NY Muscle

Alben von Hell

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"Die ersten Tage eines Europäers in Amerika seien ja einer Geburt vergleichbar. Er selbst habe Neuankömmlinge gekannt, die zum Beispiel tagelang auf ihrem Balkon gestanden und wie verlorene Schafe auf die Straße hinuntergesehen hätten. Diese einsame Untätigkeit könne einem Vergnügungsreisenden gestattet werden, für einen, der hierbleiben wird, sei sie ein Verderben."

Diese Zeilen finden sich in Franz Kafkas Romanfragment "Amerika". Kafka selbst hat den amerikanischen Kontinent nie betreten und vielleicht gerade deswegen einen Text geschaffen, der in einer Mischung von Erzählungen aus zweiter Hand und eigener Vorstellungskraft das Leben in New York zwingend und spannend portraitiert.

DJ HELL war in New York. Mehrfach wahrscheinlich, aber ganz konzentriert von Oktober 2002 bis April 2003, um dort sein neues Album "N.Y. Muscle" aufzunehmen. HELL hat sich mitreissen lassen, von einer Stadt, deren Pulsfrequenz um ein Vielfaches über der europäischen liegt.

Arbeitsmoral, Stärke, Inspiration, das sind die Spuren, die New York auf der LP hinterlassen hat. Die Musik dagegen erscheint im positivsten Sinne kafkaesk: "N.Y. Muscle" wirkt wie ein Blick durch eine surreale europäische Brille auf ein fremdes Land. Da erscheint es nur allzu passend, dass auf dem ersten Track, der Singleauskopplung "Keep on Waiting", mit Erlend Oye ein fellow European gefeaturet wird. Der Norweger mit der melancholischen Stimme setzt einen Konterpunkt zum harten, elektronischen Gerüst mit spartanischen Melodien. Das zugehörige Video signalisiert dagegen New York pur. Larry Tee's glamouröser Luxx Club ist das Setting, P. Diddy und Princess Superstar wirken genauso mit wie ein unglaublicher Cast an Supermodels, allesamt von Donatella Versace ausgestattet.

"Listen to the Hiss" und "Meet The Heat", zwei Stücke, die in Zusammenarbeit mit der Proto Punk Legende Alan Vega (Suicide) entstanden, prägen ein ganz anderes Bild. Eine Stadt ohne Rudy Giuliani, ein Gotham City in tiefer Nacht ensteht. Sägezahn Bässe, treibende, schmutzige Drums liegen in atmosphärischen Schichten übereinander.

Die verzweifelte Dunkelheit findet ihren Höhepunkt in "Let No Man Jack": Mit frühem, rotzigen Techno verabschiedet sich Hell vom allgegenwärtigen Achtziger Revival, zeigt, wie weit da draussen er wirklich steht. Eine Stimme schreit. So klingt intensiv.

"The Ambient Song" und vor allen Dingen "I Regret" lösen die entstandene Spannung zumindest zeitweise. Vor allen Dingen die wunderbare Billy Ray Martin, die dem fluiden Instrumental von "I Regret" ihre Stimme leiht, begeistert in einem Song von tiefer, schöner Traurigkeit.

Aber HELL wäre nicht einer der weltweit erfolgreichsten Techno Djs, wenn er nicht sofort wieder den Club suchen würde. "Control" macht auf jeder Tanzfläche seinem Namen Ehre, pumpt, schiebt und rockt nach eigenem Gutdünken bis zur schweissnassen Erschöpfung. Mit dem energischen "Wired" führt Hell "N.Y. Muscle" seinem Ende entgegen, bevor in einem letzten "Phone Call" ein hektisches Schieben von Studioterminen erläutert wird, bis die Stimmen in der Verfremdung verhallen.

Noch einmal Franz Kafka: "Auf Mitleid durfte man hier nicht hoffen. Nur die Glücklichen schienen hier ihr Glück zwischen den unbekümmerten Gesichtern ihrer Umgebung wahrhaft zu genießen."
HELL braucht kein Mitleid. Er hat sich New York zu eigen gemacht und ein spannendes, dichtes Porträt der Stadt im Albumformat produziert. DJ HELL gehört zu den Glücklichen.

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