Norwegische Farbenlehre: Einar Strays Debüt atmet Post-Rock, lebt melancholischen Indie-Pop und gräbt dabei tief in den Trümmern der Hoffnung.

(Fotos: Hilde Mesics Kleven, Sinnbus Records)

Schwarz/Weiß, Drama, Räumlichkeit, Kontrast: Das Langspieldebüt dieses jungen Norwegers unterstreicht, dass nicht nur Caravaggio seine Freude an Chiaroscuro hatte, einem aus der Malerei bekannten Ausdruck für polarisierende Hell-Dunkel-Inszenierungen. Selbstverständlich weist dieser Begriff im heutigen Verständnis weit über den damit bezeichneten Malstil hinaus. Dem 21-jährigen Einar Stray etwa darf durchaus unterstellt werden, auf seinem Debüt inhaltlich wie strukturell mit diesem Leitmotiv zu spielen. Als Teil des kreativen norwegischen Netzwerks um das Label Spoontrain führte es Stray unter anderem bereits im Verbund mit seinem Kollegen Moddi in hiesige Gefilde; gänzlich unbekannt ist der junge Mann also auch hierzulande nicht mehr. Glücklicherweise wurden damals auf der Berliner Popkomm die findigen und stilsicheren Talent-Scouts von Sinnbus auf seine Musik aufmerksam und ermöglichen nun mit einiger Verspätung auch dem deutschen Markt den Genuss von "Chiaroscuro".

Einar Stray – "Yr Isn’t A Heart"


Gerade einmal sieben Songs versammelt das erste Album von Einar Stray, der sich nicht scheut, neben Jónsi, Thom Yorke oder Win Butler auch Galionsfiguren des Post-Rock wie Efrim Menuck (A Silver Mt. Zion und Godspeed You! Black Emperor) als Inspirationsquellen zu nennen. Verwegen, aber längst nicht zu weit hergeholt, ist die Spannweite dieser guten Dreiviertelstunde Musik doch gleichfalls enorm: nahezu spielerisch verwebt "Chiaroscuro" epische Tiefenschärfe, vertrackte Eingängigkeit und diffuse Spannungen mit einem versierten Händchen fürs Harmonische. "In the morning in the rain / we will swiftly go insane" – wispern Stray und seine kongeniale Partnerin an Violine und Stimme, Hanna Furuseth, dem Hörer in der ersten Single "Yr Heart Isn’t A Heart" ins Ohr und umreißen damit gleich einmal den strukturierten Eskapismus, dem dieses wundervolle Debüt hörbar frönt. Nicht selten werden die Songs von Streicher-Arrangements eingeleitet, denen man eine Kindheit voll Edvard Grieg anzuhören meint, entblättern sich anschließend zu lupenreinen Pop-Stücken sinistrer Spielart und wissen selbst dann noch – etwa mittels eruptiver Rhythmik, entschleunigtem Streicher-Arpeggio oder ähnlichen Kunstgriffen – Erwartungen zu unterlaufen.

Der psychoanalytische Amateur würde möglicherweise orakeln, dass sich der auf links gedrehte Pop-Entwurf dieses jungen Genies aus einer Art internalisierter Distanz zu unserer Welt speist, die in all ihrer Kaputtheit doch noch immer voll paradoxer Schönheit steckt. Sei es das tänzelnde "Arrows", das zwischen Zerfaserung und konzentriert-exaltierter Melodiösität oszillierende "We Were The Core Seeds" oder alle menschlichen Gemütslagen zu durchleben scheinende Instrumental-Stück "Teppet Faller" – Einar Stray und seine perfekt eingespielten Mitstreiter destillieren aus Tragik, Melancholie und dem berühmten Funken Hoffnung einen schillernden, mitreißenden Strom aus buntscheckigem Orchester-Folk à la Sufjan Stevens, transzendenter Entrücktheit im Geiste von Sigur Rós und dem neoklassischen Anspruch eines Ólafur Arnalds.

Einar Stray - "Arrows" (acoustic)


"Chiaroscuro" funktioniert folgerichtig stets in verschiedene Richtungen: als einnehmende Nachtmusik, deren Schönheit sich schnell und doch entschlossen zu offenbaren vermag, aber auch – und das darf als die noch weitaus größere Leistung gelten – als langsam wachsendes, unheimlich detailverliebtes Gesamtkunstwerk. Fordernd statt verkopft, verspielt und nicht etwa ziellos selbstbezogen, setzen Einar Stray und Band ein erstes Achtungszeichen in diesem noch jungen Musik-Jahr. Wurde 2011 nicht auch vom Hype um ein neues Wunderkind eröffnet?
 

Henning Grabow

VÖ: 20.01.

Label: Sinnbus Records/Rough Trade

Tracklist:

01. Chiaroscuro
02. Yr Heart Isn’t A Heart
03. Arrows
04. We Were The Core Seeds
05. Caressed
06. Beasts
07. Teppet Faller



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