Teufelswerk

Alben von Hell

Empfohlen von

  • Dieser Artikel wurde noch nicht empfohlen.

Diesen Artikel bei Facebook empfehlen:

Tags

Von Krautrock zu Techno – mit seinem Über-Album meldet sich der Vorzeige-Gigolo machtvoll zurück.

So richtig auf der Rechnung hatte man Hell – mal wieder ohne vorangestelltes „DJ“ – eigentlich nicht mehr unbedingt. Ein Jahrzehnt nach „Munich Machine“ und nach Abflauen der weltweiten Wirkmächtigkeit seines enorm verdienstvollen Gigolo-Labels schien sich die künstlerische Existenz irgendwo in plötzlich angestaubt wirkenden Italo-House-Sets und dem weltweiten DJ- und Lifestyle-Jetset zu verlieren. Mit „Teufelswerk“ jedoch setzt sich Hell scheinbar mühelos erneut ganz oben auf die aktuelle Agenda.

Techno gibt sich nach den Flurbereinigungen der letzten Jahre lebendiger als lange zuvor. Ein wieder erstarkter Underground-Gestus vereint sich mit neuem Hedonismus fernab von Mayday- oder Loveparade-Exploitation, über Berlins Vorzeige-Location Berghain liest man inzwischen häufiger im Feuilleton als im Veranstaltungsteil, dank seiner Rolle im Szenefilm „Berlin Calling“ rennt man Altheld Paul Kalkbrenner wieder die Bude ein und selbst im gemeinen Indie-Club um die Ecke kann man unversehens auf ein reinrassiges Techno-Set treffen. Hell liefert dazu den punktgenauen Soundtrack – eine Art Konzeptalbum in Sachen Techno-Aufarbeitung, eingeteilt in Nacht- und Tag-Seite.

Hell - The Disaster


Kernstück des „Night“-Albums ist „The Disaster“, das mit einer simplen Oldschool-Yamaha-Synthesizer-Sequenz die Fanfare des teutonischen Techno überhaupt aufgreift. 3Phases „Der Klang der Familie“ wird auch heute noch von vielen als der essenzielle Track der hiesigen Techno-Ravekultur begriffen. In gut zehn Minuten demonstriert Hell quasi als angewandtes Lehrbeispiel, wie Techno funktioniert: mit genügend Zeit zum Entwickeln einer Euphorie aus einem einfachen Beat und wenigen hocheffizient eingesetzten Synthesizer-Sequenzen mit maximalem Wiedererkennungswert auf dem Floor.

3Phase feat. Dr. Motte - Der Klang der Familie


„Rhythmus, Klangbaustein, Elektronik“ und „München, Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, Technologie“ fasst Hell das in der präzisen Kraftwerk-Hommage „Electronic Germany“ zusammen, dem zweiten eindeutigen Referenz-Track. Und auch sonst lässt er sich nicht lumpen, kann im elegant pumpenden Opener „U Can Dance“ mit einem bis dato ungenutzten Bryan Ferry-Vocaltrack aufwarten und lässt P. Diddy in „The DJ“ über Vier-Minuten-Versionen lästern, in denen man sich unmöglich austoben könnte. Klar, dass eine Durchschnittslänge von acht Minuten pro Track Pflicht für dieses Album ist.

„Day“, das Komplementärwerk, ist oberflächlich besehen ein exzellent produziertes Ambient-Album. Tief in der musikalischen Vergangenheit holt sich Hell dafür die Inspiration. Beginnend mit „Germania“ – und das muss man auch erstmal bringen, einen Track so zu nennen – schlägt er den Bogen von den frühen Zeiten eines Aphex Twin (oder runtergerechnet auf teutonische Verhältnisse: Cosmic Baby) zur progressiven deutschen Musikelite der Siebziger. Krautrock ist das Stichwort, ein Begriff, der weniger als musikalisches Genre funktioniert, denn als Kategorisierung einer experimentellen, teils spielerisch teils technokratisch psychedelische Grenzwerte erforschenden Musik, die heute noch nachwirkt. Techno wäre ohne Bands wie Can oder Neu!, gar ohne Kraftwerk nicht denkbar. Mit „The Angst & The Angst Pt. 2“ lotet Hell aus, wo die Nahtlinien zwischen popmusikalischer Tradition und Moderne heute verlaufen können. Als Abschluss spendiert er mit „Silver Machine“ gar noch eine Huldigung an Hawkwind, die wohl am krautigsten agierende einigermaßen bekannte Spacerock-Band.

Nichts weniger als ein Über-Album ist „Teufelswerk“ geworden, ein eindrucksvolles Statement zur Lage von Techno, das weit über den Tellerrand des Tagesgeschäfts auf dem Floor oder irgendwelche Hitlisten hinausreicht. Manchmal kommen sie wieder. Tanz den Hell!

Augsburg


VÖ: 01.05.09

Label: Gigolo (Rpugh Trade)

Tracklist
Disk: 1
01. U Can Dance Feat. Bryan Ferry
02. Electronic Germany
03. The Disaster
04. The DJ feat. P. Diddy.
05. Bodyfarm2
06. Hellracer
07. Wonderland
08. Friday, Saturday, Sunday.
Disk: 2
01. Germania
02. The Angst & The Angst Pt. 2
03. Carte Blanche
04. Night Clubbing
05. I Prefer Women To Men
06. Action
07. Hell's Kitchen.
08. Silver Machine
Share/Bookmark

Kommentar schreiben

Dein Name:
Bitte den nebenstehenden Sicherheitscode hier eingeben: