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Wir sind Freunde und darum machen wir Musik

Alben von Hammer & Zirkel

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Von Null auf 100.000 Klicks: Zwei buchstäblich fette Rapper, die mit Humor und Berliner Schnauze den Hip Hop-Kindergarten aufräumen. Endlich!

Der Berliner Rap steht bei vielen Liebhabern des Hip Hop-Genres nicht gerade für die musikalische Krone der Schöpfung. Zuviel Gangster Gehabe, zuviel Bling Bling-Gepose, kurzum: Zuviel Anbiedern an amerikanischen Vorbilder, denen man ohnehin nicht gerecht werden kann. Umso erstaunlicher also, dass gerade aus der Bundeshauptstadt eine Crew auf den Plan tritt, die mit dem heimeligen „Berlin-Ghetto-Style“ so gar nichts anzufangen weiß. Hammer und Zirkel heißen die beiden schwergewichtigen Akteure, die sich binnen weniger Monate zum MySpace-Klickmonster entwickelt haben: „Wir haben 90.000 Klickz und wissen selbst nicht woher, wir sind doch nur Clowns, bitte nimm uns ernst...“, hieß es beim vorletzten Klicksong. Das Konzept, die Fans für ihre Treue alle 10.000 Klicks mit einem Track zu belohnen, funktionierte hervorragend. Heute stehen die beiden Seiten (je „der Hammer“ und „der Zirkel“) bei fast 350.000 Besuchern und das obwohl die Aktion bereits nach 100.000 Klicks beendet wurde.


Was die hauptberuflichen Erzieher ausmacht, ist die Art, mit der sie sich dem schon lange stagnierenden Genre nähern: „Wir sind Deutschraps Mutterrolle. Ich hab kein Koks unter der Nase, ich ess nur gerne Butterstolle.“ Aufräumen mit gängigen Klischees, mal mit witzigen, mal mit sozialkritischen Texten, die gekonnt pointiert und immer mit einer gehörigen Portion Selbstironie versehen sind. Genau das, was vielen Kollegen in der Berliner Szene abgeht, sich selbst auf die Schippe nehmen zu können, praktizieren die zwei Hohenschönhausener Problembezirks-Rapper in Perfektion. Heißt es, sie seien Nazis, weil sie kurzhaarig und aus Ost-Berlin sind, machen sie einen Track mit B-Tight und nennen ihn die „Glatze und der Neger“. Prozessieren Rapper ihr Gangster-Image, kommentieren das die Zwei mit „Erzähl mir nichts von Ghetto, komm erstmal klar in meinem Bad“ und geht es um das Bling Bling-Gehabe, dann kontern sie: „Du brauchst mich nicht fragen, ob ich mit auf deine Yacht komm, denn Jacht hab ich selber, im Kühlschrank so 'ne Wurst von."

Hammer und Zirkel - "Born To Be Wild"



Auch bei ihrem neuen Album „Wir sind Freunde, darum machen wir Musik“ funktioniert diese Herangehensweise einmal mehr. Das Cover zieren – eigentlich undenkbar und gar nicht kredebil, oder gerade? - die Muttis der Berliner, die Stolz das Bild ihrer Jungs in Händen halten. Ihnen wurde auch ein „Skit“ auf dem Zweitwerk geschenkt, in dem sie sich über das massige Schaffen ihrer Söhne auslassen. Doch nicht nur die Mütter unterstützen das Tun der jetzt drei Jungs, die seit kurzem mit ihrem neuem DJ „Tracksau“ unterwegs sind. Selbst ein Szene-Urgestein wie Sido kommt mittlerweile nicht mehr an den Kolossen vorbei und gibt sich auf der neuen Platte ein Stelldichein. In dem Song „Musik ist unser Leben, darum wurden wir Erzieher“, versucht der Beinahe-Pädagoge Sido verzweifelt seine Liebe zum Erzieherberuf kundzutun, wird aber bei jedem Anlauf aufs neue zur Räson gezogen, bis er sich weigert einen eigenen Part zu rappen. Seine große Klappe, gepaart mit den Erzählungen aus dem Berufsleben der Jungs, die im Refrain zusätzlich vom Eichwalder Kinder- & Jugendchor unterstützt werden, ist jedoch nur ein Highlight des neuen Albums.

Mindestens ebenso stark sind die Titel „Liebessong für Britney Spears“ und „Hr. Günther aus dem Ersten“. Im einen gesteht Hammer der Popprinzessin Spears samt R'n'B-lastigen Gesangspart seine Zuneigung und lädt sie zu sich in die Platte ein: „Am besten sahst du mit Wampe und Glatze aus. Los komm gibs zu, du wolltest nur zu mir in Plattenbau.“ Im anderen schildern die Rapper, in Form von Nörgelopa Günther, spitzfindig dass schwere Leben der Großelterngeneration: „Wir ging' als Kinder auf den Hof um mit Granaten zu spieln. Wir mussten Steine lecken, um Mineralien zu kriegn.“ Bei Letztgenanntem sorgt der Wechsel zwischen Klavierbegleitung und Beats für einen zusätzlichen Retrocharme.

Hammer und Zirkel - "Liebessong für Britney Spears"

Doch nicht nur die Spaßpalette wird zur Genüge abgedeckt. Mit den Tracks „Zurückgeblieben“ und „Ich will ein Kind“ befinden sich auch zwei sehr durchdachte Stücke auf dem Album, die als Art Fata Morgana daherkommen. Die erste thematische Einschätzung des Hörers wird durch das Ende des Songs völlig ins Gegenteil verkehrt. Gegenüber dem Debüt merkt man die textliche Weiterentwicklung der Jungs hier am deutlichsten. Etwas zu verkopft wird es dann aber in dem Stück „Ich hab leider keine Hand frei“, für das der Tracklist-Platz hinter „Hr. Günther aus dem Ersten“ nicht unglücklicher hätte gewählt werden können. „Der alter Mann liegt am Boden und sagt 'Bitte hilf mir hoch', doch ich hab leider keine Hand frei“. Auch wenn der „alte Mann“ im Laufe des Stückes mehrfach durch „deutscher Hip Hop“ ausgetauscht wird, erschließt sich dennoch nicht gänzlich die Intention dieses Textes.

Alle Leute, die dem Hip Hop bereits abgeschworen hatte aufgehorcht! Es gibt einen Lichtblick. "Hip Hop lebt, Menschlichkeit ist tot." Wer hätte gedacht, dass DAS erst jemand aus der Berliner Szene feststellen muss?!

Christoph Berger

VÖ: 20.08.2010

Label: Distributionz / Soulfood Music

Tracklist:

01. Einleitung
02. Wenn wir Tod sind
03. Skit
04. Liebessong für Britney Spears
05. Ich will ein Kind
06. Musik ist unser Leben, darum wurden wir Erzieher 
      (feat.Laas Unltd. & Sido)
07. Mike aussa Platte (Die Fortsetzung)
08. Zeiten ändern sich
09. Zurückgeblieben
10. Hr. Günther ausm Ersten
11. Ich hab leider keine Hand frei
12. Kein Blick zurück
13. Skit

 

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