Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards

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Nur ein Mal lehnt sich der alte Mann ganz schön weit aus dem Fenster: Als er im Kleingedruckten der CD-Hülle ausführt, dass der Prophet Mohammed Epileptiker und seine Visionen das Resultat eines „kranken Geistes“ gewesen seien. Da sind schon Leute für weniger auf den Abschusslisten der Bekloppten gelandet. Leider ist das die mutigste Aktion von Thomas Alan Waits auf seinem neuesten Opus „Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards“.
Drei Jahren Vorbereitungszeit hat es zur Fertigstellung gebraucht, herausgekommen ist ein großes Panoptikum von Waits rumpeligem Klangkosmos. So weit so gut, damit hat es sich aber leider auch.

Zwar zeigen die von einem 94-seitigen Hardcoverbuch begleiteten 30 unveröffentlichten und 26 bis dato nur auf Kompilationen und Filmscores zu hörenden Tracks Waits durchaus wach, doch findet sich auf den thematisch geordneten CDs kein einziger, der nicht seinen Gegenpart im inzwischen auch schon 33 Jahre währenden Schaffen des New Yorkers hat. Seien es die Gossenstampfer und der Krawall-Blues auf „Brawlers“, die Säuferballaden und Folksongs auf „Bawlers“ oder die experimentelleren Stücke und Spoken-Word-Vorträge auf „Bastards.

Ist das zu Bekritteln? Ist nicht gerade das Sinn und Zweck einer Werkschau? Vielleicht ja und vielleicht wäre das auch gar nicht so tragisch, wäre da nicht der geäußerte Anspruch, dass „Orphans“ ausdrücklich die „Vergangenheit mit der Zukunft paaren“ sollte. Mit Zukunft ist es hier allerdings nicht weit her, wie eine andere Aussage über das Album deutlich macht. Es sollte klingen wie das „Auslehren der Taschen nach eine Nacht voll Glücksspiel, Einbruch und Kühe umschmeißen“, so Waits. Und das tut es, bravourös, fraglos. Nur: das tat auch schon so ziemlich jedes von Waits Alben seit „Small Change“ von 1977.

Der Fangemeinde wird’s egal sein. Wer nicht mehr will als das, was er schon kennt, und nur einen neuen Beweis braucht, das Tom Waits sein ureigenes Fach meisterhaft beherrscht, wird hier seine helle Freude haben und unter den Songs wahrscheinlich sogar recht interessante Dinge entdecken. Die Coverversionen von Stücken der Ramones, Kurt Weill & Brecht und Daniel Johnston zum Beispiel oder die ungewöhnlich deutlichen Worte zum Nahostkonflikt in „Road to Peace“. Insgesamt aber bleibt „Orphans“ – außer für die Leute, die zum Beatles Komplettwerk auch noch die „Anthology“ kaufen mussten, um ruhig schlafen zu können – trotz aller Opulenz verzichtbar.
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