Carry On

Alben von Chris Cornell

Empfohlen von

Diesen Artikel bei Facebook empfehlen:

Tags

Lieber Chris,
ich mache mir große Sorgen um dich. Und nicht erst in letzter Zeit. Du und diese anderen drei von der Zankstelle, RATM, also Rage Against The Machine, dass passte doch nicht.
Sei ehrlich. Ich habe aber damals nicht geahnt, wie schlimm es um dich steht, bis ich dein neuestes "Werk" hörte. Nach "Euphoria Morning" hätte man glauben können, du wärst auf dem besten Weg, Kurt Weil'schen Walzer zu spielen, Baudelaire und Rimbaud zu vertonen. Jetzt wünschte ich, du hättest das getan. Wenn noch einmal ein Song wie "Follow My Way" dabei rumgekommen wäre, es wäre es wert gewesen. Chris, ich sage es ganz prosaisch und ehrlich - und wenn ich ehrlich sage meine ich: brutal ehrlich. Deine neue Platte kann nichts. Sie ist schlecht. Im reinsten und wahrhaftigsten Sinne des Wortes. Schlecht.

Ich meine, ein paradoxes Superlativ hast du dir immerhin gesichert. Du schaffst die Quadratur des Kreises. Kombinierst diesen ekelglatten, plüschwarmen, ich wage es kaum auszusprechen, radiotauglichen Pop-Rock mit diesen krummen Rumpelriffs, die bestimmt nicht an Led Zeppelin oder vergleichbare  Referenzgrößen gemahnen, die sich so unmöglich im menschlichen Ohr anhören (schlimmer als die schrillen Schreie der Außerirdischen aus Randy Kaufmanns "Body Snatchers"-Remake), die nichts mehr von dem haben, für das du früher mal gestanden hast. Es sind die Neunziger, die ich meine.

Und da wären wir schon beim Thema. Du trampelst auf dem Denkmal der Band herum, deren kreativer Nukleaus du warst. Ihr, Kim, Ben, Matt und du, ihr wart Soundgarden, und ihr wart verdammt noch mal die Besten der Besten. Damals. Als ich euch zum ersten Mal hörte, das war im Vorprogramm zu einer Band namens Guns N'Roses. Im Kölner Müngersdorfer Stadion, 1992. Der Mann am Mischpult hatte vermutlich getrunken, ihr hattet noch "Badmotorfinger" im Gepäck, dieses schlammige, brodelnde, über alle zarten Ohren bretternde Ungetüm von einem Album. Ich war noch nicht bereit für euch, die ganze Welt war noch nicht bereit, ich glaubte die Bühne sei von Lärmterroristen gekapert worden (Es ist bestimmt kein Trost, aber Faith No More klangen an diesem Tag nicht besser.) Irgendwann aber machte es Klick, beim Hören von "Superunknown", das ja auch gänzlich anders klang. Ich wart neben Kyuss der einzige große Act, der die Mimesis der Siebziger und ihre Transformation in die Neunziger richtig hinbekommen hatte. "Superunknown" und "Down On The Upside" hatten Klasse. Jeder Ton, jeder Note, jede Rille die ihr mit diesen Tönen und diesen Noten fülltet, hatte Klasse. Seele. Inbrunst. Ihr wart der goldene Schnitt des Nineties-Rock. Hattet die Größe von Nirvana - aber nicht Cobains Autoaggression. Die babywangenweiche Larmoyanz von Pearl Jam, habt euch aber immer das Heulsusenduett mit Eddi Vedder verkniffen. Und ihr hattet die bösartige Kapriziösität von Faith No More, ohne dabei einen Durchfall wie "Album Of The Year" zu produzieren. Und im Gegensatz zu Mike Patton hast du, lieber Chris, so viel Instinkt bewiesen und dir keine Mr. Bungle-Combo gesucht und delirierende Idiotenmusik gemacht. Ihr wart die richtige Band für einen Fünfzehnjährigen, der sehr viele Ich-bin-dagegen-Pillen geschluckt hatte und ein paar Freunde brauchte, die keinen Kinder-Hüpf-Metal hörten, und wenn sie auch nur von Band kamen.

Sei ehrlich, deine drei Freunde fehlen dir. Jede einzelne Sekunde dieses jämmerlichen Albums lassen mich heraushören, dass du sie brauchst. Du kannst mir nicht erzählen, dass du das hier gerne machst. Aber was will man tun, wenn die ehemaligen Bandkumpels glücklich sind im Abseits der Unbekanntheit, oder gut bezahlte Eierschaukeljobs bekleiden und beim Seattle-Dino Pearl Jam hinter der Schießbude hocken. Du jedenfalls hast dich entschieden, stehst nun in der Sackgasse und weißt nicht weiter. Jetzt musst du da alleine rauskommen. Ben, Kim und Matt können dir nicht helfen.

Text: Gordon Gernand

Label: Interscoup/Universal

VÖ: 28.06.2007

Tracklist:
01 No Such Thing
02 Poison Eye
03 Arms Around Your Love
04 Safe And Sound
05 She'll Never Be Your Man
06 Ghosts
07 Killing Birds
08 Billie Jean
09 Scar On The Sky
10 Your Soul Today
11 Finally Forever
12 Silence The Voices
13 Disappearing Act
14 You Know My Name
15 Today
Share/Bookmark

uwe.schmidt
uwe.schmidt vor 1833d 13h 

Danke !

antworten

Kommentar schreiben

Dein Name:
Bitte den nebenstehenden Sicherheitscode hier eingeben: