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Compass

Alben von Jamie Lidell

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Jamie Lidell zeigt mit seinem vierten Studioalbum „Compass“, dass er ein großartiger Künstler ist, der einmal mehr keine Angst vor Experimenten hat.



Der britische Multiinstrumentalist Jamie Lidell ist ein Ausnahmetalent in Sachen genreübergreifender Musik. Mit seinem zweiten Studioalbum „Multiply“ gelang dem 36-Jährigen 2005 der Durchbruch. Bereits da bewies Lidell seine Experimentierfreudigkeit in Sachen Electronica vs. Funk und Soul. Mit dem gleichnamigen Song der Platte war ein neuer Soul-Künstler geboren, der es nur zu genau verstand, nicht in die allseits beliebten Retro- und Neo-Nischen zu verfallen, sondern tatsächlich etwas Neues und Individuelles zu kreieren.

Lidell war bereits Ende der 90er für seine instrumentellen Live-Performances bekannt, die er sogar schon mit den Electro-Künstler Matthew Herbert gemeinsam auf der Bühne unter Beweis stellte. Herausragend dabei ist, dass er seine Stimme aufnimmt und sie immer wieder sampelt, um daraus eine improvisierte Beatboxing-One-Man-Show zu machen:



Mit „JIM“ schuf Lidell 2008 eine Platte, die weniger elektronisch und experimentell ausfiel und sich noch mehr dem Jazz und Soul hingab. Für diese Scheibe bekam Lidell den Independent Music Award für das Beste Pop/Rock-Album. Mit „Compass“ findet das Multitalent zu seinen alten Stärken zurück und beweist, dass er immer noch das Zeug hat, zu überraschen. Herausgekommen ist ein Album, dass von Beck produziert und von Musikern wie Leslie Feist, Wilco und Drummer James Gadson unterstützt wurde.

Während Lidell auf seinem letzten Album noch schnörkelloser an die Songs heranging, vereint „Compass“ selbsbewusst und mutig so viele Genres wie nie zuvor. So beginnt die Platte mit „Completely Exposed“ sehr R'n'B-lastig, ebenso wie „She Needs Me“ und „It's A Kiss“, bei denen Lidell geschmeidig ins Mikro säuselt und in eine gewisse Baratmosphäre driftet. Doch diese Songs sind auch die einzigen, die man so explizit kategorisieren kann.



Mit „I Wanna Be Your Telephone“ kreiert Lidell ein Stück Funk, was an Princes beste Zeiten erinnert. Sowohl seine Stimme als auch die Musik verändert sich während des Tracks und wird damit so spannend, dass man nicht fassen kann, dass es sich hier um nur einen einzigen Song handelt. Wohingegen „Enough's Enough“ mit einer Motown-typischen Lebensfreude daherkommt, die locker-flockig zum Tanzen und Freuen anregt. Doch auch Gospel und Blues kommen bei dieser Platte nicht zu kurz. Bei „The Ring“ experimentiert Lidell mit verschiedenen Geräuschen auf einen gospeltypischen Takt, verzerrten Trompeten und Piano. Gemischt mit jazzigen Elementen und der zum Höhepunkt einsetzenden Kopfstimme Lidells ist dieser Song einer der energiereichsten.

Etwas gewöhnungsbedürftig hingegen sind „You Are Walking“ und „I Can Love Again“, aber nichtsdestotrotz weniger interessant. Die beiden Songs sind voller verschiedener Musikrichtungen: so gehts vom frischen Pop zum gitarrenverzehrten Rock, weiter zum Jazz und Blues bis in die experimentelle Electro-Schiene. Die absoluten Kracher des Albums stellen aber „Your Sweet Boom“ und der albumtragende Track „Compass“ dar. Hier beweist Lidell, dass er zu Recht als herausragender Künstler gilt.

Jamie Lidell - "Your Sweet Boom (alternate version)"

Besonders der erstgenannte ist an Experimentierfreudigkeit und Vielfalt nicht zu übertreffen: beginnend mit einer Bluesgitarre, ständig verändernder Stimmfarbe, Drum-Computer und Percussions ist der Track elektronischer, melodischer Funk, bei dem man nur gespannt sein kann, wie Lidell diesen Song live performen wird. „Compass“ hingegen, ebenso experimentell, ist unglaublich facettenreich, was die Struktur des Songs angeht. Beginnt Lidell auf Akustikgitarre mit der Zeile: „Now I Know, You're The Compass That I Need“ auf einer wunderschönen Melodie, die von dem Briten mit einer Marvin Gaye-ähnlichen Stimme vorgetragen wird. Der Song entwickelt sich weiter zu einem Stück Ambient mit undefinierbaren Geräuschen, die zu Percussion-Klängen zusammengesampelt wurden.


Das vierte Studioalbum von Jamie Lidell strotzt vor Experimenten. Nahm er sich bei der letzten Platte mit den elektronischen Elementen eher zurück, tobt sich der 36-jährige auf dieser mal wieder richtig aus. Mutig und konsequent verfolgt er seine Qualitäten, Grenzen verschiedener Musikstile zu überschreiten, dass er es eigentlich verdient hätte eine eigene Genrebezeichnung für diesen Sound zu bekommen. Mit „Compass“ wagt Lidell viel, waren doch seine weniger elektronischen Alben kommerziell erfolgreich. Doch der Mut muss belohnt werden, denn Lidell beweist mit diesem Album, dass er ein Ausnahmetalent ist – nicht nur live auf der Bühne.

Geli Megyesi

VÖ: 14.05.2010

Label: Warp Records

Trackliste:
01. Completely Exposed
02. Your Sweet Boom
03. She Needs Me
04. I Wanna Be Your Telephone
05. Enough's Enough
06. The Ring
07. You Are Waking
08. I Can Love Again
09. It's A Kiss
10. Compass
11. Gypsy Blood
12. Coma Chameleon
13. Big Drift
14. You See My Light
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