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Ein weiteres Live-Resümee wird gezogen und die Psychonauten torpedieren mit "Roadwork Vol. 4 – Intrepid Skronk" wieder alles und jeden nach ganz weit draußen.

Anno dazumal, vielmehr Anfang bis Mitte der 90er Jahre, als "Indie" noch eine Umschreibung für die Produktionsart und keine Genre-Klassifizierung als solche war und eine Band, die als "Alternative" gehandelt wurde (so dieser obskure Begriff überhaupt Verwendung fand), sich tatsächlich auch noch in alternativer Couleur bezahlt machen musste, spielten Motorpsycho bereits auf und rockten sich independently und alternatively durch die Weltgeschichte. Dabei gaben sie natürlich keinen Pfifferling auf solche Bezeichnungen. Bis heute hat sich die Formation, die sich im Zuge einer Russ Meyer Dreier-Film-Vorführung prompt den Titel "Motorpsycho" erwählte, noch nicht vom großen Markt weichkochen lassen. Wenn sie in der Heimat zwar zwischenzeitlich von EMI/Sony repräsentiert wurden, so sind sie doch dem Hamburger Label Stickman Records stets treu geblieben.

Motorpsycho - "Demon Box"

Eine sehr interessante Eigenart der Norweger ist ihre Gewissheit darüber, wer sie sind und wo sie stehen, aber es ist immer eine ziemlich unberechenbare Angelegenheit, wo man mit ihrem Schaffen als nächstes hingeführt werden wird. Dies, zumal sie kontemporäres Musik-Geschehen wohl nie wirklich interessiert hat und der Psychonauten-Kompass niemals auf diese Richtung geeicht war. Die Band hat sich, an all ihren großartigen Ecken und Kanten, im Laufe der Jahre mehrfach im Kleinen musikalisch neu erfunden; es hat sich dabei eine sehr organisch wirkende Entwicklung ergeben. Die Anfänge Motorpsychos liegen klar im Hardrock und Metal verwurzelt, woraus sich schließlich zunächst eine Prog-Rockigere Attitude ergab und später – auch mit diversen Nebenprojekten – ebenfalls in jazzigere, countryeske und sogar elektronischere Gefilde diversifiziert wurde. Persönlich überzeugen die – seit 2007 mit Drummer Kenneth Kapstad wieder - drei Herren durch ihre gänzlich unaufgeregte Art und ihren untrügbaren Sinn für trashigen Humor, worauf ja eigentlich mit ihrer Namenswahl 1989 schon Brief und Siegel gegeben wurde.

Mit "Roadwork Vol. 4 – Intrepid Skronk" ist der sage und schreibe 19. Langspieler der nimmermüden Band erschienen. Man könnte es als Live-Dokumentation der letzten drei Jahre bezeichnen, die sechs Tracks sind allesamt Mitschnitte unterschiedlicher Konzerte aus dieser Zeit, aber man würde den Herren damit kaum gerecht werden; vielmehr ist es ein flüchtiger Einblick in das, was Motorpsycho im Allgemeinen als auch live im Besonderen so grandios macht und ebenfalls wie wunderbar sich Kenneth Kapstad in das Gefüge Bent Sæther und Hans Magnus "Snah" Ryan eingepasst hat. Sechs Songs, 80 Minuten Laufzeit, das spricht ja mal wieder Bände. Typischerweise wird inmitten der Songs einfach noch eine kleine Jam-Session durchgezogen und die Soli können ebenfalls ein wenig länger andauern. Die Stücke wurden sehr bedacht gewählt und stammen aus unterschiedlichen Stadien der Bandgeschichte.

Motorpsycho - "Landslide"


Kick-Start des ganzen Sound-Bombasts, bei dem immer wieder kaum glaublich scheint, dass er lediglich von drei Leuten produziert wird, ist die ausgebaute Version von "The Bomb-Proof Roll & Beyond" der 2010er Platte "Heavy Metal Fruit". Die Spacerock-Walze besteht hier im Mittelteil aus allerhand versponnenen Soli, bis sich die einzelnen Stränge zum Ende wieder zu einer wuchtig geschwungenen Knute zusammenfinden. Darauf folgt "All Is Loneliness" - ursprünglich in unrockiger und sehr viel kürzerer Version von Moondog – vom 93er Durchbruchs-Album "Demon Box" in düster-melancholischer Atmosphäre, wobei Sæther hier bereits ankündigt "I feel a bit jammy today". Dreistimmiger Gesang und unglaublich dicker Basslauf leiten in den beinahe routiniert groovigen Jamteil über; nicht verwunderlich so man bedenkt, dass "All Is Loneliness" schon sehr lange zu den beliebtesten Tracks des Live-Repertoires zählt und bereits unüberschaubar oft zur Aufführung gekommen ist. Spätestens wenn man bei "Wishing Well" der "Starmelt EP" von '97 ankommt, herrscht Klarheit, wie gleichermaßen zeitlos, dicht und doch ungezügelt die Musik Motorpsychos ist und welch breites emotionales Spektrum der Dreier abzudecken versteht. Die "Landslide"-Version ist ein sehr entspanntes Hinübergleiten in fast schon etwas folkigere Gefilde, wo Snah zeigen kann, wie auch er sich stimmlich entwickelt hat, die Vocals klingen beinahe nach einem zarten Verweis auf Grunge-Großonkel Neil Young.

Motorpsycho - "Kill Devil Hills"

"Kill Devil Hills" explodiert unvermittelt im Anschluss und was dort an Noise-Zunder und Sætherschem Basswerk ausgepackt wird, raubt zunächst den Atem, führt aber sehr gelungen zum sich recht langsam entwickelnden, wildem akustischem LSD-Trip "The Alchemyst" vom 2008er "Little Lucid Moments". Ist dieses ebenso verklungen wie der brausende Applaus, ergeben sich zwei Enttäuschung- und gar ein wenig Missmut-erzeugende Punkte:
1.: Die Platte ist tatsächlich schon an ihrem Ende angelangt.
2.: Die nächste Motorpsycho-Platte liegt noch nicht auf dem Tisch.

Einmal mehr hat die Band aus Trondheim ihre Größe unter Beweis gestellt und mit relativ leichten Mitteln dem gemeinen Rock-Conoisseur nachhaltig dargelegt, dass fantastische Live- und großartige Studio-Band sich nicht gegenseitig ausschließen müssen. Eigentlich wollen die Drei ja auch einfach nur eines: Musik machen. Also, genug des müßigen Geplauders: Let's hear some fucking tunes!

Stephan Sauer


Roadwork Vol. 4 – Intrepid Skronk

: 29.04.2011

Label: Stickman (Indigo)

Tracklist:
01. The bomb-proof roll & beyond,
I) Arne Hassle
II) Qajaasaaeneq
III) The sea of diamonds
IV) Ooops, fusion...
V) Arne Hassle (Slight return)
02. All is loneliness incl. visions from a possible cornucopic future ...
03. Wishing Well
04. Landslide
05. Kill Devil Hills
06. The Alchemyst


Motorpsycho live 2011:
14.07. Alsfeld - Burg Herzberg Festival
15.07. Freizeitgelände Eching - Sonnenrot Festival


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