"Ein gutes Album braucht eben seine Zeit" - Glasvegas im Interview

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"Das ist definitiv ein neues Kapitel Glasvegas" – Mit neuem Album und neuer Schlagzeugerin sind Glasvegas derzeit unterwegs. Wir trafen die Dame und Herren in Berlin auf einen kleinen Plausch und ein paar Schnappschüsse.

Gut zwei Jahre nach ihrem Debüt erscheint Anfang April der zweite Langspieler der schottischen Alternative-Rocker Glasvegas mit dem Titel "Euphoric /// Heartbreak". Es hat sich einiges geändert, so weht neben den neuen Songs auch in der Besetzung ein frischer Wind. Im Dezember kam mit der Schwedin Jonna Löfgren ein neues Gesicht in die Band, die nun den Platz von Caroline McKay einnimmt, die sich im letzten März verabschiedete (motor.de berichtete).

Gitarrist Rab erklärt den Werdegang des neuen Langspielers, James schwärmt von den deutschen Fans, Paul lüftet das Geheimnis um seine erstgekaufte Platte und Jonna erklärt, wie gut es um die Chemie in der Band steht. Noch bis Mai sind sie auf Tour durch Europa. Zwischen ihren drei Terminen in Deutschland traf motor.de die Band vor ihrer Show in der Hauptstadt. Glasvegas sprechen über das neue Album und nette Nebeneffekte wie Bier und Frauen, heimliche Doppelgänger und Fußball.

motor.de: Ihr seid endlich wieder auf Tour durch Europa und habt euch auch mal wieder in Deutschland blicken lassen. Wie ist die Stimmung und wie sieht es derzeit aus in den Clubs der Metropolen?

James: Es ist großartig auf Tour zu sein und hier in Deutschland merken wir ganz besonders, wie respektvoll die Fans uns und unserer Musik gegenüber sind. Uns wird sehr viel Anerkennung und Wertschätzung entgegen gebracht. Das freut uns sehr!
Rab: Ja, ganz genau. Das fällt mir in Deutschland auch immer wieder auf. Den deutschen Fans ist die Musik als solche sehr wichtig, sie hören ganz genau zu, achten auf jeden Ton und jeden Songtext. Das ist wunderbar. Außerdem muss ich sagen, dass Hamburg und auch Berlin mich in vielen Dingen sehr an unsere Heimatstadt Glasgow erinnern. Es ist schwer zu sagen, wieso und was genau, aber ich meine das auf jeden Fall positiv.

motor.de: Im April kommt dann endlich euer neues Album in die Läden. Wie seht ihr die Platte - als nahtlose Fortsetzung oder neues Experiment? Ist ja nun doch ein bisschen Zeit ins Land gegangen seit eurem Debüt.

Rab: Eigentlich hat es nicht wirklich zweieinhalb Jahre gedauert. Wir waren ja erstmal im Urlaub, haben uns entspannt und den Kopf frei bekommen nach dem ersten Album. Irgendwann sind wir dann wieder ins Studio mit neuem Material. Die eigentliche Arbeit an der neuen Platte hat vom ersten Tag bis zur Fertigstellung ungefähr ein Jahr gedauert. In der heutigen Zeit ist das ja für viele Bands schon ziemlich lang. Da gibt es ja durchaus einige, die nach sechs Wochen Studio schon die Platte auf den Markt werfen. So war das bei uns nicht, wir denken da anders. Ein gutes Album braucht eben seine Zeit. Genauso wie gute Songs eben ihre Zeit brauchen.
Natürlich ist bei uns seit dem ersten Album von 2008 bis heute auch so einiges passiert. In gewisser Weise kann man die komplette Zeit, die wir an "Euphoric /// Heartbreak" gearbeitet haben und auch schon die Zeit davor als eine Art Neustart von Glasvegas bezeichnen. Nicht zuletzt durch den Besetzungswechsel mit Jonna an den Drums.

James:
Jonna, die Arbeit am Album, die Zeit bis zur Fertigstellung, das ist definitiv ein neues Kapitel Glasvegas!

Glasvegas - "The World Is Yours"


motor.de: Wenn dich deine Bandkollegen schon so herzlich vorstellen, dann auch eine Frage an dich Jonna: Du bist neu dabei, ist man da auf Tour nervös? Als festes Mitglied einer bekannteren Band werden ja auch andere Ansprüche gestellt. Kanntest du die Herren denn schon vorher?

Jonna: Nervös bin ich eigentlich nicht. Klar ist es aufregend, mit so einer Band wie Glasvegas auf der Bühne zu stehen vor einem riesen Publikum, aber genau das macht auch einen riesen Spaß! (lacht) Die Jungs kommen alle aus Schottland, ich bin aus Schweden, da bringe ich auch etwas „anderes“ in die Band. Das tut uns allen sicherlich gut. In Schweden habe ich auch schon vorher in verschiedenen Bands gespielt, die allerdings nicht so bekannt waren wie Glasvegas. Gekannt habe ich die Jungs vorher allerdings nicht. Das lief eigentlich ganz klassisch ab: Ich wurde zum Vorspielen eingeladen und es hat dann eben gepasst.

Rab:
Ich muss aber dazu sagen, wir haben nach dem Ausstieg unserer Schlagzeugerin Caroline nicht festgelegt, dass wir die Stelle wieder mit einer Dame besetzen müssten. Auf der Suche nach einer neuen Person an den Drums war uns aber schnell klar, dass es einfach das Beste ist, wenn eine Lady den Part übernimmt. Vielleicht ist das der Ausgleich für uns als Band. Eine Form von natürlicher Balance. Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es uns als Band zu 100% gut tut, dass wir nach Caroline nun mit Jonna wieder eine Schlagzeugerin haben! Einfach das gewisse „Wah-Wah-Woom“! (lacht)

Jonna:
(grinst) Danke Jungs!

Hochkonzentriert: Glasvegas live in Berlin

motor.de: Für euer neues Album konntet ihr mit Studio-Legende Flood gewinnen, der auch schon Depeche Mode oder Placebo betreute. Wie war das Arbeiten mit ihm; habt ihr euch gegenseitig ergänzt und konnte er euch mit seinem kreativen Kopf da hinbringen, wo ihr hin wolltet?

James: Irgendwie lief bei mir kurz vorher "Violater" von Depeche Mode rauf und runter. Für uns war es schon immer ein großer Wunsch, mit ihm zu arbeiten. Er fand unser Debüt ebenfalls sehr cool und war einfach der perfekte Typ mit den perfekten Ideen, um das Album zu machen. Am Ende hat uns dann das Label zusammengebracht.

Rab:
Flood wollte, wir wollten auch. Und dann ging es schon los! Nach der ganzen Zeit, die wir zusammen am Album gearbeitet haben, muss ich wirklich sagen, dass ich niemanden kenne, der James so ähnlich ist, wie Flood. Die beiden sind sich wirklich fast unheimlich ähnlich! Und die Arbeit im Studio war in der Tat perfekt. Genau das, was wir in diesem Moment wollten!

motor.de: In euren Plattenschränken stehen doch bestimmt einige Alben, die auch von Flood produziert wurden. Schöne Vorstellung - das bringt mich zu der Frage: Was war eigentlich eure erste Platte?


Rab: Oh, das ist einfach: Oasis mit "What’s the story morning glory". Ein großartiges Album!

Jonna:
Eine schwedische Band, die bei uns regional bekannt ist und Coversongs spielt. Bin mir aber sehr sicher, die kennt man hier bei euch leider nicht.

James:
Bei mir war das "Streets of Philadelphia" von Bruce Springsteen. Ich konnte damals weder singen, noch irgend ein Instrument spielen. Eigentlich hab ich mich überhaupt nicht für Musik interessiert. Allerdings auch nicht für Bier und Frauen! Die Platte habe ich mir dann aber immer und immer wieder angehört. Wenn sie zu Ende war, habe ich wieder zum Anfang zurückgespult und das ganze dann nochmal von vorn gehört. Ja, damals gab es noch Tapes! (lacht) Einzelne Parts aus dem Album habe ich mir so oft angehört, dass ich begonnen habe, Teile davon nachzuspielen und mitzusingen. So kam ich zur Musik. Und dann auch zu Bier, Fußball und Frauen… (grinst)

motor.de: Paul, was war deine erste Platte?

Paul:
Oh Shit, das hab ich mir schon gedacht! Dachte, ich komme vielleicht um die Frage herum. Ganz ehrlich, meine erste Platte hieß "Steam" und war von einer Band namens East 17. Peinlich! Aber ernsthaft, in den 90er Jahren waren die unfassbar angesagt bei uns und in ganz Europa. "Stay Another Day" und die ganzen Songs von den Jungs. Es gab sogar Merchandising Artikel in großem Stil: Hundetaschen und –körbe. Unglaublich! (lacht)

Sänger James Allan in Berlin

motor.de: Die letzte Frage an euch, natürlich darf das Thema Fußball heute nicht fehlen! Ihr kommt von der Insel: Gibt es eine Rivalität zwischen England und Schottland?

Rab: Oh ja! Wir sind natürlich Fußballfans! Komischerweise erwartete bei der WM 2010 beim Spiel Deutschland gegen England irgendwie jeder, auch die Engländer selbst, dass wir als Einwohner Großbritanniens auf jeden Fall zu England halten. NEIN! Wir waren für Deutschland! Die übrigens eine klasse Weltmeisterschaft gespielt haben.

motor.de: Berti Vogts war ja vor einigen Jahren auch mal euer Nationaltrainer.

James: Er war ein richtig guter Trainer. Dann kam er nach Schottland und auf einmal war er ein schlechter Trainer. Nein, im Ernst, er war auf jeden Fall gut. Aber er hat einfach nicht zu uns gepasst.

Paul: Wenn unsere Spieler von ihrem Trainer gesagt bekommen: „Ab sofort gibt es für euch keinen Alkohol mehr, nur noch Fußball!“, dann ist das einfach nicht machbar für uns! Deswegen hat keiner mehr auf ihn gehört. Fußball und Bier gehört für die Schotten eben zusammen. (lacht)


Interview und Fotos: Ben Pakalski
Noch mehr Fotos vom Abend in Berlin gibt es »hier.

Ben Pakalski ist freier Fotograf und hat sich vor allem auf Band- und Live-Fotografie spezialisiert. Für motor.de ist er in den Konzerthallen des ganzen Landes unterwegs. Mehr von ihm könnt ihr auf der Homepage des Fotografen aus Mannheim und Ludwigshafen sehen.



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