"Wir sind eine Band, die ständig auf der Suche nach Entwicklung ist" - Motorpsycho im motor.de-Interview

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Motorpsycho-Gitarrist Hans Magnus Ryan lässt uns teilhaben am Entstehungsprozess zu "The Death Defying Unicorn", der ersten kitschfreien Rockoper seit "Tommy".

(Foto: Kim Ramberghaug)

Dass eine Band wie Motorpsycho es nach mehr als zwanzig Jahren ausgelebter Experimentierfreude noch schafft ihre Anhängerschaft zu überraschen, grenzt schon beinahe an ein Wunder. Doch mit "The Death Defying Unicorn" rütteln die Norweger selbst die eingefleischtesten unter ihren Jüngern aus ihrem "das-bisher-gebotene-kann-man-nicht-mehr-toppen"-Tiefschlaf. Unter dem Regiment der norwegischen Jazz-Ikone Ståle Storløkken und mit Hilfe des ehrwürdigen Trondheim Jazz Orchestra reifte innerhalb der letzten drei Jahre eine einfache Idee hin zu einem Breitwand-Projekt, ohne dass es anfangs überhaupt gewollt war. Wir wollten Licht ins Dunkel bringen, und holten uns dafür Gitarrist Hans Magnus Ryan an die Strippe.

motor.de: Hallo Hans, ihr habt in den letzten drei Jahren – das neue Album eingeschlossen – sage und schreibe fünf Veröffentlichungen auf euer Gefolge losgelassen. Was steckt hinter dieser kreativen Explosion der jüngeren Vergangenheit?

Hans: Ehrlich gesagt, ist das lediglich das Resultat eines für uns völlig normalen Prozesses. Wir lieben einfach, was wir tun. Wir beschäftigen uns jeden Tag mit Musik. Die Kommunikation untereinander und der Austausch von musikalischem Input funktioniert momentan einfach wunderbar. Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht irgendeine neue Vision oder Idee angeregt wird. Das hat dann zur Folge, dass viel entsteht und letztlich irgendwo festgehalten werden muss (lacht).

motor.de: Dieser Produktions-Enthusiasmus begann in etwa zeitglich mit dem Einstieg von Kenneth Kapstad bei Motorpsycho. Gibt es da eine Verbindung?

Hans: Ich denke schon. Kenneth treibt uns an, keine Frage. Mit ihm haben wir die Möglichkeit in neue musikalische Dimensionen vorzudringen. Er ist ein unheimlich versierter Drummer, der alles spielen kann von Jazz über Rock bis hin zu derbstem Metal. Das hat der Band vor allem rhythmisch einen unheimlichen Schub gegeben. Wenn man dann merkt, dass sich neue Horizonte öffnen, entwickelt man automatisch neue Ideen. So kommt dann eins zum anderen, und am Ende musst du dann aufpassen, dass du all diesen Input auch irgendwie und irgendwo unterbekommst. Außerdem ist er jemand, der gerne und viel arbeitet, so wie Bent und ich. Insofern hat Kenneth, glaube ich, sehr viel mit der Entwicklung der Band in den letzten Jahren zu tun.

motor.de: Diese Entwicklung gipfelt dieser Tage in der Veröffentlichung von "The Death Defying Unicorn", einer wahren Rockoper, die so eigentlich gar nicht geplant war, richtig?

Hans: Ja, das stimmt. Als wir mit Ståle Storløkken zusammen vor zwei Jahren beim Molde Jazz Festival auftraten und Fragmente des Ganzen präsentierten, gingen wir alle eigentlich von einem einmaligen Unterfangen aus. Das Ganze war an jenem Abend sehr orchestral ausgerichtet, fernab von dem, was Motorpsycho bis dahin gemacht hatten. Danach haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wie wir dieses Konzept mehr in unsere Richtung lenken können.

Motorpsycho - "Hyena" (Live)

motor.de: Es gab Stimmen, die behaupteten, ihr wärt seinerzeit "unglücklich" mit dem Ergebnis gewesen. Stimmt das?

Hans: Nein, unglücklich ist sicherlich das falsche Wort. Wir haben nur einfach ziemlich schnell gemerkt, dass man das Projekt eventuell noch mehr auf die Band zugeschnitten präsentieren könnte. Mit dem vorhandenen Material und der Zusammenarbeit mit Stole haben sich unglaublich viele Möglichkeiten ergeben, die wir einfach nicht übergehen wollten. Letztlich haben wir nur versucht, das komplette Paket zu maximieren, was für alle Beteiligten eine immense Herausforderung war.

motor.de: Das kann ich mir gut vorstellen. Kannst du uns ein bisschen in den Entstehungsprozess einweihen?

Hans: In der Regel haben wir als Band zunächst das Fundament geliefert und es Ståle zukommen lassen. Er hat dann Arrangements hinzugefügt und versucht, unsere Basis in seine Vorstellungen einzubinden. Dem Ergebnis mussten dann die passenden Gesangslinien zugefügt werden, was unheimlich spannend, aufreibend und teils auch anstrengend war. Aber es hat sich gelohnt und war eine Erfahrung, die keiner in der Band je missen will.

motor.de: Würdest du sagen "The Death Defying Unicorn" präsentiert den ultimativen Crossover von Jazz und Rock?

Hans: Das ist schwer zu sagen. Ich entdecke definitiv immer wieder Stellen auf dem Album, die ich so vergleichbar woanders noch nie gehört habe. Und ich habe, weiß Gott, viel Musik gehört in meinem Leben (lacht). Aber ich bin auch kein Freund von musikalischer Definition oder Kategorisierung. Das sollen andere entscheiden. Wir sind eine Band, die ständig auf der Suche nach Entwicklung ist. Zu wachsen und Neues zu entdecken und auszuprobieren ist die Quelle unseres Antriebs.

Motorpsycho - "Lighthouse Girl"


motor.de: Die einzige Konstante im Universum von Motorpsycho ist die Zusammenarbeit zwischen dir und Bent. Inwieweit entdeckt man nach über zwanzig Jahren noch Neues am Anderen?

Hans: Bent ist ein sehr spontaner Mensch. Vor allem musikalisch wird man jeden Tag wieder aufs Neue von ihm überrascht. Da kommt nie Langeweile auf. Kenneth ist aus demselben Holz geschnitzt. Es ist immer wieder aufregend und herausfordernd mit solchen Menschen zu arbeiten. Das macht auch den Reiz aus, wenn du nie weißt, was als nächstes passieren wird. Vor allem wenn wir Live spielen.

motor.de: Das wird demnächst wieder im großen Rahmen passieren. Was dürfen die Fans von der bevorstehenden Tour erwarten?

Hans: Wir werden definitiv das komplette Album präsentieren.

motor.de: Mit Orchester?

Hans: Eher unwahrscheinlich. Auf jeden Fall wird Ståle mit von der Partie sein. Ein ganzes Orchester mit auf Tour zu nehmen, sprengt einfach den finanziellen Rahmen. Aber Ståle ist ein begnadeter Keyboarder und sehr talentiert, wenn es darum geht zu improvisieren. Es wird alles zu hören sein, was auf dem Album ist. Das kann ich versprechen.

motor.de: Nimmt man die letzten Jahre als Maßstab, könnte man meinen, ihr hättet vielleicht schon weiteres neues Material in der Hinterhand, um den eingeschlagenen Veröffentlichungs-Rhythmus nicht zu gefährden. Ist dem so?

Hans: (lacht) Nun, es gibt tatsächlich schon Einiges, was nur darauf wartet, finalisiert zu werden. Bei uns gibt es zurzeit keinen Stillstand. Aber wir werden sehen. Jetzt steht erst einmal die Tour vor der Tür, auf die wir uns total freuen.


Kai Butterweck


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