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Gotye
Gotye: Making Mirrors
Ein Zaun macht Musik, Phil Collins singt im Duett mit Sting und im Wohnzimmer tanzt die gesamte Familie Limbo! Klingt komisch? Nicht in den Ohren von Down Under-Liebling Gotye.

(Foto: Warwick Backer)
Die Folgen von Nerdismus, die Bedeutung und Wirkung von Pop oder aber die Frage, ob ein Zaun ein Instrument ist – das dritte Album des 31-jährigen Wally De Backer bietet eine Vielzahl an Geschichten. Eine weitere lautet: De Backer ist ein Star. Während der belgische Australier nämlich hierzulande noch als Insider-Tipp gehandelt wird, feiert ihn seine Heimat für das Projekt Gotye (ausgesprochen wie die Modemarke Gaultier). Der Grund ist sein letztes Album "Like Drawing Blood" – beinahe vollkommen bestehend aus Samples alter Vinyl-Platten –, das in Down Under bereits zu dem elftbesten Album aller Zeiten gekürt wurde. Und damit nur kein Zweifel aufkommt, mit "Making Mirrors" setzt er nun zur globalen Expansion an.
Für die grundlegend (wenig) verwerfliche Masseneinverleibung lässt der 1980 in Brügge geborene Songschreiber den überstrukturierten Art-Pop-Ansatz des Vorgängers fallen, um sich mit einer Mischung aus Retrospektive und Erkenntnisdurst vorzustellen. Das ruft selbstverständlich Kritiker aufs Tableau, die das neue Songdutzend – den schelmischen Weg wählend – mir nichts, dir nichts als raudiotaugliches Portfolio entlarven könnten. Sicher doch, immerhin schallt uns hier ein Organ entgegen, dessen zugehöriger Sänger womöglich alle Platten von Phil Collins, Peter Gabriel und Sting auswendig kennen dürfte.
Gotye – "Somebody That I Used To Know"
Doch seine bei YouTube bereits mehr als 22 Millonen Mal aufgerufene Hit-Single "Somebody That I Used To Know" exemplifiziert nicht nur De Backers kreativen Antrieb, sondern ebenso seine Verve für Liebeslieder. Ein Song, der den Schmerz einer gescheiterten Liebe thematisiert, mit pirschendem Rhythmus und eingängigem Pathos. Durch die Einbindung der neuseeländischen Sängerin Kimbra gewinnt der versteckte Schnulzensong nicht nur einen reflexiven Habitus, gar wird der versunkene Widerschein zum Prinzip auf "Making Mirrors". Auch wenn funkelnde Pop-Songs wie "In Your Light" mit La-La-Las und Hey-Hey-Heys an Katrina And The Waves und "I Feel Better" mit seinem Up-Beat und der Gute-Laune-Aura an Cee-Lo Green erinnern, preist Gotye nicht nur den Hochglanz.
"Scratiching the surface of life / nothing really happens / but it's easy to keep busy / when you tell yourself you’re traveling right" heißt es im dröhnenden "Easy Way Out" – nonchalant kommentiert er nicht nur die monoschichtigen Burnout-Debatten und weiß obendrein gar noch Erlösung anzubieten, verpackt in einer buntscheckigen Eigenwilligkeit. Jeder Song hält sein individuelles Rezept bereit, um sich zu entfalten. Von elektronischen Klängen, die bisweilen gar einen exotischen Touch erhalten, über verspielte Rock-Passagen bis hin zu Soul- und Dub-Schlieren – wie in einer Kette reihen sich die mitunter divergierenden Noten ein, ohne Kanten, ohne Lücken.
Gotye – "State Of The Art"
Die von ihm selbst produzierten Songs stellen vor allen Dingen den neugierigen Spleen des Wahl-Australiers unter Beweis: wie in der Album-Dokumentation zu sehen, arbeitete De Backer abermals mit Samples und selbst mit Zäunen, um daraus Töne hervorzuzaubern. Trotzdem hatte er den Wunsch, auch akustische Instrumente stärker einzubinden: "Man kann heutzutage so viele Instrumente online kaufen, aber das ist nicht annähernd so persönlich, wie wenn man sie selbst macht. Ich habe in einem Antiquitätenladen eine wunderschöne alte Chromaharp gefunden und sie so 'virtualisiert'. Danach klang sie mehr wie ein Hackbrett" – es ist dieser Ansatz, der mit anschmachtender Ehrlichkeit und natürlicher Lässigkeit fasziniert. Hier baut jemand eine wirklich herrlich humorfreie Beziehung zu seinen Instrumenten auf.
So beschreibt er auch eine gebrauchte Orgel, eines seiner Lieblingsspielzeuge, in "State Of The Art". Der Sci-Fi-Song ist ein aufgepimptes Automobil, in dem Gotyes Stimme tiefer gelegt wurde, die Sitze von der Firma Dub stammen und auch die futuristische Fahrzeugbeleuchtung fehlt nicht. Im Ernst: der Song handelt einzig vom Tasteninstrument, das zum Daheim-Bleiben verführt. Das Haus wird nicht mehr verlassen, der Fernseher entsorgt und die Familie tanzt gemeinsam den Limbo. Für derartige Einfälle muss man diesen Nerd einfach lieb haben.
Sebastian Weiß
VÖ: 16.12.2011
Label: Vertigo Berlin/Universal
»Hier kann "Making Mirrors" vollständig gestreamt werden.
Tracklist:
1. Making Mirrors
2. Easy Way Out
3. Somebody That I Used To Know
4. Eyes Wide Open
5. Smoke and Mirrors
6. I Feel Better
7. In Your Light
8. State of the Art
9. Don't Worry, We'll Be Watching You
10. Giving Me A Chance
11. Save Me
12. Bronte

(Foto: Warwick Backer)
Die Folgen von Nerdismus, die Bedeutung und Wirkung von Pop oder aber die Frage, ob ein Zaun ein Instrument ist – das dritte Album des 31-jährigen Wally De Backer bietet eine Vielzahl an Geschichten. Eine weitere lautet: De Backer ist ein Star. Während der belgische Australier nämlich hierzulande noch als Insider-Tipp gehandelt wird, feiert ihn seine Heimat für das Projekt Gotye (ausgesprochen wie die Modemarke Gaultier). Der Grund ist sein letztes Album "Like Drawing Blood" – beinahe vollkommen bestehend aus Samples alter Vinyl-Platten –, das in Down Under bereits zu dem elftbesten Album aller Zeiten gekürt wurde. Und damit nur kein Zweifel aufkommt, mit "Making Mirrors" setzt er nun zur globalen Expansion an.
Für die grundlegend (wenig) verwerfliche Masseneinverleibung lässt der 1980 in Brügge geborene Songschreiber den überstrukturierten Art-Pop-Ansatz des Vorgängers fallen, um sich mit einer Mischung aus Retrospektive und Erkenntnisdurst vorzustellen. Das ruft selbstverständlich Kritiker aufs Tableau, die das neue Songdutzend – den schelmischen Weg wählend – mir nichts, dir nichts als raudiotaugliches Portfolio entlarven könnten. Sicher doch, immerhin schallt uns hier ein Organ entgegen, dessen zugehöriger Sänger womöglich alle Platten von Phil Collins, Peter Gabriel und Sting auswendig kennen dürfte.
Gotye – "Somebody That I Used To Know"
Doch seine bei YouTube bereits mehr als 22 Millonen Mal aufgerufene Hit-Single "Somebody That I Used To Know" exemplifiziert nicht nur De Backers kreativen Antrieb, sondern ebenso seine Verve für Liebeslieder. Ein Song, der den Schmerz einer gescheiterten Liebe thematisiert, mit pirschendem Rhythmus und eingängigem Pathos. Durch die Einbindung der neuseeländischen Sängerin Kimbra gewinnt der versteckte Schnulzensong nicht nur einen reflexiven Habitus, gar wird der versunkene Widerschein zum Prinzip auf "Making Mirrors". Auch wenn funkelnde Pop-Songs wie "In Your Light" mit La-La-Las und Hey-Hey-Heys an Katrina And The Waves und "I Feel Better" mit seinem Up-Beat und der Gute-Laune-Aura an Cee-Lo Green erinnern, preist Gotye nicht nur den Hochglanz.
"Scratiching the surface of life / nothing really happens / but it's easy to keep busy / when you tell yourself you’re traveling right" heißt es im dröhnenden "Easy Way Out" – nonchalant kommentiert er nicht nur die monoschichtigen Burnout-Debatten und weiß obendrein gar noch Erlösung anzubieten, verpackt in einer buntscheckigen Eigenwilligkeit. Jeder Song hält sein individuelles Rezept bereit, um sich zu entfalten. Von elektronischen Klängen, die bisweilen gar einen exotischen Touch erhalten, über verspielte Rock-Passagen bis hin zu Soul- und Dub-Schlieren – wie in einer Kette reihen sich die mitunter divergierenden Noten ein, ohne Kanten, ohne Lücken.
Gotye – "State Of The Art"
Die von ihm selbst produzierten Songs stellen vor allen Dingen den neugierigen Spleen des Wahl-Australiers unter Beweis: wie in der Album-Dokumentation zu sehen, arbeitete De Backer abermals mit Samples und selbst mit Zäunen, um daraus Töne hervorzuzaubern. Trotzdem hatte er den Wunsch, auch akustische Instrumente stärker einzubinden: "Man kann heutzutage so viele Instrumente online kaufen, aber das ist nicht annähernd so persönlich, wie wenn man sie selbst macht. Ich habe in einem Antiquitätenladen eine wunderschöne alte Chromaharp gefunden und sie so 'virtualisiert'. Danach klang sie mehr wie ein Hackbrett" – es ist dieser Ansatz, der mit anschmachtender Ehrlichkeit und natürlicher Lässigkeit fasziniert. Hier baut jemand eine wirklich herrlich humorfreie Beziehung zu seinen Instrumenten auf.
So beschreibt er auch eine gebrauchte Orgel, eines seiner Lieblingsspielzeuge, in "State Of The Art". Der Sci-Fi-Song ist ein aufgepimptes Automobil, in dem Gotyes Stimme tiefer gelegt wurde, die Sitze von der Firma Dub stammen und auch die futuristische Fahrzeugbeleuchtung fehlt nicht. Im Ernst: der Song handelt einzig vom Tasteninstrument, das zum Daheim-Bleiben verführt. Das Haus wird nicht mehr verlassen, der Fernseher entsorgt und die Familie tanzt gemeinsam den Limbo. Für derartige Einfälle muss man diesen Nerd einfach lieb haben.
Sebastian Weiß
VÖ: 16.12.2011
Label: Vertigo Berlin/Universal
»Hier kann "Making Mirrors" vollständig gestreamt werden.
Tracklist:
1. Making Mirrors
2. Easy Way Out
3. Somebody That I Used To Know
4. Eyes Wide Open
5. Smoke and Mirrors
6. I Feel Better
7. In Your Light
8. State of the Art
9. Don't Worry, We'll Be Watching You
10. Giving Me A Chance
11. Save Me
12. Bronte
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