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Kettcar
Kettcar: Zwischen Den Runden
Wo Melancholie aufhört und Hoffnung anfängt, war Kettcar noch nie so wichtig. Ihr viertes Studioalbum "Zwischen den Runden" will Trost spenden und zieht mit Streichern und Bläsern in den Kampf.

(Foto: Andreas Hornoff)
Der Vorgänger "Sylt" war eine Kampfansage gegen Champagner-Gesellschaft und Kapitalismus. "Zwischen Den Runden" ist nun eine Liebesbekundung an das Leben. Doch um das Leben lieben zu lernen, müssen viele Probleme überstanden werden. Einige können schnell gelöst werden, andere aber Narben hinterlassen und sich zu einem Kampf mit sich selbst entwickeln. Dass diese genauso schmerzlich wie wichtig sein können, ist auch den Hanseaten bewusst. So wird diese hoffnungsbringende Aussage musikalisch verpackt wie wir es von Kettcar erwarten würden – eben doch melancholisch und nachdenklich. Das könnte daran liegen, dass sich Kettcar schon immer im Hin und Her zwischen absoluter Lebensbejahung und rationaler Befremdlichkeit befanden. Die Wut der letzten Platte ist verflogen oder sie hat ihr Ventil gefunden – der Fokus liegt nun auf Menschlichkeit. Wenn im Vorgänger noch der Finger in die Wunde gelegt wurde, wird diesmal Trost gespendet.
"Kommt zusammen nach schlaflosen Nächten / zusammen nach letzten Gefechten / im allergrößten Club der Welt" heißt es im befreiend soul-angehauchten Song "Im Club". Träume können platzen, doch sind wir damit nicht allein, teilt uns Marcus Wiebusch mit, nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark. Im dazugehörigen Video, im Stil einer Nachrichtensendung, sehen wir deshalb neben den Bandmitgliedern 200 Portraits von Fans, welche im Zuge eines Aufrufs von Kettcar für die Produktion des Clips eingesandt wurden.
Kettcar - "Im Club"
"Das ständige Umfallen / das ständige Aufstehen" zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte – nicht als Parole, eher im Subtext. Die Hamburger gehen dementsprechend ruhig und besonnen an die Platte, es klingt stellenweise jazzig bis soulig und die Streicher- und Bläserarrangements verleihen den ehrlich-emotionalen Texten eine Portion Hoffnung. Ansonsten haben es Kettcar nicht darauf angelegt, mit neuem Stil zu überraschen: die Melodien sind so, wie wir sie von ihnen erwarten – grundmelancholischer Poprock, der den Blick nach vorn wagt. Nur wenige Songs riskieren es vom Altbewährten abzukommen, eine Ausnahme ist der Song "Schwebend", der – von einem Klavier getragen – federleicht durch eine sphärische Klangwelt von Streichern fliegt und säuselt.
Nicht minder ausgeschmückt sind ihre Texte, so darf es nicht verwundern, wenn sich eine Reihe von Kriegsmetaphern durch die einzelnen Tracks zieht. Sie bieten der Kampfansage die nötige Unterstützung. Nicht das Offensichtliche ist maßgebend, viele Interpretationen werden zugelassen, jede einzelne Geschichte könnte die eigene sein: Tod, Liebe, Hoffnung, Menschlichkeit – es sind die Dinge, die uns alle bewegen. Wenn wir der Freundin das Erbrochene aus den Haaren pulen und sie trotzdem lieben ("Rettung"), oder der Wunsch nach Ferne – verbildlicht durch die kuriose Reise einer Gans, die mit dem alten Leben abschließen möchte, es dennoch nicht schafft und am Ende wieder zurückkehrt ("Erkenschwick"). Auch Kunst und Kultur finden Erwähnung im Lobgesang auf "Schrilles, Buntes Hamburg", in dem der Zusammenhang zwischen Kunst und Vermarktung mit den kritischen Worten "Es muss immer alles komplett verwertet werden / wenn es komplett verwertet werden kann" beschrieben wird.
Kettcar - "Schrilles, Buntes Hamburg"
Müsste ein Ort bestimmt werden, an dem die Platte ihre beste Wirkung entfaltet, wäre es die Kneipe. Zum Tanzen ist die Platte zu ruhig, zum Kuscheln zu tiefsinnig. Die Texte wollen wachrütteln, und erklären Ereignisse das Lebens in erschreckend einfacher, wie überraschender Form. Das Für und Wider schlägt sich auch in einem selbst wieder. Stimmt ein letzter pathetischer Song den finalen Ton an, möchte man entweder sofort sein eigenes Leben mit all den geplanten Projekten in die Hand nehmen oder darüber sinnieren. "Zwischen den Runden" heißt in sich gehen und entspannen. Jeder Schritt zurück ist ein Schritt nach vorn. Wenn es scheint als sei niemand mehr da, gibt es immer noch jemanden, der dir vertraut: Kettcar.
René Tauschke
VÖ: 10.02.2012
Label: Grand Hotel Van Cleef/Indigo
Tracklist:
01. Rettung
02. Im Club
03. Schwebend
04. R.I.P.
05. Kommt Ein Mann In Die Bar
06. Weil Ich Es Niemals So Oft Sagen Werde
07. Schrilles, Buntes Hamburg
08. Nach Süden
09. In Deinen Armen
10. Der Apokalyptische Reiter Und Das Besorgte Pferd
11. Erkenschwick
12. Zurück Aus Ohlsdorf

(Foto: Andreas Hornoff)
Der Vorgänger "Sylt" war eine Kampfansage gegen Champagner-Gesellschaft und Kapitalismus. "Zwischen Den Runden" ist nun eine Liebesbekundung an das Leben. Doch um das Leben lieben zu lernen, müssen viele Probleme überstanden werden. Einige können schnell gelöst werden, andere aber Narben hinterlassen und sich zu einem Kampf mit sich selbst entwickeln. Dass diese genauso schmerzlich wie wichtig sein können, ist auch den Hanseaten bewusst. So wird diese hoffnungsbringende Aussage musikalisch verpackt wie wir es von Kettcar erwarten würden – eben doch melancholisch und nachdenklich. Das könnte daran liegen, dass sich Kettcar schon immer im Hin und Her zwischen absoluter Lebensbejahung und rationaler Befremdlichkeit befanden. Die Wut der letzten Platte ist verflogen oder sie hat ihr Ventil gefunden – der Fokus liegt nun auf Menschlichkeit. Wenn im Vorgänger noch der Finger in die Wunde gelegt wurde, wird diesmal Trost gespendet.
"Kommt zusammen nach schlaflosen Nächten / zusammen nach letzten Gefechten / im allergrößten Club der Welt" heißt es im befreiend soul-angehauchten Song "Im Club". Träume können platzen, doch sind wir damit nicht allein, teilt uns Marcus Wiebusch mit, nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark. Im dazugehörigen Video, im Stil einer Nachrichtensendung, sehen wir deshalb neben den Bandmitgliedern 200 Portraits von Fans, welche im Zuge eines Aufrufs von Kettcar für die Produktion des Clips eingesandt wurden.
Kettcar - "Im Club"
"Das ständige Umfallen / das ständige Aufstehen" zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte – nicht als Parole, eher im Subtext. Die Hamburger gehen dementsprechend ruhig und besonnen an die Platte, es klingt stellenweise jazzig bis soulig und die Streicher- und Bläserarrangements verleihen den ehrlich-emotionalen Texten eine Portion Hoffnung. Ansonsten haben es Kettcar nicht darauf angelegt, mit neuem Stil zu überraschen: die Melodien sind so, wie wir sie von ihnen erwarten – grundmelancholischer Poprock, der den Blick nach vorn wagt. Nur wenige Songs riskieren es vom Altbewährten abzukommen, eine Ausnahme ist der Song "Schwebend", der – von einem Klavier getragen – federleicht durch eine sphärische Klangwelt von Streichern fliegt und säuselt.
Nicht minder ausgeschmückt sind ihre Texte, so darf es nicht verwundern, wenn sich eine Reihe von Kriegsmetaphern durch die einzelnen Tracks zieht. Sie bieten der Kampfansage die nötige Unterstützung. Nicht das Offensichtliche ist maßgebend, viele Interpretationen werden zugelassen, jede einzelne Geschichte könnte die eigene sein: Tod, Liebe, Hoffnung, Menschlichkeit – es sind die Dinge, die uns alle bewegen. Wenn wir der Freundin das Erbrochene aus den Haaren pulen und sie trotzdem lieben ("Rettung"), oder der Wunsch nach Ferne – verbildlicht durch die kuriose Reise einer Gans, die mit dem alten Leben abschließen möchte, es dennoch nicht schafft und am Ende wieder zurückkehrt ("Erkenschwick"). Auch Kunst und Kultur finden Erwähnung im Lobgesang auf "Schrilles, Buntes Hamburg", in dem der Zusammenhang zwischen Kunst und Vermarktung mit den kritischen Worten "Es muss immer alles komplett verwertet werden / wenn es komplett verwertet werden kann" beschrieben wird.
Kettcar - "Schrilles, Buntes Hamburg"
Müsste ein Ort bestimmt werden, an dem die Platte ihre beste Wirkung entfaltet, wäre es die Kneipe. Zum Tanzen ist die Platte zu ruhig, zum Kuscheln zu tiefsinnig. Die Texte wollen wachrütteln, und erklären Ereignisse das Lebens in erschreckend einfacher, wie überraschender Form. Das Für und Wider schlägt sich auch in einem selbst wieder. Stimmt ein letzter pathetischer Song den finalen Ton an, möchte man entweder sofort sein eigenes Leben mit all den geplanten Projekten in die Hand nehmen oder darüber sinnieren. "Zwischen den Runden" heißt in sich gehen und entspannen. Jeder Schritt zurück ist ein Schritt nach vorn. Wenn es scheint als sei niemand mehr da, gibt es immer noch jemanden, der dir vertraut: Kettcar.
René Tauschke
VÖ: 10.02.2012
Label: Grand Hotel Van Cleef/Indigo
Tracklist:
01. Rettung
02. Im Club
03. Schwebend
04. R.I.P.
05. Kommt Ein Mann In Die Bar
06. Weil Ich Es Niemals So Oft Sagen Werde
07. Schrilles, Buntes Hamburg
08. Nach Süden
09. In Deinen Armen
10. Der Apokalyptische Reiter Und Das Besorgte Pferd
11. Erkenschwick
12. Zurück Aus Ohlsdorf
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