Yours Truly, Angry Mob

Empfohlen von

Diesen Artikel bei Facebook empfehlen:

Tags

Mit „Yours Truly, Angry Mob“ ist den Kaiser Chiefs ein für die Ewigkeit gültiges Referenzwerk gelungen, an dessen den Zeitgeist aufs trefflichste formulierenden philosophischen Erwägungen sich Pop-Theoretiker noch in 20 Jahren die Zähne ausbeißen werden. Die langerwartete Rückkehr des Pop als subversives Protestmedium. Wahrscheinlich wird man diese in ihrer abstrakten Sinnlichkeit bestechenden Melodien eines fernen Tages zum Mars schicken.
Zusammen mit Beethovens Fünfter und den Beatles – als Zeugnis von der Essenz menschlichen Kulturschaffens auf diesem Planeten.

Ein Witz. Bis auf das mit dem Zeitgeist. Denn den treffen die Kaiser Chiefs tatsächlich mitten in sein redundantes Herz: Auch auf dem Zweitwerk fehlt den Bierzeltfreunden aus Leeds jeglicher Sinn für Tiefgang, wird ausschließlich Bekanntes von Madness bis Franz Ferdinand recycelt, verbirgt sich hinter markigen Slogans ein großes Nichts. Fast wie bei ‚Pro 7’ also. Und wo vor zwei Jahren „I Predict A Riot“ nicht etwa politisch prononciert war, sondern auf die Besonderheiten besingungslos betrunkener paarungswilliger Groß- und Kleinstädter im UK nach Einsetzen der Sperrstunde anspielte, so ist jetzt der Song „The Angry Mob“ natürlich abermals kein Aufruf zur Revolution. Keine Frage: Die Kaiser Chiefs sind das musikalische Ambivalent eines Essens bei McDonalds. Alle, die daheim alle Kanäle außer Arte gelöscht haben, beim Arzt lieber gar nichts lesen, als zur Gala zu greifen und Fast Food-Ketten wegen der Abholzung des Regenwalds und allgemein der turbo-kapitalistischen Ausbeutung der Dritten Welt grundsätzlich ablehnen, müssen also nicht weiter lesen.

Video: Ruby


Dem vermutlich verschwindend geringen Rest sei gesagt: Es gibt auch im Jahre 2007, von den Fratellis einmal abgesehen, kaum etwas Besseres zum sinnfreien Fausthochrecken, zum Einhaken und gemeinsamen Gröhlen, als diese Band. Das insgesamt in sich geschlossene und kompaktere, mit weniger stilistischen Ausfallschritten nach links und rechts versehene Werk, bietet einmal mehr ein wahres Feuerwerk memorabler Melodien und Mitsing-Chöre. Die bereits bekannte Single „Ruby“ geht hier vielleicht fast einen Schritt zu weit, aber bereits „The Angry Mob“ verblüfft mit einer überraschenden Wendung und dem superben Chor. Auch, wenn man Ricky Wilson und seiner Band kaum abnimmt, dass sie tatsächlich täglich die Zeitung lesen und man einen Kulturpessimismus à la „Everything Is Average Nowadays“ nicht unbedingt aus diesen Mündern hören will. Sicherlich sind bei den Kaiser Chiefs äußerst beliebte Wortspiele wie „Love’s Not A Competition (But I’m Winning)“ nicht besonders originell, aber durchaus witzig eben schon. „Heat Dies Down“, „My Kind Of Guy“, „I Can Do It Without You“ – man kennt diese Endorphine freisetzenden Songs bereits bevor man sie zum ersten Mal hört, kann spätestens beim zweiten Mal mitsingen. Dass damit eine gewisse Beliebigkeit einhergeht und sich kein wahres Sättigungsgefühl einstellt, liegt in der Natur der Sache. Aber beim Popkornessen im Kino denkt ja auch keiner an das unangenehme Völlegefühl danach. Und für die dümmliche Werbung mit Franz Beckenbauer können sie ja nichts.

Text: Torsten Groß

VÖ: 23.02.07

Label: Polydor/Universal

Tracklist:
01. Ruby
02. The Angry Mob
03. Heat Dies Down
04. Highroyds
05. Love's Not A Competition (But I'm Winning)
06. Thank You Very Much
07. I Can Do It Without You
08. My Kind Of Guy
09. Everything Is Average Nowadays
10. Boxing Champ
11. Learnt My Lesson Well
12. Try Your Best
13. Retirement
Share/Bookmark

Kommentar schreiben

Dein Name:
Bitte den nebenstehenden Sicherheitscode hier eingeben: