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Ladytron
Ladytron: Gravity The Seducer
Töne zu Pinseln und Klänge zu Farben! Auf "Gravity The Seducer" leben sich Ladytron assoziationsgewaltig zwischen Klangmalerei und Pop-Songwriting aus.

Eine Dekade Bandgeschichte ist für Ladytron bereits geschrieben. Seit Anfang des Milleniums kristallisiert das Quartett sich aus einem wachsend leidvoll überstrapazierten Genre heraus – dem Synthie-Pop. Nun erscheint der fünfte Longplayer der Liverpooler, der sich im Hörerleben wie ein Gemälde vor dem inneren Auge ausbreitet und in wörtlicher Beschreibung unweigerlich zum blumigen Ausholen zwingt. Derart lebendige Bilder wecken die bisweilen unergründlich scheinenden illustrativen Klangschichten, sodass man "Gravity The Seducer" fast als konzeptuelle Ohrenreise begreifen könnte. Im Kontrast stehen jedoch jene griffigen Themen, die sich aus den distanzierten Hallsphären immer wieder in den Vordergrund schleichen und dem Album einen selbstbewussten Pop-Appeal verleihen. Dennoch unterscheidet sich das Werk deutlich von der wachsenden Schar radioformatierter Kollegen, deren scheinbar einziges Ziel es ist, mitgrölbare, beatverzierte Hooklines tanzbar zu machen. Nicht nur mit drei rein instrumentalen Stücken hebt es sich von einer plattfüßigen Masse ab und entschwebt in eine klingende Parallelwelt.
Ladytron - "White Elephant"
Mehr Videos gibt's auf tape.tv
Ladytrons Nummer fünf folgt der Tradition der Gruppe, spielt mit Düsternis und fällt an mancher Stelle tiefer hinein, als man es gewohnt ist. Der Sound erlebt eine Evolution, wirkt aber trotzdem nicht fremd und auch die satiniert-weiche Stimme von Mira Aroyo macht ihre Werke unverwechselbar. Klänge werden zu Stimmungsbildern, Melodien zu Erzählsträngen. Eine deutliche Narrative entsteht darin jedoch nie, es bleibt auf intuitiver und abstrakter Ebene. Der Opener "White Elephant" stellt das Prinzip des Albums treffend vor: Ein warmer, brummender Bass, streicherinspirierte Teppiche und Pizzikato-artige Strukturen verwandeln sich einmal gehört in eine weite, geschwungene Landschaftskulisse. Ein Leitthema erklingt in verschiedenen Stimmen, schließlich im Gesang und die Kulisse erblüht. Oktavversetzt doppelt eine männliche Stimme die vokalen Linien, wodurch ein ungeheuer volles Timbre entsteht. Das Stück wallt auf und präsentiert sich am Ende mit Bläser-Ideen und Paukenschlägen vollends orchestral. Überhaupt lehnen sich die synthetischen Flächen stets an natürliche Instrumente an, was alles noch einmal ungreifbarer macht und den Gedanken wie im Rausch echten Halt verwehrt.
Vielerlei Einflüsse verschiedenster elektronisch geprägter Genres finden sich auf "Gravity The Seducer". Das wandlungsreiche "White Gold" zum Beispiel weckt mit seinen vertrackt stolpernden Rhythmen und schallenden Sphären zunächst Gedanken an Trip-Hop, um nach zwei Minuten wirklich loszubrechen und mit pulsierenden Beats gespaltene Assoziationen hervorruft, irgendwo zwischen Krautrock und NDW. Letztere Erinnerung verstärkt sich auch im instrumentalen, finsteren "Ritual", das sich als dunkle Nachtszene visualisiert und mit treibenden, kraftvollen Rhythmen eine langsame melodische Metamorphose durchlebt. In "Moon Palace" kommt gerade im Gesang ein Touch okkulter Genres wie Gothic durch. Das Stück hüllt sich in Grusel-Atmosphäre, badet in schabenden Soundeffekten und anmutigem Piano. "Transparent Days" zeigt sich schließlich mit einer rein instrumentalen Kombination aus bratzigen Synthesizern und Glockenklängen, wodurch eine skurille, fast sakrale Atmosphäre entsteht, in der sich so distanziert wie hinter Glas Melodien tummeln.
Ladytron - "Gravity The Seducer" (Albumstream)
Nahtlos fließend bewegen sich die Kompositionen jedoch in ihrem jeweils eigenen Flair, sodass kaum mehr Pole auszumachen sind. Jeder Song steht geschlossen für sich und seine eigene surreale Szenerie. Auch die textlichen Inhalte rücken sie nicht aus dem Traumland heraus, was sie auch nicht zu wollen scheinen: "I don't know where you've been, out in the sand with medusa / and not busy with fighting gravity, the seducer" heißt es in "Ninety Degrees". Gerade durch diese schwebende Entrücktheit sind die zwölf Stücke auf verschiedenste Weise wahrnehmbar: Als weicher, hintergründiger Dream-Pop, als zurückgelehnte Tanzmusik oder als experimentelles Bilderbuch, das mit der Unbeschwertheit eines Kindes durch eine Blumenwelt tänzelt, in der hinter jedem Busch der Albtraum hervorspringen könnte. Vor allem jedoch ist "Gravity The Seducer" ein sehr sinnlich geratenes Werk, das am Ende ein Gefühl verwunschener Befremdlichkeit vermittelt. Zugrunde liegt eine selbsttreue und spielerische Weiterentwicklung, die sich in keine Richtung verschließt.
Tabea Köbler
VÖ: 09.09.2011
Label: Nettwerk / Soulfood
Tracklist:
01. White Elephant
02. Mirage
03. White Gold
04. Ace Of Hz
05. Ritual
06. Moon Palace
07. Altitude Blues
08. Ambulances
09. Melting Ice
10. Transparent Days
11. Ninety Degrees
12. Aces High

Eine Dekade Bandgeschichte ist für Ladytron bereits geschrieben. Seit Anfang des Milleniums kristallisiert das Quartett sich aus einem wachsend leidvoll überstrapazierten Genre heraus – dem Synthie-Pop. Nun erscheint der fünfte Longplayer der Liverpooler, der sich im Hörerleben wie ein Gemälde vor dem inneren Auge ausbreitet und in wörtlicher Beschreibung unweigerlich zum blumigen Ausholen zwingt. Derart lebendige Bilder wecken die bisweilen unergründlich scheinenden illustrativen Klangschichten, sodass man "Gravity The Seducer" fast als konzeptuelle Ohrenreise begreifen könnte. Im Kontrast stehen jedoch jene griffigen Themen, die sich aus den distanzierten Hallsphären immer wieder in den Vordergrund schleichen und dem Album einen selbstbewussten Pop-Appeal verleihen. Dennoch unterscheidet sich das Werk deutlich von der wachsenden Schar radioformatierter Kollegen, deren scheinbar einziges Ziel es ist, mitgrölbare, beatverzierte Hooklines tanzbar zu machen. Nicht nur mit drei rein instrumentalen Stücken hebt es sich von einer plattfüßigen Masse ab und entschwebt in eine klingende Parallelwelt.
Ladytron - "White Elephant"
Mehr Videos gibt's auf tape.tv
Ladytrons Nummer fünf folgt der Tradition der Gruppe, spielt mit Düsternis und fällt an mancher Stelle tiefer hinein, als man es gewohnt ist. Der Sound erlebt eine Evolution, wirkt aber trotzdem nicht fremd und auch die satiniert-weiche Stimme von Mira Aroyo macht ihre Werke unverwechselbar. Klänge werden zu Stimmungsbildern, Melodien zu Erzählsträngen. Eine deutliche Narrative entsteht darin jedoch nie, es bleibt auf intuitiver und abstrakter Ebene. Der Opener "White Elephant" stellt das Prinzip des Albums treffend vor: Ein warmer, brummender Bass, streicherinspirierte Teppiche und Pizzikato-artige Strukturen verwandeln sich einmal gehört in eine weite, geschwungene Landschaftskulisse. Ein Leitthema erklingt in verschiedenen Stimmen, schließlich im Gesang und die Kulisse erblüht. Oktavversetzt doppelt eine männliche Stimme die vokalen Linien, wodurch ein ungeheuer volles Timbre entsteht. Das Stück wallt auf und präsentiert sich am Ende mit Bläser-Ideen und Paukenschlägen vollends orchestral. Überhaupt lehnen sich die synthetischen Flächen stets an natürliche Instrumente an, was alles noch einmal ungreifbarer macht und den Gedanken wie im Rausch echten Halt verwehrt.
Vielerlei Einflüsse verschiedenster elektronisch geprägter Genres finden sich auf "Gravity The Seducer". Das wandlungsreiche "White Gold" zum Beispiel weckt mit seinen vertrackt stolpernden Rhythmen und schallenden Sphären zunächst Gedanken an Trip-Hop, um nach zwei Minuten wirklich loszubrechen und mit pulsierenden Beats gespaltene Assoziationen hervorruft, irgendwo zwischen Krautrock und NDW. Letztere Erinnerung verstärkt sich auch im instrumentalen, finsteren "Ritual", das sich als dunkle Nachtszene visualisiert und mit treibenden, kraftvollen Rhythmen eine langsame melodische Metamorphose durchlebt. In "Moon Palace" kommt gerade im Gesang ein Touch okkulter Genres wie Gothic durch. Das Stück hüllt sich in Grusel-Atmosphäre, badet in schabenden Soundeffekten und anmutigem Piano. "Transparent Days" zeigt sich schließlich mit einer rein instrumentalen Kombination aus bratzigen Synthesizern und Glockenklängen, wodurch eine skurille, fast sakrale Atmosphäre entsteht, in der sich so distanziert wie hinter Glas Melodien tummeln.
Ladytron - "Gravity The Seducer" (Albumstream)
Nahtlos fließend bewegen sich die Kompositionen jedoch in ihrem jeweils eigenen Flair, sodass kaum mehr Pole auszumachen sind. Jeder Song steht geschlossen für sich und seine eigene surreale Szenerie. Auch die textlichen Inhalte rücken sie nicht aus dem Traumland heraus, was sie auch nicht zu wollen scheinen: "I don't know where you've been, out in the sand with medusa / and not busy with fighting gravity, the seducer" heißt es in "Ninety Degrees". Gerade durch diese schwebende Entrücktheit sind die zwölf Stücke auf verschiedenste Weise wahrnehmbar: Als weicher, hintergründiger Dream-Pop, als zurückgelehnte Tanzmusik oder als experimentelles Bilderbuch, das mit der Unbeschwertheit eines Kindes durch eine Blumenwelt tänzelt, in der hinter jedem Busch der Albtraum hervorspringen könnte. Vor allem jedoch ist "Gravity The Seducer" ein sehr sinnlich geratenes Werk, das am Ende ein Gefühl verwunschener Befremdlichkeit vermittelt. Zugrunde liegt eine selbsttreue und spielerische Weiterentwicklung, die sich in keine Richtung verschließt.
Tabea Köbler
VÖ: 09.09.2011
Label: Nettwerk / Soulfood
Tracklist:
01. White Elephant
02. Mirage
03. White Gold
04. Ace Of Hz
05. Ritual
06. Moon Palace
07. Altitude Blues
08. Ambulances
09. Melting Ice
10. Transparent Days
11. Ninety Degrees
12. Aces High
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