DMD KIU LIDT

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Ja,Panik werfen zahlreiche Fragen auf, reißen viel an und überschlagen sich vor inhaltlichen Verweisen. Vor allem aber tun sie eins: Sie lachen uns aus.

"DMD KIU LIDT" lautet der Titel der neuen, vierten Ja,Panik-Platte, die innerhalb von nur zehn Tagen in Zusammenarbeit mit Produzent Moses Schneider (u.a. Turbostaat) aufgenommen wurde. Lange im Voraus macht der Name die Runde, Fragezeichen und Gerüchte tun sich auf, man munkelt und diskutiert. Wenig später erfahren wir die Bedeutung der kryptischen Zeichen: Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.

Ja, Panik - "Trouble"

Schon zum zweiten Langspieler hatten sie ein kleines Manifest veröffentlicht, das der Platte den letzten eigenartigen Schliff verlieh. Zum dritten Album "The Angst And The Money" dann sah man die Gruppe selbst als Ölgemälde auf dem Cover. Dazu ebenfalls: ein Manifest. Merkwürdige Texte, zusammengesetzt aus deutschen und englischen Fragmenten, Zitaten und Selbstveralbereien.

Auch abseits von den eigenen Veröffentlichungen tut sich viel bei der Band. So haben Ja, Panik vor gar nicht langer Zeit das Label Nein, Gelassenheit gegründet, auf dem Hans Unstern sein Debütalbum "Kratz Dich Raus" veröffentlichte. Bei der Echo-Verleihung sieht man Andreas Spechtl an der Seite Christiane Rösingers, an deren Solo-Platte er ebenfalls beteiligt war. Im Video zu "Pardon" wird Jochen Distelmeyer detailgetreu aufs Kreuz gelegt, während Spechtl selbst im nächsten Clip (scheinbar betrunken) aus einem Kinderbuch vorliest. Dann der Sonntagstatort: Es gilt einen Tod aufzuklären. Und wen sieht man inmitten eines Statistenhaufens im Close Up? Ja, Panik. Komplett. Über Sinn und Unsinn derartiger Aktionen ließe sich nächtelang diskutieren. Fest steht aber: Ja, Panik sind omnipräsent.

Ja, Panik - "Pardon"

Jetzt steht "DMD KIU LIDT" in den Plattenregalen. Der Hang zum schlechten Englisch ist die auffälligste Konstante, die sich durch die Diskografie der Wahlberliner zieht. Am Anfang nur spärlich, mittlerweile dafür ziemlich stark hat sich die englische Sprache ins Werk der Exil-Österreicher eingeschlichen. So trägt kein einziges Stück der neuen Platte einen deutschen Titel. Die Sprach-Mixtur innerhalb der Songs wird immer waghalsiger und trotzdem gelingt es der Band auf "DMD KIU LIDT", deutsch und englisch so konsequent miteinander zu verflechten, dass man zeitweise völlig vergisst, dass es eigentlich zwei unterschiedliche Sprachen sind, die da ineinander greifen. Die Fragmente in englischer Sprache klingen dabei oft wie eine Farce, allerdings wie eine epische, moderne Farce: Kryptisch und ein bisschen schrullig vielleicht, aber genial. In Kombination mit einem eigenartigen, konsequent sarkastischen Sinn für Humor ergeben sich da schon im Opener "This Ship Is Ought To Sink" schlichte, aber wirkungsvolle Zeilen: "Wohin ich blicke, sehe ich jemand, der sich für jemand anderen zum Trottel macht."

Was sprachlich wie inhaltlich auf den ersten Blick trivial wirken mag, erweist sich bei genauerer Beschäftigung mit der Band oft als unverwechselbares Erkennungsmerkmal. So begegnet uns zum Beispiel Thomas (aus "Thomas sagt") auf "DMD KIU LIDT" erneut, bei dem die Zeichen allerdings nicht mehr auf Veränderung, sondern auf success stehen. Überhaupt spielt Intertextualität auf dieser vierten Ja,Panik-Platte eine große Rolle. Einer der 15 Titel lautet "Surrender". Der "Beat Beat Beat Surrender" tauchte bereits auf "The Taste And The Money" auf und bezieht sich wiederum auf einen Song von The Jam. In "Suicide" fühlt man sich, sowohl textlich als auch musikalisch, an Morrissey erinnert und ein weiterer Track tauft sich "Modern Life Is War". Ist das jetzt ein Statement oder ein Verweis auf die Band?

Ja, Panik - "DMD KIU LIDT
" (Trailer)

Im 23-minütigen Titelsong "DMD KIU LIDT" dann wird es politisch. Angela und Nicholas finden hier mehr als nur Erwähnung. Überhaupt klingt dieses sehr ausartende Schlussstück wie eine Absage an alles: Hinlegen, Türen schließen und bestenfalls noch Bretter davor. Gleichzeitig wird die Platte in diesem Stück von der Band selbst betrachtet und kommentiert. Vielleicht ist das das Manifest zum Album, diesmal nicht in niedergeschriebener, sondern in gesprochener Form. Aber auch hier bleibt viel Raum für Interpretation.

Die Gruppe wirft auf merkwürdige Weise rätselhafte Fangfragen auf. Das Gesamtkonzept Ja,Panik will verstanden werden, entzieht sich dem potentiell Verstehenden aber durch das Konzept selbst. Und genau in diesem scheinbaren Zirkelschluss liegt die Genialität der Band: Gerade weil das, was die Musiker tun, teilweise völlig sinnfrei erscheint, ergeben sich spannende Diskurse.

Auch musikalisch hat sich die Gruppe weiterentwickelt und bewegt sich stilistisch irgendwo zwischen Rock'n'Roll, Protopunk und Pop. Ja, Panik kommen dabei mal verspielt-frickelig, mal aggressiv und dann wiederum melancholisch daher und überzeugen vor allem immer wieder mit Slogans, die eine Tätowierung wert wären: "Suicide is love, is passion". Dabei dienen Spechtl, laut eigener Aussage bei Willkommen in Österreich einzig und allein Langeweile und Verbitterung als Antrieb, um Kunst zu schaffen. Der Pessimismus zieht sich wie ein unsichtbares Band durch die Platte und findet sich in fast jedem der ironisch-altklug anmutenden Texte wieder. Er lässt viel Raum für die eigenen Gedanken und stupst uns wieder und wieder einen dieser Stolpersätze in den Weg, die nachdenklich stimmen: "[...] Und doch fallen wir immer wieder alle, alle darauf rein. Auf die Pillen, auf den Doktor, auf die Klinik und die Liebe."

Lydia Meyer

VÖ: 15.04.2011

Label:
Staatsakt

Tracklist:
01. This Ship Ought To Sink
02. Trouble
03. The Horror
04. Barbarie
05. Run From The Ones That Say I Love You
06. Nevermind
07. Surrender
08. Bittersweet
09. Grey & Old
10. Time Is On My Side
11. Mr. Jones & Norma Desmond
12. Modern Life Is War
13. Suicide
14. The Evening Sun
15. DMD KIU LIDT


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