Romance Is Boring

Alben von Los Campesinos!

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Los Campesinos!: Romance Is Boring

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Viel, schnell, laut: Los Campesinos! baden mit ihrem dritten Album im instrumentalen Überfluss - der Hörer droht zu ertrinken.

Schon mit ihrem Debüt "Hold On Now, Youngster" präsentierten sich Los Campesinos! als ungestüm-aufgekratztes Indie-Rock-Orchester. Überdreht und vor Ideen überschäumend verlor die siebenköpfige Gang dabei allerdings nie den Pop-Song aus den Augen. Kaum ein halbes Jahr später veröffentlichten die jungen Wilden das Nachfolgewerk "We Are Young, We Are Doomed", das von Presse und Fans aber bitteschön nicht als vollwertiger Zweitling behandelt werden sollte. Obwohl es sich bei den Songs durchaus nicht um den Restmüll der ersten Produktion handelte, war der Band selbst das Material zu nah am Stil des Debüts, um als nächste Entwicklungsstufe deklariert zu werden.
Soviel zum Anspruch, den sich Los Campesinos! schon vor dem Beginn der Arbeit an "Romance Is Boring" selbst auferlegten. Dementsprechend hat die Band im Studio in Seattle dann auch mit „einem großflächigen Instrumental experimentiert", ist dabei aber allerdings in altbekannt-hyperaktiver Manier übers Ziel hinaus geschossen.

Die jungen Briten erliegen auf "Romance Is Boring" einem wahren Soundwahn. Ein einziger Song klingt oft wie ein willkürlicher Zusammenschnitt zehn verschiedener Stücke unterschiedlichster Genres. Im Detail: Ein Instrumenten-Sammelsorium aus schiefen E-Gitarren, hektischem Bass, Disco-Dresch-Schlagzeug, klassischem Streichquartett, Sounds und Effekten aus Synthesizern und Keyboards, Orgeln, Glockenspiel, Trompeten, diverser Percussion und vielem mehr formiert sich zu einer ohrenbetäubenden "Soundwall Of Death". Die wird lose zusammengehalten durch ein Arrangement unzähliger, abrupt aufeinander folgender Teile, inklusive Takt- und Harmoniewechsel und kämpft zu allem Überfluss noch lauthals gegen den Gesang an. Der wiederum ist mal männlich, mal weiblich, mal hysterisches Gruppen-Gebrüll und versucht kilometerlange Texttiraden mit viel Melodie in möglichst kurzer Zeit loszuwerden. Und das alles gleichzeitig. Ohne Luft zu holen. Los Campesinos! sind Stress, "Romance Is Boring" einmal von Anfang bis Ende hören, verursacht latenten Kopfschmerz.

Die durch die fehlende Prioritätensetzung verursachte  Ermangelung eines musikalischen Mittelpunkts mündet in eine Art instrumentalen Ellbogen-Kampf. Das bricht den Songs letztendlich das Genick. Hier wurde außerdem im Nachhinein großer Mist beim Abmischen verzapft. Der Gesang, der den Trash zu einer Einheit verbinden könnte, lässt sich hinter der dicken Instrumental-Schicht oft nur noch erahnen, die Texte versteht man in den meisten Fällen gar nicht.

Der ein oder andere Song schafft es aber trotzdem, sich im Verlauf der Platte gegen das überbordernde Sound-Wirrwarr durchzusetzen. Es sind die Stücke, in denen sich Los Campensinos! wenigstens kurzzeitig auf fünf, sechs wichtige Komponenten "reduzieren" und der Gesang die Führung übernehmen darf. So zum Beispiel das nachdenkliche "The Sea Is A Good Place To Think", bei dem Text und Musik eine wunderschönes Bild ergeben oder "There Are Listed Buildings", das sogar so etwas wie eine Hook-Line anbietet. Gut tun der Platte außerdem die anderthalb- bis zweiminütigen Einschübe „200-102“ und „Heart Swells/101“ sowie der obligatorische Hidden Track. Nach dem Mega-Art-Punk-Gemetzel schmeicheln die langsamen Lo-Fi-Stücke den Ohren und schaffen es eine Stimmung abseits der Hektik aufzubauen.

„Romance Is Boring“ behandelt „den Tod und Zerfall des menschlichen Körpers, Sex, verlorene Liebe, Nervenzusammenbruch, Fußball und letztendlich, dass da wahrscheinlich kein Licht am Ende des Tunnels ist“, so die Band. Schon auf den Vorgängern brillierte Sänger Gareth Campesinos! mit witzigen und klugen Texten und soweit es einem vergönnt ist, etwas davon akkustisch wahrzunehmen, bietet auch das neue Album gewohnte lyrische Qualität.



Fragen, die am Ende offen bleiben: Was haben sich Los Campesinos! für ein ehrgeiziges Ziel gesteckt? Soll hier eine Brücke zwischen Musik und Lärm, Kunst und Krach geschlagen werden? Egal, ob die Sieben nun überbordernd kreativ, extrem kompromisslos oder schlichtweg entscheidungsunfähig sind: In der Schlacht um die erste Geige verliert die gesamte Band den Kopf und muss das so charmante Lo-Fi-Pop-Appeal vergangener Alben zu Grabe tragen.

Sophie Bischoff

VÖ: 29. Januar 2010

Label: Cooperative Music (Universal)

Trackliste:


01. In Medias Res
02. There Are Listed Buildings
03. RIB
04. We've Got Your Back
05. (Plan A)
06. 200-102
07. Straight In At 101
08. Who Fell Asleep In
09. I Warned You: Do Not Make An Enemy Of Me
10. Heart Swells / 100-1
11. I Just Signed. I Just Sighed. Just So You Know
12. A Heat Rash In The Shape Of The Show Me State; Or, Letters From Me To Charlotte
13. The Sea Is A Good Place To Think Of The Future14. This Is A Flag. There Is No Wind
15. Coda: A Burn Scar In The Shape Of The Sooner State


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