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Madonna
Madonna: Confessions on a Dancefloor
Die Strahlkraft eines Pop-Stars lässt sich am besten daran ablesen, wie viel Aufregung die bloße Ankündigung einer neuen CD auslöst. Madonnas Stern ist - der medialen Aufmerksamkeit im Vorfeld ihres neuen Albums "Confessions On A Dancefloor" nach zu urteilen - weit davon entfernt, zu verblassen. Im Gegenteil: Sie ist der letzte echte Superstar ihrer Generation, zu der ansonsten gefallene Größen wie Michael Jackson und Whitney Houston oder Stehaufmännchen wie Prince und George Michael gehören.
Dabei waren zuletzt durchaus Zweifel angebracht, ob Madonna musikalisch überhaupt wieder in Schwung kommt. Das letzte Album "American Life" wollte niemanden so recht begeistern, wirkte unterkühlt und sperrig und erwies sich als das schlechtverkaufteste Album in der Karriere der Amerikanerin - was sich in ihrem Fall natürlich nicht ausschließt, dass es trotzdem auf Platz Eins der Charts landete. Wenn Madonna noch für Schlagzeilen sorgte, dann vor allem durch ihre Kabbalah-Obsession, unbedarfte Kinderbücher oder waghalsige Reitunfälle.
Als dann vor einigen Wochen die Meldung die Runde machte, die neue Single "Hung Up" sei um ein - immerhin von Björn und Benny offiziell genehmigtes - ABBA-Sample herum gestrickt, wuchs die Skepsis noch. Seit wann hatte es die einstige Trendsetterin Madonna nötig, sich in Sachen Kreativität bei fremder Leute Ideen zu bedienen?
Tatsächlich dominieren die Melodie-Auszüge der Schweden "Hung Up" von Beginn an, doch was beim ersten Hören vielleicht plump und uninspiriert klingen mag, setzt sich bald unwiderruflich in den Gehörgängen fest. Und Madonna wäre nicht Madonna, wenn sie nicht auch beim Sampeln ihr goldenes Händchen beweisen würde: mit "Gimme Gimme Gimme" hat sie sich den wohl genialsten ABBA-Song überhaupt ausgesucht.
Wohin "Confessions On A Dancefloor" gehen soll, machen also Albumtitel und Single unmissverständlich deutlich. Die Tanzfläche ist Madonnas Tempel und kein Licht schmeichelt der 47jährigen mehr als der Glanz der Discokugel. Ihrem in den letzten Jahren entwickelten Faible für elektronische Beats bleibt sie auch mit den neuen Songs treu, doch so ausschließlich und hemmungslos wie auf "Confessions On A Dancefloor" hat sich Madonna seit den späten Achtzigern nicht mehr dem Disco-Pop hingegeben.
Statt wie zuletzt mit den aufstrebendsten Produzenten zusammenzuarbeiten und die Trends aus der Elektro-Szene in den Mainstream zu übertragen (was mitunter zu waghalsigen Experimenten führte, die - wie im Falle des James Bond-Songs "Die Another Day" - nicht immer glückten), erobert sich Madonna nun die Schwulenclubs und Studio 54s dieser Welt zurück, die sich in den letzten Jahren nur noch auf Kylie Minogue verlassen konnten.
Der Franzose Mirwais Ahmadzai, die treibende Kraft hinter "Music" und "American Life", kommt dieses Mal nur bei "Future Lovers" zum Zug, ansonsten schrieb und produzierte Madonna die neuen Songs mit Stuart Price, der als Les Rhythmes Digitales bisher nur Insidern vertraut war. Neue Hypes und cooles Sound-Gefrickel lassen sie dabei links liegen und konzentrieren sich ausschließlich auf ein Ziel: ausgelassene Euphorie auf der Tanzfläche.
Leidenschaftlich und konsequent beruft sich Madonna nun auf die späten Siebziger und frühen Achtziger und scheut weder Verweise auf die Jackson Five oder Donna Summer noch auf die Fönwellen der "3 Engel für Charlie" oder Jane Fondas Aerobic-Outfits. Doch was dabei herauskommt, hat nichts mit Einfallslosigkeit oder Retro-Anbiederung zu tun, sondern ist schlicht das bemerkenswert brillanteste Pop-Album des Jahres.
Wo bei "American Life" bestenfalls ein oder zwei Songs dauerhaften Eindruck hinterließen, jagt hier mit "Sorry", "Jump", "Forbidden Love" oder "Push" ein Hammertrack den nächsten. Und selbst ein leicht kruder, von orientalischer Folklore beeinflusster Song wie "Isaac", der von jüdischen Rabbis bereits im Vorfeld als blasphemisch verdammt wurde, steckt vergangene Ärgernisse wie die überflüssige Britney Spears-Kollaboration "Me Against The Music" lässig in die Tasche.
Nach 22 Jahren im Pop-Geschäft und unzähligen Image-Wechseln - von der Sex-Domina über die Evita-Diva bis hin zur britischen Landlady - ist Madonna noch einmal auf der Höhe der Zeit angekommen. Denn nirgends funkelt ihr Stern heller als in der Disco, deren Türen sie mit "Confessions On A Dancefloor" ganz weit aufgestoßen hat.
Text: Patrick Heidmann




