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Gentleman
Gentleman: Kondomautomaten in Vatican City - Gentleman im Interview
Gentleman über sein kommendes Album "Diversity", wiederkehrenden Roots-Reggae und die Verbannung jamaikanischer Künstler aus den Plattenläden.

Der Reggae-Musiker Gentleman wird am 09. April diesen Jahres sein mittlerweile fünftes Studioalbum mit dem Titel „Diversity“ veröffentlichen. Ende Februar lädt er bereits zum Prelistening in Berlin und die Presse kann sich einen ersten Eindruck zum wieder maßgeblich vom jamaikansichen Produzenten Don Corleone mitgestalteten Werk verschaffen. Im anschließenden Interview spricht motor.de mit Gentleman über die Produzentenauswahl und seinen Standpunkt in der nicht enden wollenden Gaza–Gully-Fehde. Als der aktuelle Stand der Homophobie-Debatte um jamaikanische Künstler in Deutschland angesprochen wird, reagiert er besonders impulsiv und besorgt über die Zukunft von Reggaekünstlern...
motor.de: Steigen wir mit Deinem neuen Album ein. Was erwartet den Hörer auf „Diversity“ – musikalisch und inhaltlich?
Gentleman: „Diversity“ ist die musikalische Vielfalt, die ich auf keinem anderen Album so hinbekommen habe. Diesmal hatte ich keine Berührungsängste die ganze Bandbreite, die Reggae zu bieten hat, auch auszunutzen: Klassische Roots-Reggae-Songs, Live-eingespielten Sachen, aber auch Elemente wie Autotune, Eurorave sowie Dancehall- und HipHop-Beats. Dieses Mal sehe ich MICH als Roten Faden. Ich hatte früher immer das Gefühl ein Album muss entweder nur live eingespielt oder nur elektronisch sein – das war diesmal nicht so.
motor.de: Du hattest zuvor erwähnt, dass es in der Vergangenheit ein Album gab, mit dem Du nicht so zufrieden warst. Worauf hast du da konkret angespielt?
Gentleman: Ja, also das Album werde ich jetzt nicht nennen (lacht). Es gab halt einfach eine Platte, bei der ich, während ich sie gemacht habe, sehr ausgelaugt war. Ich hatte einfach das Gefühl, dass jetzt wieder 2 ½ Jahre vergangen sind und es mal wieder Zeit wäre ein Album zu machen. Aber eigentlich war ich gar nicht ready und hatte auch nicht wirklich Input. Hinterher ist man immer schlauer. Wenn ich mir dieses Album anhöre, dann denke ich mir immer: "Okay, hättest du mal ein bisschen mehr Liebe reingesteckt." Textlich ist es nicht der Fall, weil ich finde, dass jedes Album ein Zeitdokument ist, aber was die Produktion, meine Performance und die Auswahl der Riddims angeht. Es wird halt einfach schwierig, wenn man ein Album zwischen zwei Touren macht.
Diesmal hatte ich dieses angenehme Problem, dass ich wirklich in dieses Ding gekommen bin, was man vielleicht als kreativen Flow bezeichnen kann. Irgendwann hatte ich 35 Songs zusammen und musste eher Material rausschmeißen. Früher hießes eher: "Oh Gott, ich habe jetzt gerade mal zehn Songs, in zwei Wochen ist Release-Date, ich brauch jetzt noch vier Dinger!" Das war eben dieses Mal anders. Deswegen gibt es auch zwei Versionen, einmal 20 und einmal 28 Songs.
motor.de: Welche wird es denn nun letztendlich werden?
Gentleman: Es wird beide Varianten geben.
motor.de: Stichwort Produzentenauswahl: Fühlst Du Dich bei Don Corleone nach wie vor gut aufgehoben?
Gentleman: Auf jeden Fall, ja.
motor.de: Und wie kamen die übrigen, wie Irievibrations oder Massive B mit an Bord? Zufall?
Gentleman: Ich glaube nicht an Zufall, sondern nur an Fügungen. Corleone stellt den Löwenanteil des Album – mit ihm hat es angefangen. Ich habe mich bei ihm im Studio sehr wohlgefühlt, weil er genau weiß, was ich musikalisch brauche. Irgendwann haben wir uns beide auf dieses Level gebracht, dass wir nur noch dachten: "Wow, das greift jetzt!" Ich finde einfach, dass Corleone es drauf hat, den Sound überall gut klingen zu lassen – im Auto, auf meinem Ghettoblaster, auf dem MP3-Player. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass es vielen Produzenten zwar gelingt, dass der Sound im Studio super klingt, doch dann hörst du es zuhause und der Bass kommt nicht richtig durch oder andere Sachen passen nicht so richtig. Deswegen bin ich auch sehr froh mit ihm diese Arbeit gemacht zu haben. Ich meine, er hat für Sean Paul und Rihanna produziert - gut, da könnte man jetzt sagen, das sei kommerziell. Aber er steht eben, wie ich finde, für diesen modern Roots-Sound.
motor.de: Was ist mit Stephen"Di Genius“ McGregor? Wäre er als mittlerweile einer der angesagten Topproduzenten Jamaikas nicht auch sehr interessant gewesen?
Gentleman: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hätte Stephen gern mit auf meinem Album gehabt, aber er war halt irgendwie nie erreichbar. Wenn ich da war, war er nicht da und umgekehrt. Er hat mich dann angerufen, als es zu spät war und das Album schon fertig da lag. Aber ich denke mal, dass Stephen auf dem nächsten Projekt auf jeden Fall mit am Start sein wird. Es gab sogar schon einen Song, den ich für ihn aufgenommen hatte und ich bin sehr traurig darüber, dass der nicht mit auf dem Album ist, weil wir es eben zeitlich nicht hingekriegt haben ihn zu mischen. Stephen ist jemand, wo ich weiß, dass da sicher noch einiges in den Startlöchern ist.
motor.de: Was sagst du zu den Jungs von Daseca? [Ein weiteres, in den letzten Jahren aufgestiegenes, enorm erfolgreiches Produzenten-Team; Anm. d. Red.]
Gentleman: Daseca sind auch cool. Ich meine, es gibt so viele Produzenten, die man aber nicht alle auf ein Album kriegt.
motor.de: Ich habe so das Gefühl, dass gerade die beiden letztgenannten Corleone ein bisschen den Rang abgelaufen haben. Und da Du ja sagtest, dass „Diversity“ einen neueren, breiteren Ansatz hat, hätte ich vermutet, dass sie mit von der Partie sein werden.
Gentleman: Hmm, also ich weiß nicht, manchmal passieren Sachen einfach. Vielleicht gibt es einen Grund dafür, vielleicht auch nicht. Wie gesagt, ich habe sie nicht erreicht - wir haben uns einfach nicht getroffen - und mit Corleone stimmte einfach die Chemie. Dann ist es auch egal - in dem Moment, wo man es spürt, da spürt man es. Ich bin auch nicht jemand der sagt: "Mit dem und dem muss ich jetzt unbedingt zusammenarbeiten." Entweder man trifft sich oder eben nicht. Wenn ich Mad Professor nicht getroffen hätte, dann wäre es auch so gewesen, dass es nicht hätte sein sollte...
motor.de: ...und es ist ja noch nicht aller Tage Abend?!
Gentleman: (lacht) Eben! Ich werde auch noch länger Musik machen, es ist also nicht das letzte Album - das kann ich garantierten.
motor.de: Beim Stichwort "jamaikanische Produzenten" fällt mir ein, dass Du beim Pre-Listening von "Diversity" betont hast, dass sie ein Indikator für kommende Trends in den Staaten bzw. letztendlich international seien - wie ist da konkret der aktuelle Stand?
Gentleman: Ich glaube die Autotune-Welle flaut demnächst wieder ab, was ich gut finde, weil es einfach echt zuviel war. Irgendwann hat es genervt, wenn sich alle Künstler gleich anhören. Und ich glaube, demnächst kommt wieder Roots stärker in den Vordergrund – ich hoffe es jedenfalls. Aber so war es immer - es gab erst das eine verstärkt und dann hat man wieder mehr Bock auf das andere gehabt. Wichtig ist, dass wir die Scheuklappen ablegen müssen! Klar, es wird immer über Bling und Ladies gesungen werden, weil es ein gesellschaftlicher Teil des Lebens ist, genau wie Spirit, Religion und Rasta. Aber ich bin mir sicher, dass die Tendenz wieder dahin geht, mehr handgemachte Mucke zu machen - vielleicht wieder die Werte aufleben zu lassen, die Roots-Reggae auch ausmachen. Aber es wird immer alles geben - und das finde ich auch gut so.
motor.de: Auf "Diversity" taucht als Feature aber auch ein junger Sänger namens Professor mit einer gewissen Ghetto-Attitüde auf. Wären in dem Kontext nicht auch Kollaborationen mit den derzeitigen "Königen dieses Metiers" Mavado oder Vybz Kartel möglich gewesen?
Gentleman: Wir haben uns auch wieder nicht getroffen. Aber ich wollte mich vor allem aus dem "Gully vs. Gaza-Ding" raushalten und keine Stellung beziehen. [Zwei verfeindete/rivalisierende Viertel Kingstons, wobei Mavado "Gully", Kartel hingegen "Gaza" repräsentiert; Anm. d. Red.] Ich bin weder Gaza noch Gully, sondern sehe das Ganze als ein globales Ding. Ich finde auch, dass man mal über den Tellerrand hinausgucken sollte und nicht nur auf diese 144 km² Jamaika. Diesen Anspruch habe ich an mich, meine Musik und an meine Hörer.
motor.de: Kurze Nachfrage dazu noch an Dich als Wahljamaikaner - die Gully vs. Gaza-Problematik scheint nach wie vor nicht enden zu wollen, oder?
Gentleman: Mittlerweile hat es sich ein bisschen entspannt. Es gab ja auch einen gemeinsamen Auftritt der beiden. Ich glaube aber auch, dass die Leute langsam die Faxen dicke haben. Außerdem gab es das auch schon immer - ob Beenie Man und Bounty Killer oder Ninjaman und Shabba Ranks [Fehden vergangener Jahrzehnte zwischen jamaikanischen Stars; Anm. d. Red.] Jetzt sind es halt Mavado und Kartel.
Ich stimme hingegen eher dem zu, wie es Capleton einst ausgedrückt hat: „Music is a mission, not a competition“ und sobald es auf competition hinausläuft, halt ich mich da immer raus, das ist nicht so mein Ding. Wir schwimmen alle im selben Ozean, wir mache alle Mucke, dann lass uns doch zusammen an einem Strang ziehen und nicht irgendwelche Lager aufbauen nach dem Motto: "Ich komme aus Neukölln und du aus Mitte oder Kreuzberg und zu wem gehörst du?" Das hat mittlerweile so ein Level erreicht, in Jamaika und auch in Deutschland, dass DJs nur noch Gaza oder nur noch Gully-Sachen spielen. Das ist so engstirnig – ich habe da einfach keinen Bock drauf. Wobei ich beide respektiere, sowohl Mavada als auch Kartel.
motor.de: Nochmal zurück zum neuen Album - am meisten hab ich mit dem Kopf genickt, als ich die aufgebohrte Version vom Anthony Red Roze-Klassiker "Tempo" gehört hab. Wer hat den Tune nochmal so massiv neuaufgelegt?
Gentleman: Sly Dunbar himself. Ja, die Nummer ist sehr monoton, eindringlich und hypnotisch.
motor.de: Aber auch Red Roze klingt echt top...
Gentleman: Red Roze war, zusammen mit Richie Stephens, derjenige, der mir damals in Jamaika die Türen geöffnet hat. Das war eigentlich der erste Produzent, der gesagt hat: „Na los komm, lass mal hören was du so drauf hast.“ Wir sind Freunde geworden, es war einfach immer cool ihn wieder zu treffen. Der ist einfach stets hochmotiviert und hat Super-Ideen. Irgendwann ist er dann gekommen und sagte: "Lass uns doch eine Compilation aus 'Tempo' machen." Ich habe mich sehr geehrt gefühlt - ich meine, das ist DER Song, einfach ein Evergreen.
motor.de: Du hast ja als weitere Combination auch einen Song zusammen mit Tanya Stephens aufgenommen...
Gentleman: Tanya, ist eine Künstlerin, die gegen den Strom schwimmt und die immer anders war, als alle anderen. Ich habe einen Mega-Respekt vor ihr und ihrem Songwriting. Wir haben damals schon zusammen eine Soundsystem-Tour gespielt, ich glaube das war so 1999. Es war so ähnlich wie mit Patrice - es hat einfach Jahre gedauert, doch irgendwann war klar: "Ok, das ist jetzt der Song." Sie war auch mal eine längere Zeit in Schweden und hat dort ein Album aufgenommen, was wirklich sehr, sehr geil ist. Sie erinnert mich da ein bisschen an Tracy Chapman, weil die Platte auch eher in die Singer/Songwriter-Richtung geht. Sie ist einfach musikalisch sehr offen.
Gentleman - "It No Pretty"
Im weiteren Verlauf des Interviews wird auch die derzeitig in Deutschland wieder enorm erhitzte Debatte um Homophobie in der jamaikanischen Kultur, speziell in den Texten zahlreicher Reggae-Musiker zum Gesprächsthema: Gentleman distanziert sich zwar grundlegend von jeder Form von Homophobie, Rassismus und Diskriminierung, hat sich jedoch auch im Vorfeld durch einen spontanen Auftritt mit dem Sänger Sizzla sozialisiert.
Hintergrund: Sizzlas Auftritte in Deutschland Ende letzten Jahres hatten eine Protestwelle von Schwulen- und Lesbenverbänden zur Folge, die sich bis zu einem Buttersäureanschlag auf den U-Club in Wuppertal steigerte (motor.de berichtete).
Hier Gentlemans konkreter Standpunkt zum Thema "Homophobie":
motor.de: Hast du das Gefühl, dass dieses Haltung, das so tief in der jamaikanischen Kultur verankert ist, im Zuge der Globalisierung bzw. durch die internationalen Proteste in absehbarer Zeit aufgeklärter betrachtet werden und sich letztlich etwas ändern könnte?
Gentleman: Also man kann einem Sizzla nicht sagen: "Jetzt geh mal nach Jamaika und verteile Flyer, wo drauf steht: 'Schwulsein ist ok'", wenn der das nicht glaubt. Man kann aber ein Bewusstsein erwecken, indem man einfach gewisse Lyrics nicht mehr singt und ich glaub das hat schon stattgefunden - auch in Jamaika. Guck dir ein Konzert von Sizzla an oder von Buju und Bounty. Du hörst keine homophoben Lyrics mehr, weil die auch begriffen haben: "Wir kommen damit nicht weit." Ich glaube schon, dass sich da was tut. Es gab ja auch die Diskussion in München, die Podiumsdiskussion, wo einfach eine afroamerikanische Frau gesagt hat: „Ich bin Christin und ich finde Homosexualität ist eine Sünde.“ Da hat sie doch ein Recht dazu. Wo fangen wir da an, wenn Songs wie „Mash Dem Down“ von Sizzla auf dem Index landen, die überhaupt nichts mit Homophobie zu tun haben. Da frage ich mich, was als nächstes auf den Index kommt.
Interview: Kai-Uwe Weser
Text: Geli Megyesi
Zum Ausklang stimmt Gentleman noch die neue Single "It No Pretty" an...
Gentleman - Diversity
VÖ: 09.04.2010
Label: Island/Universal Music
Tracklist:
01. The Reason
02. Ina Time Like Now
03. Lonely Days
04. Regardless
05. It Nuh Pretty
06. I Got To Go
07. Finish Line
08. Changes
09. To The Top feat. Christopher Martin
10. No Time To Play
11. Fast Forward
12. Hold On Strong
13. The Sealing
14. Moment Of Truth
15. Tempolution feat. Red Roze
16. Another Melody feat. Tanya Stephens
17. Help feat. Million Stylez
18. Along The Way feat. Patrice
19. Shut Eye Country feat. Jack Radics & Luciano
20. Thinking About You feat. Cassandra Steen
21. Good Old Days feat. Sugar Minott
22. Everlasting Love

Der Reggae-Musiker Gentleman wird am 09. April diesen Jahres sein mittlerweile fünftes Studioalbum mit dem Titel „Diversity“ veröffentlichen. Ende Februar lädt er bereits zum Prelistening in Berlin und die Presse kann sich einen ersten Eindruck zum wieder maßgeblich vom jamaikansichen Produzenten Don Corleone mitgestalteten Werk verschaffen. Im anschließenden Interview spricht motor.de mit Gentleman über die Produzentenauswahl und seinen Standpunkt in der nicht enden wollenden Gaza–Gully-Fehde. Als der aktuelle Stand der Homophobie-Debatte um jamaikanische Künstler in Deutschland angesprochen wird, reagiert er besonders impulsiv und besorgt über die Zukunft von Reggaekünstlern...
motor.de: Steigen wir mit Deinem neuen Album ein. Was erwartet den Hörer auf „Diversity“ – musikalisch und inhaltlich?
Gentleman: „Diversity“ ist die musikalische Vielfalt, die ich auf keinem anderen Album so hinbekommen habe. Diesmal hatte ich keine Berührungsängste die ganze Bandbreite, die Reggae zu bieten hat, auch auszunutzen: Klassische Roots-Reggae-Songs, Live-eingespielten Sachen, aber auch Elemente wie Autotune, Eurorave sowie Dancehall- und HipHop-Beats. Dieses Mal sehe ich MICH als Roten Faden. Ich hatte früher immer das Gefühl ein Album muss entweder nur live eingespielt oder nur elektronisch sein – das war diesmal nicht so.
motor.de: Du hattest zuvor erwähnt, dass es in der Vergangenheit ein Album gab, mit dem Du nicht so zufrieden warst. Worauf hast du da konkret angespielt?
Gentleman: Ja, also das Album werde ich jetzt nicht nennen (lacht). Es gab halt einfach eine Platte, bei der ich, während ich sie gemacht habe, sehr ausgelaugt war. Ich hatte einfach das Gefühl, dass jetzt wieder 2 ½ Jahre vergangen sind und es mal wieder Zeit wäre ein Album zu machen. Aber eigentlich war ich gar nicht ready und hatte auch nicht wirklich Input. Hinterher ist man immer schlauer. Wenn ich mir dieses Album anhöre, dann denke ich mir immer: "Okay, hättest du mal ein bisschen mehr Liebe reingesteckt." Textlich ist es nicht der Fall, weil ich finde, dass jedes Album ein Zeitdokument ist, aber was die Produktion, meine Performance und die Auswahl der Riddims angeht. Es wird halt einfach schwierig, wenn man ein Album zwischen zwei Touren macht.
Diesmal hatte ich dieses angenehme Problem, dass ich wirklich in dieses Ding gekommen bin, was man vielleicht als kreativen Flow bezeichnen kann. Irgendwann hatte ich 35 Songs zusammen und musste eher Material rausschmeißen. Früher hießes eher: "Oh Gott, ich habe jetzt gerade mal zehn Songs, in zwei Wochen ist Release-Date, ich brauch jetzt noch vier Dinger!" Das war eben dieses Mal anders. Deswegen gibt es auch zwei Versionen, einmal 20 und einmal 28 Songs.
motor.de: Welche wird es denn nun letztendlich werden?
Gentleman: Es wird beide Varianten geben.
motor.de: Stichwort Produzentenauswahl: Fühlst Du Dich bei Don Corleone nach wie vor gut aufgehoben?
Gentleman: Auf jeden Fall, ja.
motor.de: Und wie kamen die übrigen, wie Irievibrations oder Massive B mit an Bord? Zufall?
Gentleman: Ich glaube nicht an Zufall, sondern nur an Fügungen. Corleone stellt den Löwenanteil des Album – mit ihm hat es angefangen. Ich habe mich bei ihm im Studio sehr wohlgefühlt, weil er genau weiß, was ich musikalisch brauche. Irgendwann haben wir uns beide auf dieses Level gebracht, dass wir nur noch dachten: "Wow, das greift jetzt!" Ich finde einfach, dass Corleone es drauf hat, den Sound überall gut klingen zu lassen – im Auto, auf meinem Ghettoblaster, auf dem MP3-Player. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass es vielen Produzenten zwar gelingt, dass der Sound im Studio super klingt, doch dann hörst du es zuhause und der Bass kommt nicht richtig durch oder andere Sachen passen nicht so richtig. Deswegen bin ich auch sehr froh mit ihm diese Arbeit gemacht zu haben. Ich meine, er hat für Sean Paul und Rihanna produziert - gut, da könnte man jetzt sagen, das sei kommerziell. Aber er steht eben, wie ich finde, für diesen modern Roots-Sound.
motor.de: Was ist mit Stephen"Di Genius“ McGregor? Wäre er als mittlerweile einer der angesagten Topproduzenten Jamaikas nicht auch sehr interessant gewesen?
Gentleman: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hätte Stephen gern mit auf meinem Album gehabt, aber er war halt irgendwie nie erreichbar. Wenn ich da war, war er nicht da und umgekehrt. Er hat mich dann angerufen, als es zu spät war und das Album schon fertig da lag. Aber ich denke mal, dass Stephen auf dem nächsten Projekt auf jeden Fall mit am Start sein wird. Es gab sogar schon einen Song, den ich für ihn aufgenommen hatte und ich bin sehr traurig darüber, dass der nicht mit auf dem Album ist, weil wir es eben zeitlich nicht hingekriegt haben ihn zu mischen. Stephen ist jemand, wo ich weiß, dass da sicher noch einiges in den Startlöchern ist.
motor.de: Was sagst du zu den Jungs von Daseca? [Ein weiteres, in den letzten Jahren aufgestiegenes, enorm erfolgreiches Produzenten-Team; Anm. d. Red.]
Gentleman: Daseca sind auch cool. Ich meine, es gibt so viele Produzenten, die man aber nicht alle auf ein Album kriegt.
motor.de: Ich habe so das Gefühl, dass gerade die beiden letztgenannten Corleone ein bisschen den Rang abgelaufen haben. Und da Du ja sagtest, dass „Diversity“ einen neueren, breiteren Ansatz hat, hätte ich vermutet, dass sie mit von der Partie sein werden.
Gentleman: Hmm, also ich weiß nicht, manchmal passieren Sachen einfach. Vielleicht gibt es einen Grund dafür, vielleicht auch nicht. Wie gesagt, ich habe sie nicht erreicht - wir haben uns einfach nicht getroffen - und mit Corleone stimmte einfach die Chemie. Dann ist es auch egal - in dem Moment, wo man es spürt, da spürt man es. Ich bin auch nicht jemand der sagt: "Mit dem und dem muss ich jetzt unbedingt zusammenarbeiten." Entweder man trifft sich oder eben nicht. Wenn ich Mad Professor nicht getroffen hätte, dann wäre es auch so gewesen, dass es nicht hätte sein sollte...motor.de: ...und es ist ja noch nicht aller Tage Abend?!
Gentleman: (lacht) Eben! Ich werde auch noch länger Musik machen, es ist also nicht das letzte Album - das kann ich garantierten.
motor.de: Beim Stichwort "jamaikanische Produzenten" fällt mir ein, dass Du beim Pre-Listening von "Diversity" betont hast, dass sie ein Indikator für kommende Trends in den Staaten bzw. letztendlich international seien - wie ist da konkret der aktuelle Stand?
Gentleman: Ich glaube die Autotune-Welle flaut demnächst wieder ab, was ich gut finde, weil es einfach echt zuviel war. Irgendwann hat es genervt, wenn sich alle Künstler gleich anhören. Und ich glaube, demnächst kommt wieder Roots stärker in den Vordergrund – ich hoffe es jedenfalls. Aber so war es immer - es gab erst das eine verstärkt und dann hat man wieder mehr Bock auf das andere gehabt. Wichtig ist, dass wir die Scheuklappen ablegen müssen! Klar, es wird immer über Bling und Ladies gesungen werden, weil es ein gesellschaftlicher Teil des Lebens ist, genau wie Spirit, Religion und Rasta. Aber ich bin mir sicher, dass die Tendenz wieder dahin geht, mehr handgemachte Mucke zu machen - vielleicht wieder die Werte aufleben zu lassen, die Roots-Reggae auch ausmachen. Aber es wird immer alles geben - und das finde ich auch gut so.
motor.de: Auf "Diversity" taucht als Feature aber auch ein junger Sänger namens Professor mit einer gewissen Ghetto-Attitüde auf. Wären in dem Kontext nicht auch Kollaborationen mit den derzeitigen "Königen dieses Metiers" Mavado oder Vybz Kartel möglich gewesen?
Gentleman: Wir haben uns auch wieder nicht getroffen. Aber ich wollte mich vor allem aus dem "Gully vs. Gaza-Ding" raushalten und keine Stellung beziehen. [Zwei verfeindete/rivalisierende Viertel Kingstons, wobei Mavado "Gully", Kartel hingegen "Gaza" repräsentiert; Anm. d. Red.] Ich bin weder Gaza noch Gully, sondern sehe das Ganze als ein globales Ding. Ich finde auch, dass man mal über den Tellerrand hinausgucken sollte und nicht nur auf diese 144 km² Jamaika. Diesen Anspruch habe ich an mich, meine Musik und an meine Hörer.motor.de: Kurze Nachfrage dazu noch an Dich als Wahljamaikaner - die Gully vs. Gaza-Problematik scheint nach wie vor nicht enden zu wollen, oder?
Gentleman: Mittlerweile hat es sich ein bisschen entspannt. Es gab ja auch einen gemeinsamen Auftritt der beiden. Ich glaube aber auch, dass die Leute langsam die Faxen dicke haben. Außerdem gab es das auch schon immer - ob Beenie Man und Bounty Killer oder Ninjaman und Shabba Ranks [Fehden vergangener Jahrzehnte zwischen jamaikanischen Stars; Anm. d. Red.] Jetzt sind es halt Mavado und Kartel.
Ich stimme hingegen eher dem zu, wie es Capleton einst ausgedrückt hat: „Music is a mission, not a competition“ und sobald es auf competition hinausläuft, halt ich mich da immer raus, das ist nicht so mein Ding. Wir schwimmen alle im selben Ozean, wir mache alle Mucke, dann lass uns doch zusammen an einem Strang ziehen und nicht irgendwelche Lager aufbauen nach dem Motto: "Ich komme aus Neukölln und du aus Mitte oder Kreuzberg und zu wem gehörst du?" Das hat mittlerweile so ein Level erreicht, in Jamaika und auch in Deutschland, dass DJs nur noch Gaza oder nur noch Gully-Sachen spielen. Das ist so engstirnig – ich habe da einfach keinen Bock drauf. Wobei ich beide respektiere, sowohl Mavada als auch Kartel.
motor.de: Nochmal zurück zum neuen Album - am meisten hab ich mit dem Kopf genickt, als ich die aufgebohrte Version vom Anthony Red Roze-Klassiker "Tempo" gehört hab. Wer hat den Tune nochmal so massiv neuaufgelegt?
Gentleman: Sly Dunbar himself. Ja, die Nummer ist sehr monoton, eindringlich und hypnotisch.
motor.de: Aber auch Red Roze klingt echt top...
Gentleman: Red Roze war, zusammen mit Richie Stephens, derjenige, der mir damals in Jamaika die Türen geöffnet hat. Das war eigentlich der erste Produzent, der gesagt hat: „Na los komm, lass mal hören was du so drauf hast.“ Wir sind Freunde geworden, es war einfach immer cool ihn wieder zu treffen. Der ist einfach stets hochmotiviert und hat Super-Ideen. Irgendwann ist er dann gekommen und sagte: "Lass uns doch eine Compilation aus 'Tempo' machen." Ich habe mich sehr geehrt gefühlt - ich meine, das ist DER Song, einfach ein Evergreen.
motor.de: Du hast ja als weitere Combination auch einen Song zusammen mit Tanya Stephens aufgenommen...
Gentleman: Tanya, ist eine Künstlerin, die gegen den Strom schwimmt und die immer anders war, als alle anderen. Ich habe einen Mega-Respekt vor ihr und ihrem Songwriting. Wir haben damals schon zusammen eine Soundsystem-Tour gespielt, ich glaube das war so 1999. Es war so ähnlich wie mit Patrice - es hat einfach Jahre gedauert, doch irgendwann war klar: "Ok, das ist jetzt der Song." Sie war auch mal eine längere Zeit in Schweden und hat dort ein Album aufgenommen, was wirklich sehr, sehr geil ist. Sie erinnert mich da ein bisschen an Tracy Chapman, weil die Platte auch eher in die Singer/Songwriter-Richtung geht. Sie ist einfach musikalisch sehr offen.
Gentleman - "It No Pretty"
Im weiteren Verlauf des Interviews wird auch die derzeitig in Deutschland wieder enorm erhitzte Debatte um Homophobie in der jamaikanischen Kultur, speziell in den Texten zahlreicher Reggae-Musiker zum Gesprächsthema: Gentleman distanziert sich zwar grundlegend von jeder Form von Homophobie, Rassismus und Diskriminierung, hat sich jedoch auch im Vorfeld durch einen spontanen Auftritt mit dem Sänger Sizzla sozialisiert.
Hintergrund: Sizzlas Auftritte in Deutschland Ende letzten Jahres hatten eine Protestwelle von Schwulen- und Lesbenverbänden zur Folge, die sich bis zu einem Buttersäureanschlag auf den U-Club in Wuppertal steigerte (motor.de berichtete).
Hier Gentlemans konkreter Standpunkt zum Thema "Homophobie":
motor.de: Hast du das Gefühl, dass dieses Haltung, das so tief in der jamaikanischen Kultur verankert ist, im Zuge der Globalisierung bzw. durch die internationalen Proteste in absehbarer Zeit aufgeklärter betrachtet werden und sich letztlich etwas ändern könnte?
Gentleman: Also man kann einem Sizzla nicht sagen: "Jetzt geh mal nach Jamaika und verteile Flyer, wo drauf steht: 'Schwulsein ist ok'", wenn der das nicht glaubt. Man kann aber ein Bewusstsein erwecken, indem man einfach gewisse Lyrics nicht mehr singt und ich glaub das hat schon stattgefunden - auch in Jamaika. Guck dir ein Konzert von Sizzla an oder von Buju und Bounty. Du hörst keine homophoben Lyrics mehr, weil die auch begriffen haben: "Wir kommen damit nicht weit." Ich glaube schon, dass sich da was tut. Es gab ja auch die Diskussion in München, die Podiumsdiskussion, wo einfach eine afroamerikanische Frau gesagt hat: „Ich bin Christin und ich finde Homosexualität ist eine Sünde.“ Da hat sie doch ein Recht dazu. Wo fangen wir da an, wenn Songs wie „Mash Dem Down“ von Sizzla auf dem Index landen, die überhaupt nichts mit Homophobie zu tun haben. Da frage ich mich, was als nächstes auf den Index kommt.
Interview: Kai-Uwe Weser
Text: Geli Megyesi
Zum Ausklang stimmt Gentleman noch die neue Single "It No Pretty" an...
Gentleman - Diversity
VÖ: 09.04.2010
Label: Island/Universal Music
Tracklist:
01. The Reason
02. Ina Time Like Now
03. Lonely Days
04. Regardless
05. It Nuh Pretty
06. I Got To Go
07. Finish Line
08. Changes
09. To The Top feat. Christopher Martin
10. No Time To Play
11. Fast Forward
12. Hold On Strong
13. The Sealing
14. Moment Of Truth
15. Tempolution feat. Red Roze
16. Another Melody feat. Tanya Stephens
17. Help feat. Million Stylez
18. Along The Way feat. Patrice
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20. Thinking About You feat. Cassandra Steen
21. Good Old Days feat. Sugar Minott
22. Everlasting Love
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