"Ich will nicht enden wie die Libertines" - Frank Turner im Interview

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Zwischen seinen beiden Solo-Shows im Berliner "White Trash" plaudert Frank Turner über die Wichtigkeit von schnellen Entscheidungen, traditionelles englisches Liedgut und Musik-politische Helden.

Seit gut sechs Jahren bereist Frank Turner die Lande, um den Rock 'n' Roll zu predigen. Der sympathische Brite nutzt dafür entweder die Kraft der Intimität, in Form seiner selbst und eines einfachen Akkustik-Sechssaiters oder er berauscht die Massen mit musikalisch dichterem Background, wenn er seine Home-Band The Sleeping Souls im Schlepptau hat. Doch ganz egal, welches Line-Up sich bei einem Auftritt des Südengländers auf der Bühne präsentiert, der allgemeine Tenor des anwesenden Volkes ist am Ende stets derselbe: Mehr, mehr, mehr! Dem kann der hagere Singer/Songwriter nicht widerstehen und bringt es demzufolge nach gut einem halben Jahrzehnt bereits auf weit über tausend Shows. Neben dem vermeintlichen "365 Days A Year-Tour Alltag" gelingt es dem emsigen Karo-Hemd-Liebhaber aber dennoch, irgendwo zwischen Tür und Angel noch Zeit zu finden, seine musikalischen Ergüsse für die stetig wachsende Fanschar in Form von Tonträgern festzuhalten. Diese erfreuen sich mittlerweile einer ähnlichen Begeisterung wie seine Konzerte, und so juckt es schon jetzt vielen Anhängern in den Ohren beim Gedanken an den 6. Juni diesen Jahres; denn dann beglückt Frank Turner die Musik-Welt mit "England Keep My Bones", seinem mittlerweile vierten Studio-Werk.

motor.de: Wir sitzen hier im ehrwürdigen Ramones Museum. Authentischer geht's nicht, oder?

Frank Turner: Oh ja, ich liebe diese Location. Ich war schon oft hier und weißt du, was das Schöne ist? Es gibt jedes Mal wieder etwas Neues zu entdecken.

motor.de: Du hast auch gleich einen passenden Sweater an? (Turner trägt eine Ramones-Kapuzenjacke)

Frank Turner: Meine ganzen Klamotten sind in irgendwelchen Kisten verstaut. Ich suche gerade dringend eine Jacke für unterwegs. Man war so nett und reichte mir diese hier. Ich glaube, die werde ich auch kaufen. (lacht)

motor.de: Du bist seit fast sechs Jahren nahezu durchgehend auf Tour. Weißt du noch wann du das letzte Mal Lebensmittel eingekauft hast?

Frank Turner: Das ist eine gute Frage. Nein, nicht wirklich.

motor.de: Ich frage deswegen, weil viele Künstler nach langen Touren oftmals in ein "Loch" fallen und Schwierigkeiten haben, sich wieder im "normalen" Alltag zurechtzufinden. Wie sieht das bei dir aus?

Frank Turner: Ähnlich, ich würde nicht sagen, dass ich in ein "Loch" falle, aber ich kann definitiv nachvollziehen, was diese Leute meinen. Ich lebe seit Jahren eigentlich nur aus dem Koffer. Heute hier, morgen da; da ist es natürlich umso wichtiger, dass dein Umfeld funktioniert, sodass du dich um die Dinge kümmern kannst, die wichtig sind.

motor.de: Was ist dir besonders wichtig?

Frank Turner: Unterwegs zu sein! (lacht) Nein, im Ernst! Was ich besonders liebe, ist, Entscheidungen zu treffen. Wenn du auf Tour bist, musst du zwangsläufig lernen, schnell auf den Punkt zu kommen. Das ist manchmal schon brutal und immer wieder herausfordernd, aber letztlich genau das, was ich brauche: Dinge erledigen, um mich wieder frei zu machen für Neues. Wenn sich beispielsweise heute irgendein Problem auftut, dann muss ich auch heute noch eine Lösung dafür finden, denn morgen bin ich schon wieder in einer anderen Stadt.

motor.de: Kommt Frank Turner auch mal zur Ruhe?

Frank Turner: Ich bin ein Mensch, der in Bewegung sein muss. Das ist mein Naturell, aber ich brauche natürlich hin und wieder auch etwas Zeit, um mich zu sammeln und Dinge zu verarbeiten. Bevor ich hierher kam, hatte ich etwas Urlaub. Ich lag auch ungefähr eine Woche davon am Strand und habe meinen Akku wieder aufgeladen. Es ist mir immer wichtig zu wissen, wann es wieder losgeht, um mich entspannen zu können. Ich brauche meinen Kalender, der mir sagt: Du hast jetzt zwei Wochen Pause und ab dann und dann geht`s wie folgt weiter. Die kurze Pause hat auf jeden Fall sehr gut getan, denn der Rest des Jahres ist proppenvoll mit Terminen, Shows, etc.

motor.de: Absolut. Es steht eine Menge an.

Frank Turner: Yeah, ich kann es kaum erwarten, obwohl wir ja schon wieder mittendrin stecken. Die Tour geht bis weit in den Spätsommer hinein. Zwischendurch kommt das neue Album. Oh ja, es gibt viel zu tun.

Frank Turner - "Peggy Sang The Blues"


motor.de: Wenn es heißt: Frank Turner spielt live, stellen sich viele die Frage: Allein oder mit Band? Was gibt letztendlich den Ausschlag?

Frank Turner: Das ist schwierig zu beantworten, denn ich liebe wirklich beide Optionen. Ich will es mal so erklären: Ich bezahle die Leute gerne, die für mich arbeiten. Wenn ich, wie jetzt oder auch in den nächsten zwei Monaten, viele Tage habe, an denen ich den ganzen Tag über Pressetermine wahrnehme und es abends keine Show gibt, macht es wenig Sinn, die ganze Band mitzunehmen, denn ich könnte sie nicht bezahlen, weil wir selten spielen würden. Demnach entscheide ich mich für solche Zeiten für die Solo-Option. Ziemlich langweilig, ich weiß, aber es ist mir wichtig, die Jungs zu entlohnen. Sie machen einen Super-Job und momentan würde ich auch sagen, dass ich lieber mit ihnen als ohne sie spiele. Dementsprechend freue ich mich schon total, wenn wir im Sommer wieder zusammen sind.

motor.de: Das klingt etwas wehmütig hinsichtlich der kommenden zwei Monate?

Frank Turner: Oh nein, ich freue mich riesig auf die nächste Zeit. Grundsätzlich denke ich sogar, dass wenn man mir die Pistole auf die Brust setzen und sagen würde: Du musst dich jetzt entscheiden, Solo oder mit Band, und das für den Rest deines Lebens, ich würde auf jeden Fall die Solo-Option wählen, denke ich. Es ist auch so eine Art Gefühlssache. Momentan trage ich dieses Band-Gefühl und die Vorfreude auf den Sommer in mir, aber keine Ahnung; frag mich morgen nochmal, da kann es auch schon wieder anders aussehen. Was mir zudem künstlerisch noch sehr gefällt, ist die Möglichkeit zu variieren. Es macht mir auch Spaß, Songs in einem anderen Gewand zu präsentieren. Wenn ich alleine spiele, klingen viele Lieder so, wie sie teilweise auch entstanden sind: Nur mit der Gitarre.

motor.de: Wenn man dich live erlebt, hat man das Gefühl, dass du die Intimität eines kleinen Clubs dem Outdoor-Spektakel vorziehst. Wenn man sich deinen Werdegang genauer ansieht, kommt man allerdings zu dem Schluss, dass die großen Arenen nicht mehr lange auf sich warten lassen; wie siehst du die Entwicklung und macht dir die Vision einer möglichen Stadion-Zukunft etwas Sorgen hinsichtlich deiner Vorlieben?

Frank Turner: Oh, ich denke, "Sorgen" wäre vielleicht übertrieben, aber ja, mir ist Intimität und das Zusammenkommen während einer Show immens wichtig. Das macht für mich einen guten Gig aus. Letztlich entscheidet aber in den seltensten Fällen die Location über den Verlauf der Dinge. Ich nenne dir mal ein Beispiel: Ich war auf einem Bruce Springsteen Konzert mit weit über 60.000 Zuschauern und es war dennoch eine intime Atmosphäre, die dir Gänsehaut bereitet hat. Auf der anderen Seite habe ich Bands in kleinen Clubs vor 100 Leuten spielen sehen und man hatte das Gefühl, beide Seiten befänden sich auf verschiedenen Planeten. Ich will mich nicht mit dem "Boss" auf eine Stufe stellen, Gott bewahre, aber es liegt an einem selbst, diese Intimität zwischen Bühne und Publikum herzustellen. So groß ist das Szenario bei mir ja auch noch nicht. Klar, in England spielen wir momentan vor 3.000 bis 5.000 Leuten. Das ist schon eine Menge, aber wir kriegen weitestgehend positives Feedback nach den Shows. Die Fans sind zufrieden, sie empfinden keinerlei Barrieren zwischen Bühne und ihnen; und darauf kommt es an, denke ich.

motor.de: Mir schwirrt dennoch das Wembley-Stadion im Kopf rum…

Frank Turner: Oh ja, heilige Scheiße. (lacht) Das war schon krass.

motor.de: Frank Turner im Vorprogramm von Green Day vor 90.000 Leuten!

Frank Turner: Das war schon eine andere Hausnummer. Sehr bizarr und auch etwas angsteinflößend; aber auch sehr, sehr geil!

motor.de: Ich bin zwar kein Prophet, aber ich denke zu wissen, wohin die "Support-Reise" von Frank Turner gehen wird. Bist du neugierig?

Frank Turner: Oh, natürlich. Ich bin gespannt.

motor.de: Ok, du warst im Jahr 2009 mit Gaslight Anthem auf Tour. Die Jungs sind bekanntlich große Bruce Springsteen-Fans. Diesen Sommer spielst du im Vorprogramm von Social Distortion. Ich denke, die innige Freundschaft zwischen Mike Ness und Bruce Springsteen ist allgemein kein Geheimnis. Also?

Frank Turner: Ah, verstehe. (lacht)

motor.de: Hat der "Boss" schon angefragt?

Frank Turner: Nein, leider nicht. Das wäre natürlich der Hammer. Bruce Springsteen ist in meinen Augen der beste Songwriter und Performer seiner Generation. Es wäre mir mehr als eine Ehre.

Frank Turner - "I Still Believe"

motor.de: Anfang Juni kommt dein neues Album heraus. Auf "England Keep My Bones" beschäftigst du dich intensiv mit deiner Herkunft, deiner Familie und deinen Freunden. Es geht um all die Dinge und Personen, die du hinter dir lässt, wenn du dein "Leben auf Tour" führst. War es demnach für dich an der Zeit, "Danke" zu sagen?

Frank Turner: Ja, absolut. Das ist die treffendste Umschreibung für das Album. Ohne dieses Fundament und all die Menschen, die mir in meiner Heimat nahestehen, stünde ich heute sicherlich nicht da wo ich stehe. Ich habe beispielsweise drei Menschen in England, mit denen ich jeden Tag maile und die die ersten wären, die mir sagen würden, wenn sich aus mir ein Arschloch entwickeln würde. Das bedeutet mir sehr viel, denn wenn man mit seinem eigenen Projekt unterwegs ist, läuft man zwangsläufig Gefahr, abzuheben und sich für etwas Besseres zu halten. Das will ich nicht, ich will nicht "cool" sein, da scheiße ich drauf. Ich will nicht enden wie die Libertines, verstehst du? Insofern ist dieser Background mit das Wichtigste für mich.

motor.de: Nach "Poetry Of The Dead" hast du auch "England Keep My Bones" wieder mit der gesamten Band aufgenommen. Hat sich das "Team" jetzt eingespielt?

Frank Turner: Ja, die Jungs sind fantastisch. Mittlerweile sind alle Beteiligten an der Sache gewachsen und wir alle fühlen uns sicherer in dem, was wir tun. Während wir auf "Poetry Of The Dead" die Aufnahmen sehr klassisch angegangen sind und jeder irgendwie seinen festen Part innehatte, gingen wir diesmal wesentlich entspannter an die Aufnahmen heran. Ich wollte vor allem ein Album mit unterschiedlichen Dynamiken erzeugen; Songs mit Wucht und kompletter Instrumentierung sollten ebenso ihren Platz finden, wie Songs ohne Schlagzeug oder auch Tracks in denen nicht mal eine Gitarre vorkommt. All das, war nur möglich, weil wir uns als Band entwickelt haben und alle sehr zufrieden und glücklich mit der Konstellation sind.

motor.de: Dynamik ist ein gutes Stichwort: Der Song "The English Curse" beispielsweise, besteht nur aus deiner Stimme und dennoch klingt er wie ein "richtiger" Song. Gab es eine Gitarren-Begleitung im Hintergrund, die später rausgeschnitten wurde?

Frank Turner: Oh nein, "The English Curse" sollte klingen wie ein echter "Traditional". Ich liebe dieses Zeugs. In der Regel werden diese "Traditionals" nur von der Stimme getragen. Diese Lieder haben eine ungemein lange Tradition, teilweise mehrere hundert Jahre. Sie folgen meist einem ähnlichen Schema; bestimmte Parts und Verse werden an bestimmten Stellen wiederholt, etc. Das hat mich schon immer fasziniert. Ich komme aus Hampshire und las ein Buch über die Geschichte der Gegend und dachte mir: Wow, darüber will ich einen "Traditional" schreiben; so entstand "The English Curse".

motor.de: Du bist ein Mensch, dem Authentizität und Glaubwürdigkeit sehr viel bedeuten. Du orientierst dich nicht ohne Grund an gestandenen und aussagekräftigen Songwritern wie Bob Dylan, Bruce Springsteen oder auch Joe Strummer. Billy Bragg gehört auch zu dieser Riege von Künstlern, mit denen dich die Allgemeinheit gerne vergleicht. In einem Interview soll er einst gesagt haben: "Musik ist die wahre Politik". Wenn dem so ist, wer wäre demnach für dich der glaubwürdigste "Politiker" auf der Welt?

Frank Turner: Das ist wirklich schwierig zu beantworten. Billy ist definitiv ein unglaublicher Songwriter. Was ich besonders an ihm schätze, ist die Tatsache, dass er auch immer genau das meint, was er sagt. Vielleicht geh ich nicht immer mit all seinen Ansichten konform, aber alleine der Fakt, dass er hinter allem steht, was er sagt und tut, gefällt mir, sodass ich ihm selber wohl am ehesten noch die "Krone" aufsetzen würde.

motor.de: Was ist mit Chris Hannah von Propagandhi?

Frank Turner: Wunderbar, danke für den Hinweis. Er steht mindestens auf einer Ebene mit Billy Bragg. Chris schreibt ungemein intelligente politische Texte. Eine Gabe, die nur wenige besitzen, mich ausgeschlossen. (lacht) Für mich ist "Today's Empires, Tomorrow's Ashes" eine der besten Punk-Scheiben überhaupt. Aber gut, wenn Billy das gesagt hat, dann gebührt ihm auch das alleinige Recht auf diesen Titel.

Interview: Kai Butterweck



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mistafang vor 370d 15h 

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sergey vor 379d 9h 

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