Chimera
05. Robin Egg Blue
06. Mystery Mail
07. Meet Me At The Mannequin Gallery
08. Mariah


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