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Chilly Gonzales
Chilly Gonzales: Ivory Tower

Für Überraschungen war Gonzales schon immer gut. Mit gehörigem Schalk im Nacken verdutzt der studierte Jazz-Pianist regelmäßig sein Publikum - veröffentlicht Alben, die sowohl ruhige Klavierpassagen, als auch Rap, HipHop und knüppeldicken Elektro im Angebot haben und klingt dabei vielseitig as hell. Was selbst Multiinstrumentalisten wie Jamie Lidell, Peaches oder Feist dazu bewegt, den Tausendsassa regelmäßig ins Studio zu holen und einfach machen zu lassen, worauf er Bock hat - weil am Ende meist Platten entstehen, die zum einen deutlich die Handschrift Gonzales tragen (wie das sagenhafte "Multiplay" von Jamie Lidell) und anderseits dem Werk des jeweiligen Künstlers gerecht werden.
Langweilig dürfte dem Wahl-Franzosen also nie sein und trotzdem dürstete es ihm im Mai 2009 nach mehr. In einer Nacht- und Nebelaktion versuchte er sich am Weltrekord für das längste Dauerkonzert aller Zeiten und wen überrascht es: Gonzales schaffte 27 Stunden am Stück und steht nun im Guinness Buch der Rekorde. Fast in den Hintergrund rückt dabei seine eigene Karriere, die mit "Ivory Tower" den neuen, bereits siebenten Longplayer bereithält.
Diesmal zieht es ihn in Richtung Disco und die Beats sind sein Objekt der Begierde. Fast komplett instrumental, gefällt sich Gonzales in der Rolle des DJs und manchmal wirkt es, als ersetze er seine brillante Stimme durch das Klavier - zwischen all der Elektronik, den wuchtigen Bässen und sacht gestreuten Backgroundchören, ist das Tasteninstrument das einzige, was organisch und nicht synthetisch klingt. Radikalität verpackt in purpurnen Plüsch, der Popappeal von Chilly Gonzales orientiert sich diesmal an Künstlern wie Prince, George Clinton und den frühen Bee Gees - liebäugelt mit dem Funk genauso wie mit dem Soul.
Das mag anfänglich beliebig klingen, weil es eingängig und leicht konsumierbar ist. Doch "Ivory Tower" vorschnell als Soundtrack für Cocktailpartys abzutun, würde der Vielfalt der Platte nicht gerecht werden: Gonzales bleibt ein Meister aller Klassen und glänzt mit Songs, die zu keinem Zeitpunkt den Eindruck vermitteln, sie seien nur ein Experiment mit einem ihm bislang unbekannten Genre. Vielmehr sind die einzelnen Beiträge versiert und besitzen einen verdammt Stil sicheren Charakter - man ist gar geneigt zu glauben, der Schöpfer all dessen habe seit Jahrzehnten nicht anderes gemacht, so viel Präzision, Leidenschaft und Soundverständnis wird hier transportiert.
Trotzdem könnte "Ivory Tower" nur eine Momentaufnahme bleiben, denn erste Meldungen berichten, dass Gonzales an einem Projekt mit Helge Schneider tüftle. Kann er ruhig, wir haben bis dahin schließlich den Soundtrack für die Nacht, die zum Tag wird.
Marcus Willfroth
Vö: 20.8.10
Label: Gentle Threat/Edel
Tracklist:
01. Knight Moves
02. I Am Europe
03. Bittersuite
04. Smothered Mate
05. The Grudge
06. Rococo Chanel
07. Never Stop
08. Pixel Paxil
09. You Can Dance
10. Crying
11. Final Fantasy
um auf eure kritikpunkte zu reagieren: die kunde von der tatsächlichen premiere des film, dessen realisierung bis zur post-produktion aus finanziellen mitteln in frage stand, erschien auf dem myspace-blog von gonzales erst am 6. august, als dieser text bereits geschrieben war: http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=138077963&blogId=537947874
und die albuminfo, die ihr erwähnt wird, sollte gut aufgehoben werden. scheint ein unikat zu sein, denn in der mir vorliegenden steht nichts vom weltrekord. zum künstler sagt dieser jedoch eine menge, denn er zeigt, wie resolut gonzales sein werk angeht und erklärt, warum dem düsteren piano-album nun dieser disco-kracher folgt, weil er nur das macht, worauf er gerade lust hat - koste es, was es wolle.
die vielen wohnorte dieses mannes zu erwähnen und schlussendlich mit "ivory tower" in ein verhältnis zu setzen, käme aus meiner sicht einer hausarbeit gleich. deswegen verzichtete ich darauf.
vielen dank jedenfalls für eure kritik - und fürs lesen sowieso!
...bombastisch auch das abtippen der pr zu dem weltrekord am klavier - haben ja nur tausende autoren vorher auch fein aus der info abgepinselt, ohne mal kurz zu reflektieren, dass des der album-rezi überhaupt keinen mehrwert bietet...
Klangvolle Worthülsen a la "...der Schöpfer all dessen habe seit Jahrzehnten nicht anderes gemacht, so viel Präzision, Leidenschaft und Soundverständnis wird hier transportiert" sind ja schön und gut, aber was ist mit dem dazugehörigen Film zum Album, von dem hier schon berichtet wurde - keinerlei Erwähnung. Was ist mit den Leuten, die nicht wissen, dass der Kosmopolit Gonzales auch schon geraume Zeit in Berlin gewohnt/gewirkt hat??? Das kommt hier leider etwas zu kurz, Herr Willfroth.




Der Film war aber schon länger im Gespräch --> zB Hier (Google-Suche: Gonzales + Film - Platz 4). Wenigstens erwähnen hätte man das jawohl können, oder?! Denk auch, dass Gonzales Berlinsausflug nicht unwichtig für sein Schaffen ist....
Kritik muss auch erlaubt sein, sonst wäre das Kästchen hier ja unnütz ;-)
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