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Jochen Distelmeyer
Jochen Distelmeyer: Heavy
Wohin mit dem Hass? ... Welcher Hass? Es geht um Liebe! Makelloser Pop und beinharter Herzschmerz vom Hamburger Großsongschreiber.

In der deutschen Literatur gibt es den Begriff "Großschriftsteller", Günter Grass ist so einer, Peter Handke vielleicht, Thomas Mann natürlich. Sie werden so bezeichnet, weil sie auf im Wortsinn unnachahmliche Weise die Lebenswelten von Generationen seziert und in Schriftsätze umgesetzt haben und so mehr als alle anderen aussagen können über die – vor allem – deutsche Geschichte und Mentalität.
"Großsongschreiber" gibt es so nicht, aber Jochen Distelmeyer fiele einem natürlich sofort ein. "Heavy" ist also das erste Soloalbum des vormaligen Blumfeld-Frontmanns und es ist so sehr Blumfeld wie das letzte Blumfeld-Album auch. Man weiß jetzt, dass diese großartigste aller deutschen Popbands am Ende eben doch nur noch Jochen Distelmeyer war. Mit allen Vor- und einigen deutlichen Nachteilen.
"Wohin mit dem Hass?" war die kompromisslos erdenschwere, gitarrengetränkte und damit erstaunlich toughe erste Verlautbarung aus dem Post-Blumfeld-Kosmos des Jochen Distelmeyer. (Natürlich ist das noch lange kein "Verstärker".) Das Album geht da aber nicht sehr weit mit und wer den "Apfelmann" Distelmeyer in den letzten Blumfeld-Tagen nicht mehr gemocht hat, wird sich mit diesem Album nicht aussöhnen lassen: "Ich hab alles versucht / meine Liebe verflucht / und jetzt hab ich kein Taschentuch". Man kann das eigentlich nicht ohne Schmerzen lesen – aber ist es vielleicht doch wahre Poesie, wenn Distelmeyer das singt? (Und es könnte übrigens glatt von den anderen stammen, die für "Großsongschreiber" vielleicht noch in Frage kämen, den Ärzten, deren Farin Urlaub Blumfeld bekanntermaßen herzlich hasst und deren Bela B inzwischen Distelmeyers Labelmate ist. "Nur mit dir" ist natürlich sowieso ein Allerwelts-Songtitel und man kann wohl davon ausgehen, dass ein Distelmeyer auch das berücksichtigt hat.)
Jochen Distelmeyer jedenfalls hat eine messerscharfe Frisur und wird im Feuilleton als sehr, sehr ernsthafter, nicht mehr ganz junger Mensch dargestellt, der irgendwie gar nicht glücklich aussieht und behauptet, nach den einfachen Dingen zu streben. Wie dies verbucht wird, und wie es zu den aggressiv herz-schmerzigen Texten passt, ist schon seit ziemlich genau zehn Jahren der Streitpunkt bei der Blumfeld-Wahrnehmung. (Dass eine übergroße Mehrheit der Musikkonsumenten dem gesamtheitlichen Schaffen einer Hamburger Schule verständnislos gegenübersteht, sagt übrigens schon mehr über die Wirkmächtigkeit der deutschen Pop-Intelligenzia aus, als es sogar ein Distelmeyer könnte.) So schlimm ist es dann doch nicht, möchte man einwerfen, denn sein Schaffen gehört zweifelsfrei zu der Art Musik, die eben genau eines kann: Menschen glücklich machen. Und wenn es ein A-capella-Album-Intro sein soll und ein "Lass uns Liebe sein"-Schmachtfetzen, ja, bitte!
Jochen Distelmeyer - Lass uns Liebe sein
Richtig, es wird brutal schüttelgereimt auf "Heavy", allerorten ist (zumindest melodisch) Harmonie verordnet und Distelmeyer ist nunmal ein makelloser Sänger – der beste, den man sich in einer Popband überhaupt vorstellen kann. Man muss akzeptieren, dass Popmusik im Innersten harmoniebedürftig sein muss, sonst sollte man "Heavy" lieber weglassen. (Wie viele Menschen außer Jochen Distelmeyer kennen eigentlich Prefab Sprout?) Man kann diese Texte auch einfach als Teil eines Soundflows begreifen, ganz ohne Bedeutungs-Doppelboden, Werte-Goldwaage oder Politik-Bedürfnis. Man kann dieses Album einfach nur hören und wundervoll finden, weil es eben niemanden sonst im Land gibt, der das, was "Heavy" ist, überhaupt kann. Wahrscheinlich kommt man Distelmeyer so ohnehin am nächsten. Man muss nur mal genau hinhören: "Ich leb dafür und leb davon / am Ende ist es nur ein Song." Liest sich scheiße, klingt gut.
Augsburg
VÖ: 25.09.2009
Label: Columbia Berlin / Sony
Trackliste:
01. Regen
02. Wohin mit dem Hass?
03. Er
04. Lass uns Liebe sein
05. Bleiben oder gehen
06. Hinter der Musik
07. Nur mit dir
08. Hiob
09. Jenfeld Mädchen
10. Murmel

In der deutschen Literatur gibt es den Begriff "Großschriftsteller", Günter Grass ist so einer, Peter Handke vielleicht, Thomas Mann natürlich. Sie werden so bezeichnet, weil sie auf im Wortsinn unnachahmliche Weise die Lebenswelten von Generationen seziert und in Schriftsätze umgesetzt haben und so mehr als alle anderen aussagen können über die – vor allem – deutsche Geschichte und Mentalität.
"Großsongschreiber" gibt es so nicht, aber Jochen Distelmeyer fiele einem natürlich sofort ein. "Heavy" ist also das erste Soloalbum des vormaligen Blumfeld-Frontmanns und es ist so sehr Blumfeld wie das letzte Blumfeld-Album auch. Man weiß jetzt, dass diese großartigste aller deutschen Popbands am Ende eben doch nur noch Jochen Distelmeyer war. Mit allen Vor- und einigen deutlichen Nachteilen.
Jochen Distelmeyer jedenfalls hat eine messerscharfe Frisur und wird im Feuilleton als sehr, sehr ernsthafter, nicht mehr ganz junger Mensch dargestellt, der irgendwie gar nicht glücklich aussieht und behauptet, nach den einfachen Dingen zu streben. Wie dies verbucht wird, und wie es zu den aggressiv herz-schmerzigen Texten passt, ist schon seit ziemlich genau zehn Jahren der Streitpunkt bei der Blumfeld-Wahrnehmung. (Dass eine übergroße Mehrheit der Musikkonsumenten dem gesamtheitlichen Schaffen einer Hamburger Schule verständnislos gegenübersteht, sagt übrigens schon mehr über die Wirkmächtigkeit der deutschen Pop-Intelligenzia aus, als es sogar ein Distelmeyer könnte.) So schlimm ist es dann doch nicht, möchte man einwerfen, denn sein Schaffen gehört zweifelsfrei zu der Art Musik, die eben genau eines kann: Menschen glücklich machen. Und wenn es ein A-capella-Album-Intro sein soll und ein "Lass uns Liebe sein"-Schmachtfetzen, ja, bitte!
Jochen Distelmeyer - Lass uns Liebe sein
Richtig, es wird brutal schüttelgereimt auf "Heavy", allerorten ist (zumindest melodisch) Harmonie verordnet und Distelmeyer ist nunmal ein makelloser Sänger – der beste, den man sich in einer Popband überhaupt vorstellen kann. Man muss akzeptieren, dass Popmusik im Innersten harmoniebedürftig sein muss, sonst sollte man "Heavy" lieber weglassen. (Wie viele Menschen außer Jochen Distelmeyer kennen eigentlich Prefab Sprout?) Man kann diese Texte auch einfach als Teil eines Soundflows begreifen, ganz ohne Bedeutungs-Doppelboden, Werte-Goldwaage oder Politik-Bedürfnis. Man kann dieses Album einfach nur hören und wundervoll finden, weil es eben niemanden sonst im Land gibt, der das, was "Heavy" ist, überhaupt kann. Wahrscheinlich kommt man Distelmeyer so ohnehin am nächsten. Man muss nur mal genau hinhören: "Ich leb dafür und leb davon / am Ende ist es nur ein Song." Liest sich scheiße, klingt gut.
Augsburg
VÖ: 25.09.2009
Label: Columbia Berlin / Sony
Trackliste:
01. Regen
02. Wohin mit dem Hass?
03. Er
04. Lass uns Liebe sein
05. Bleiben oder gehen
06. Hinter der Musik
07. Nur mit dir
08. Hiob
09. Jenfeld Mädchen
10. Murmel
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