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Lars von Trier ist unglaublich anspruchsvoll

Alben von Charlotte Gainsbourg

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Anlässlich des DVD-Releases von "Antichrist" sprach motor.de mit Charlotte Gainsbourg über Lars von Triers hohe Ansprüche, sein Alkoholproblem und die Schwierigkeit von Sex- und Gewaltszenen.

Prominent ist Charlotte Gainsbourg qua Geburt, immerhin ist sie die Tochter des legendären französischen Chansoniers und Komponisten Serge Gainsbourg und der britischen Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin. Doch längst ist sie als Schauspielerin selbst ein Star – und das schon seit Teenagertagen. Mit Filmen wie "Das freche Mädchen", "Die kleine Diebin", "Meine Frau, die Schauspielerin" oder "Lemming" brilliert Gainsbourg bevorzugt in französischen Filmen, doch auch im internationalen Kino ist sie mit Produktionen wie "Der Zementgarten", "21 Gramm" oder "I'm Not There" eine feste Größe. Nun ist die Gelegenheitssängerin, deren letztes Album "IRM" im Dezember erschien, in Lars von Triers ebenso schockierender wie kontroverser Paar-Geschichte "Antichrist" zu sehen. Für ihre radikal-hemmunglose Darstellung wurde Gainsbourg beim Filmfestival in Cannes erstmals mit dem Preis als Beste Schauspielerin ausgezeichnet.

motor.de: Frau Gainsbourg, Gratulation zu dieser sehr mutigen, sicherlich schwierigen Leistung in "Antichrist". Erinnern Sie sich noch daran, was Sie dachten, als Sie das Drehbuch lasen?

Gainsbourg: Ich war richtig aufgeregt, als ich es damals las. Allerdings konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass Lars von Trier sich überhaupt für mich entscheidet. Deswegen habe ich gar nicht wirklich versucht, mich in die Rolle einzufinden, sondern habe mir das anfangs eher von außen angesehen. Jedenfalls war ich ganz aufgewühlt und begeistert, obwohl ich gleich das Gefühl hatte, nicht annähernd alles verstanden und alle Subtexte entschlüsselt zu haben. Ich musste Lars also ganz viele Fragen stellen. Antworten habe ich allerdings leider bis heute nicht bekommen!

motor.de: Hatten Sie nie Zweifel, dass die Rolle zu extrem sein könnte?

Gainsbourg: Überhaupt nicht, weder im Vorfeld noch nachdem ich die Rolle hatte. Natürlich war mir klar, dass sowohl die Rolle als auch Lars unglaublich anspruchsvoll sein würden. Aber ich war uneingeschränkt bereit dazu, alles zu geben. Es gibt ja immer den passenden Film zu passenden Lebensphase, und als es um "Antichrist" ging, war ich gerade sehr offen dafür, meine eigenen Grenzen bis zum Äußersten auszutesten. Außerdem ging es mir einfach darum, mit Lars zu arbeiten. Die Persönlichkeit eines Regisseurs oder eines Kollegen reizt mich mittlerweile viel mehr als ein Drehbuch.

motor.de: Erfüllte der Dreh denn dann ihre Erwartungen?


Gainsbourg:
Spezielle Erwartungen hatte ich gar nicht. Aber tatsächlich war seine Art zu arbeiten für mich eine vollkommen neue Erfahrung. Ich wünschte mir fast, ich könnte künftig nur noch auf diese Weise Filme drehen.

motor.de: In der Vergangenheit gab es immer wieder Schauspielerinnen wie etwa Björk, die die Arbeit mit ihm als sehr schwierig beschrieben haben. Kannten Sie diese Geschichten?


Gainsbourg:
Ein bisschen hatte ich natürlich gehört, dass es mit Lars nicht immer einfach ist. Und weil ich Catherine Deneuve ein wenig kenne, mit der er "Dancer in the Dark" gedreht hat, war ich kurz versucht, sie anzurufen und nachzufragen, wie es mit ihm war. Aber dann habe ich mich dagegen entschieden, denn es erschien mir besser, möglichst wenig im Vorfeld zu wissen. Lustigerweise sprach Lars jedoch sehr viel über seine verschiedenen Erfahrungen mit allen möglichen Schauspielerinnen. Vermutlich dachte er, ich wüsste mehr, als ich tatsächlich tat.

motor.de: Von Trier hat selbst in Zusammenhang mit "Antichrist" viel von seinen psychischen und Alkoholproblemen berichtet. Oft sei er zu schwach zum Arbeiten gewesen. Wie machten die sich am Set bemerkbar?


Gainsbourg:
Vielleicht weiß er gar nicht, welche Kraft er trotz aller Probleme ausstrahlt. Seine Aura ist bemerkenswert kraftvoll. Es stimmt schon, dass ich am Set jemanden erlebte, der sehr verletzlich, ja gequält war. Aber das ist der gleiche Zustand, in dem sich meine Figur im Film auch befindet, deswegen konnte ich vieles nachempfinden. Es war fast, als würde ich ihn in mir spüren – und gleichzeitig versuchen, auch in ihn einzudringen. Keine Frage: er hat zu viel getrunken, auch bei der Arbeit. Trotzdem hatte er sich aber unter Kontrolle, so dass ich als Schauspielerin darunter nicht gelitten habe. Es ging ihm einfach überhaupt nicht gut und er fühlte sich dadurch gedemütigt. Mich hat es sehr berührt, das mit anzusehen.

motor.de: Konnten Sie etwas machen, um ihm zu helfen?


Gainsbourg:
Nicht wirklich. Aber ich war immer bemüht etwas zu machen, was ihn dazu bringt, bei uns zu bleiben. Zu Beginn der Produktion hatte er mich nämlich gewarnt, dass es passieren könnte, dass er wegen seiner Depression irgendwann einfach geht und nicht mehr wiederkommt. Vor diesem Moment hatte ich permanent Angst. Doch nach einer Weile schien sich sein Zustand zumindest zu stabilisieren, weswegen auch ich immer besser werden wollte. Ich wollte ihm alles bieten können, was er für diesen Film brauchte. Zumal seine Urteilsvermögen trotz aller Probleme so fein und präzise war, wie ich es selten bei einem Filmemacher erlebt habe.

motor.de: Was fiel Ihnen schwerer, die Sexszenen oder die Brutalität?

Gainsbourg:
Leicht fiel mir nichts von alledem. Aber Lars hatte von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, dass ich keine Wahl mehr haben würde, nachdem ich mich für die Rolle entschieden habe. Mir war also klar, dass ich mich keinen Moment lang würde verstecken können. Er erwartete, dass ich jede Zurückhaltung aufgebe und das war okay für mich. Am schwersten waren übrigens letztlich die Trauerszenen am Anfang des Films, all das Weinen. Wobei die Würgeszene am Ende auch nicht ohne war. Willem Dafoe war zwar wirklich umsichtig und besorgt, aber es war doch eine ganz schön lange Zeit, die ich da keine Luft bekam. Lars meinte nur: so lange du es aushältst – und ich Dickkopf wollte natürlich keine Schwäche zeigen!

motor.de: Stört es Sie denn gar nicht, dass Lars von Trier weibliche Sexualität als etwas ziemlich Bedrohliches darstellt?

Gainsbourg:
Mir gefällt es, dass sie bei ihm Furcht einflößend ist. Ich mag auch, dass sie brutal, schmerzhaft und extrem ist. Viele werfen ihm Misogynie vor, aber die sehe ich in "Antichrist" überhaupt nicht. Sicherlich hat er auch Angst vor Frauen. Aber vor allem hat er sehr viel Respekt vor ihnen. Es ist doch spannend, dass er die Frauen in diese starke, machtvolle Position steckt. Sicher, es geht auch um die Frage der Schuld, und da wirft er meiner Figur einiges vor. Doch ich wurde nie das Gefühl los, dass ich letzten Endes mit dieser Frau Lars selbst verkörpere. Weil ich ihn in ihr wieder entdeckt habe, wurde dieser Kampf zwischen Mann und Frau für mich erträglich.

motor.de: Das klingt, als hätten Sie die Frau gemocht, die Sie da spielen. Konnten Sie sie und ihr Verhalten nachvollziehen?

Gainsbourg:
Es war für mich unabdingbar, dass ich sie begreife, selbst in den Momenten größten Wahnsinns. Ich musste eine Leidenschaft für Sie entwickeln. Das hat nichts damit zu tun, dass sie mir irgendwie ähnlich ist. Aber ohne einen Zugang zu ihr hätte ich das nicht mit dieser Intensität spielen können.

motor.de: Sie drehen nicht häufig Filme in Englisch. Macht es für Sie einen Unterschied, in welcher Sprache Sie arbeiten?

Gainsbourg:
Auf jeden Fall, es fühlt sich ganz anders an, einen englischsprachigen Film zu drehen. Meine Muttersprache ist einfach Französisch, und wann immer ich Englisch spreche, fühlt es sich ein bisschen so an, als würde ich nur so tun als ob. Sogar meine Stimmlage ist anders je nach der Sprache, was ich jedes Mal wieder höchst interessant finde. Lustigerweise bevorzuge ich beim Singen aber das Englische.

motor.de: Statt "Antichrist" sollten Sie ursprünglich in "Terminator – Die Erlösung" mitspielen, in der Rolle, die dann Bryce Dallas Howard übernahm. Warum sind Sie aus dem Projekt ausgestiegen?

Gainsbourg: Ehrlich gesagt fehlte mir der Mut, eine Rolle zu übernehmen, die mir eigentlich nur bedingt Spaß machte. Außerdem sollte man sich gleich für mehrere Teile verpflichten, das machte mich skeptisch. Die ganze Maschinerie hinter einem solchen Film war mir einfach nicht geheuer. Im Grunde war es also wirklich Feigheit meinerseits!

motor.de: Heißt das, dass wir Sie nie in einem Hollywood-Blockbuster sehen werden?

Gainsbourg: Ich würde liebend gerne mal einen Actionfilm drehen. Das stelle ich mir eigentlich unglaublich spaßig vor, und deswegen war ich ja auch so gut wie mit an Bord bei "Terminator". Wobei übrigens gar nicht der Eindruck entstehen soll, mein Ausstieg dort wäre nur mein Entschluss gewesen. Mein Zögern ging den Produzenten vermutlich so auf die Nerven, dass sie irgendwann von sich aus den Vertrag auflösen wollten. Die wollten natürlich jemanden, der mit voller Leidenschaft dabei ist.

motor.de: Große Teile von "Antichrist" sind in Deutschland entstanden. Beeinflusst es Sie, wo ein Film gedreht wird?

Gainsbourg: Für den Gemüts- und Geisteszustand ist das schon wichtig. Daher kam es mir in diesem Fall sehr entgegen, dass wir an einem ziemlich trostlosen Ort drehten. Das war eine Stunde außerhalb von Köln, wo ich niemanden kannte und wir in einem ziemlich seltsamen Hotel auf einem Golfplatz untergebracht waren. Diese sehr merkwürdige, isolierte Atmosphäre hat mir in den zwei Monaten für die Rolle sehr geholfen. Nachts hatte ich sogar fast Angst, weil es dort so einsam und traurig war. Ich war richtig dankbar, dass Willem Dafoe direkt im Zimmer unter mir wohnte und ich wenigstens ein paar Geräusche hörte, weil seine Frau mit dabei war und ständig telefonierte.

motor.de: Eingangs haben Sie gesagt, dass Ihnen ein Regisseur wichtiger sei als ein Drehbuch. Gibt es Filmemacher, denen Sie zusagen würden, ohne vorher auch nur eine Zeile gelesen zu haben?

Gainsbourg:
Selbstverständlich! Wenn man als Schauspieler ernst genommen und respektiert wird, ist die Erfahrung eigentlich immer eine gute. Aber sollten Sie Namen hören wollen: Woody Allen, Paul Thomas Anderson, Scorsese, Coppola. Das sind alles Leute, die ich enorm respektiere. Und wenn Lars wieder anruft, bin ich ohne zu Zögern dabei!

Interview: Patrick Heidmann

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