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Motorpsycho
Motorpsycho: Heavy Metal Fruit
Seit zwanzig Jahren im Geschäft des 60ies/70ies-Rock und immer noch wegweisend: Motorpsycho.

Zwei Bands gibt es, die immer wieder als "die neuen Grateful Dead" bezeichnet werden. In dem Sinne, dass ihre Liveshows mehr als bloß Konzerte sind, sondern mitunter eher den Charakter von Gottesdiensten haben. Und dass es so viele ergebene Fans gibt, die ihren Urlaubsplan nach den Tourdaten ausrichten, um keine Show einer Tour zu verpassen. Da wären zum einen Pearl Jam, die auf einen Haufen frenetisch gefeierter Songs bauen können. Und zum anderen Motorpsycho, die live schlichtweg unberechenbar sind - aber immer wahnsinnig gut.
Bei Motorpsycho ist der Grateful-Dead-Vergleich sogar noch etwas mehr angebracht: keine Ahnung von aktueller Musik, und auch kein Interesse daran, dafür musikalisch fest in den Sechzigern und Siebzigern verwurzelt. So konsequent anachronistisch, dass sie ihr letztes Album "Child Of The Future" nur auf Vinyl veröffentlichten. Und auch optisch werden Motorpsycho immer mehr zu Zausel-Hippies, wie man an Gitarrist Snahs ergrautem Bart sehen kann, der das Albumcover von "Heavy Metal Fruit" ziert. Aber vor allem nehmen sie sich Zeit, und wenn ein Song live mal eine Dreiviertelstunde dauert, dann soll das so sein.
Der Titel "Heavy Metal Fruit" lässt vermuten, dass Motorpsycho die Metal-Anklänge ihrer Früh-Neunziger Vergangenheit wieder aufsuchen. Aber weit gefehlt: der Titel ist eine Referenz an den Film und bezeichnet fallende Bomben - und das, was man auf der Scheibe zu hören bekommt, ist volle Lotte Progrock. Wenn man Zahlen sprechen lässt: sechs Songs, 60 Minuten.
Motorpsycho - "Starhammer"
Interessanterweise gehen Motorpsycho hier nun den Mittelweg zwischen freiem Spiel und Studioarbeit. Einerseits durfte erstmals Produzent Kåre Vestrheim reinreden und verpasste den Songs Soundgimmicks wie Trompeten und Keyboard-Unterstützung sowie einen Bombensound. Andererseits sind Songs wie "Starhammer" oder "X-3" nur zum Teil auskomponiert und bieten das Fundament für ausgiebige instrumentale Ausschweifungen, wie man sie von Motorpsychos Liveauftritten kennt - oder dem Vorvorgänger "Little Lucid Moments".
Ein Grund für das ausgiebig zelebrierte Improvisieren ist natürlich, dass das Trio seit dem Einstieg von Schlagzeug-Tier Kenneth Kapstadt seinen zweiten Frühling erlebt. Kapstadt ist zehn Jahre jünger als seine Bandmates, mit dem Herzen zuhause im Rock, zugleich aber auch ein versierter Jazzdrummer. Sein virtuoses wie kraftvolles Spiel hat die Band laut Sänger und Bassist Bent Sæther auf ein neues musikalisches Level gehoben. Und auf dem kann man sich auch mal erlauben, einen Song erst nach zwei Minuten wildem Herumgejazze zu beginnen - wie bei "W.B.A.T.". Wie eine Perle in der Auster verbirgt sich in der Mitte der Schwermetallfrucht das zarte "Close Your Eyes", eine dreiminütige Pianoballade. Ein älteres Stück, das auf der Tour 2002 noch als schwer Pink-Floyd-verdächtige Psychedeliknummer von 10 Minuten Länge daherkam. Klingt komisch, ist aber typisch Motorpsycho, für die Songs niemals fertig sind.

Zum neuen Live-Favoriten dürfte "Gullible's Travails" werden, ein zwanzigminütiges Epos in vier Teilen, das auf Augenhöhe mit den Klassikern "The Golden Core" und "Vortex Surfer" steht. Hier fahren die drei Norweger noch einmal alles auf, was sie ausmacht: schweren Midtempo-Rock, herrliche Melodien, sanfte Akustikpassagen, ausgiebige Gitarrensoli, eine langsame dynamische Steigerung und am Ende erstrahlt das beste Riff seit Led Zeppelins "Kashmir" - kurzum: der pure Wahnsinn.
Seit zwanzig Jahren im Geschäft und immer noch wegweisend: Das können nur wenige Bands von sich behaupten.
Robert Goldbach
VÖ: 15.01.10
Label: Stickman / Indigo
Tracklist:
01. Starhammer
02. X-3 (Knuckleheads In Space)
03. The Bomb-Proof Roll and Beyond
04. Close Your Eyes
05. W.B.A.T.
06. Gullible's Travails (pt I-IV)
I. Eye All-Seeing
II. The Elementhaler
III. Circle
IV. Phoot's Flower ( a Burly Return)

Zwei Bands gibt es, die immer wieder als "die neuen Grateful Dead" bezeichnet werden. In dem Sinne, dass ihre Liveshows mehr als bloß Konzerte sind, sondern mitunter eher den Charakter von Gottesdiensten haben. Und dass es so viele ergebene Fans gibt, die ihren Urlaubsplan nach den Tourdaten ausrichten, um keine Show einer Tour zu verpassen. Da wären zum einen Pearl Jam, die auf einen Haufen frenetisch gefeierter Songs bauen können. Und zum anderen Motorpsycho, die live schlichtweg unberechenbar sind - aber immer wahnsinnig gut.
Bei Motorpsycho ist der Grateful-Dead-Vergleich sogar noch etwas mehr angebracht: keine Ahnung von aktueller Musik, und auch kein Interesse daran, dafür musikalisch fest in den Sechzigern und Siebzigern verwurzelt. So konsequent anachronistisch, dass sie ihr letztes Album "Child Of The Future" nur auf Vinyl veröffentlichten. Und auch optisch werden Motorpsycho immer mehr zu Zausel-Hippies, wie man an Gitarrist Snahs ergrautem Bart sehen kann, der das Albumcover von "Heavy Metal Fruit" ziert. Aber vor allem nehmen sie sich Zeit, und wenn ein Song live mal eine Dreiviertelstunde dauert, dann soll das so sein.
Der Titel "Heavy Metal Fruit" lässt vermuten, dass Motorpsycho die Metal-Anklänge ihrer Früh-Neunziger Vergangenheit wieder aufsuchen. Aber weit gefehlt: der Titel ist eine Referenz an den Film und bezeichnet fallende Bomben - und das, was man auf der Scheibe zu hören bekommt, ist volle Lotte Progrock. Wenn man Zahlen sprechen lässt: sechs Songs, 60 Minuten.
Motorpsycho - "Starhammer"
Interessanterweise gehen Motorpsycho hier nun den Mittelweg zwischen freiem Spiel und Studioarbeit. Einerseits durfte erstmals Produzent Kåre Vestrheim reinreden und verpasste den Songs Soundgimmicks wie Trompeten und Keyboard-Unterstützung sowie einen Bombensound. Andererseits sind Songs wie "Starhammer" oder "X-3" nur zum Teil auskomponiert und bieten das Fundament für ausgiebige instrumentale Ausschweifungen, wie man sie von Motorpsychos Liveauftritten kennt - oder dem Vorvorgänger "Little Lucid Moments".
Ein Grund für das ausgiebig zelebrierte Improvisieren ist natürlich, dass das Trio seit dem Einstieg von Schlagzeug-Tier Kenneth Kapstadt seinen zweiten Frühling erlebt. Kapstadt ist zehn Jahre jünger als seine Bandmates, mit dem Herzen zuhause im Rock, zugleich aber auch ein versierter Jazzdrummer. Sein virtuoses wie kraftvolles Spiel hat die Band laut Sänger und Bassist Bent Sæther auf ein neues musikalisches Level gehoben. Und auf dem kann man sich auch mal erlauben, einen Song erst nach zwei Minuten wildem Herumgejazze zu beginnen - wie bei "W.B.A.T.". Wie eine Perle in der Auster verbirgt sich in der Mitte der Schwermetallfrucht das zarte "Close Your Eyes", eine dreiminütige Pianoballade. Ein älteres Stück, das auf der Tour 2002 noch als schwer Pink-Floyd-verdächtige Psychedeliknummer von 10 Minuten Länge daherkam. Klingt komisch, ist aber typisch Motorpsycho, für die Songs niemals fertig sind.

Zum neuen Live-Favoriten dürfte "Gullible's Travails" werden, ein zwanzigminütiges Epos in vier Teilen, das auf Augenhöhe mit den Klassikern "The Golden Core" und "Vortex Surfer" steht. Hier fahren die drei Norweger noch einmal alles auf, was sie ausmacht: schweren Midtempo-Rock, herrliche Melodien, sanfte Akustikpassagen, ausgiebige Gitarrensoli, eine langsame dynamische Steigerung und am Ende erstrahlt das beste Riff seit Led Zeppelins "Kashmir" - kurzum: der pure Wahnsinn.
Seit zwanzig Jahren im Geschäft und immer noch wegweisend: Das können nur wenige Bands von sich behaupten.
Robert Goldbach
VÖ: 15.01.10
Label: Stickman / Indigo
Tracklist:
01. Starhammer
02. X-3 (Knuckleheads In Space)
03. The Bomb-Proof Roll and Beyond
04. Close Your Eyes
05. W.B.A.T.
06. Gullible's Travails (pt I-IV)
I. Eye All-Seeing
II. The Elementhaler
III. Circle
IV. Phoot's Flower ( a Burly Return)
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Dritter Durchlauf, dritte Steigerung der Euphorie und wahrscheinlich immer noch nicht die letzte. Diese Platte wird für sehr lange Zeit als Aushängeschild meiner Sammlung auf dem besten Platze im Vinylschrank thronen. Großartig, selbst King Crimson würden feuchte Augen bekommen...
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