Rockferry

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"Coattail Riders" nennt man im Englischen Menschen, die im Sog anderer erfolgreicher Menschen selbst Karriere machen. Sie "reiten" dann bildlich gesehen auf dem Rückenteil des Fracks (dem "Schwalbenschwanz") eines anderen. Am 30.
Dezember 2007 erschien unter dem Titel "Die Neuen Amys" ein Kommentar von Adam Thompson in der Britischen "Times". Darin zählte der Autor eine Reihe potentiell Erfolg versprechender Coattail Riders für die 2007 so erfolgreich gewesene Amy Winehouse auf. Er sprach von einer Clique "strahlend-äugiger unschuldiger Mädchen mit tütenweise Talent im Gepäck". Gemeint war neben Gabriella Cilmi und Adele auch eine junge walisische Sängerin namens Aimee Anne Duffy, deren zweites Album "Rockferry" soeben erschienen ist.

Das wichtigste vornweg: Der Vergleich mit Amy hinkt selbstverständlich gewaltig. Duffy kommt nicht nur kein bisschen an Amys Blues und Soul heran, sie versucht es dankbarer Weise erst gar nicht. Eine echte Coattail Rider würde sich jedenfalls anders anhören. Das Songwriting der Singles "Mercy" und "Rockferry" mögen zwar oberflächlich an die großen Jahrzehnte des Souls erinnern, doch schwingt hier etwas ganz anderes mit als der Blues einer Amy Winehouse: Nämlich knallharter westeuropäischer Folkpop. Die Harmonien mancher Songs wie zum Beispiel "Distant Dreamer" hört man deshalb hierzulande eher zum "Fest der Volksmusik" des MDRs als auf MTV. Die singenden Geigen, die Background-Sängerinnen, das Stahlgitarrensolo, die Glockenschläge auf die eins - das alles ist zwar mühevoll auf 70er getrimmt, aber es verdeckt die Wahrheit nicht: "Rockferry" ist selbstverständlich eine Pop-Platte des neuen Jahrtausends. Und zwar eine Gute. "Warwick Avenue" beispielsweise knüpft dort an, wo Norah Jones für uns Europäer leider viel zu schnell in den Western und Country abdriftet. Duffy legt dabei an Inbrunst und Leidenschaft in ihre Stimme, was sie nur hat - das ist ihre absolute Stärke. Verstärkt wird der Effekt ihrer Stimme durch ihre dazu konträre Ausstrahlung; der zarten Blondine vom Lande traut man das nicht unbedingt zu.



Sollte man ein Video zu dieser Platte drehen, würde man Duffy wahrscheinlich in einen versifften Pub schicken, in dem eine wüste Schlägerei tobt, bis ihre so weibliche Stimme die prügelnden Herren zu unkontrollierten Heulkrämpfen und gegenseitigen Umarmungen rührt. Ihre Songs bleiben zwar nicht haften, aber sie tun dafür auch nicht weh. Hier geht es nicht um Drogen, Sex und Rehab, sondern um feminine Gedankengänge diesseits der Entzugsklinik. Duffys absolut fehlerfreie Studio-Band rund um den Produzenten Bernard Butler ist zudem sehr klar produziert und die Platte hört sich einfach gut durch. Schade, dass der Valentinstag schon vorbei ist, "Rockferry" wäre das perfekte - weil glaubhafte - Männer-Geschenk für deren Freundinnen gewesen. Von Amy Winehouse-CDs kann man das irgendwie nicht behaupten.

Samuel Jackisch

Das komplette Album kann hier gehört werden.

VÖ: 28.03.2008

Label: Island (Universal)

Tracklist:
01. Rockferry
02. Warwick Avenue
03. Serious
04. Stepping Stone
05. Syrup & Honey
06. Hanging On Too Long
07. Mercy
08. Delayed Devotion
09. Scared
10. Distant Dreamer
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