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PeterLicht
PeterLicht: Das Ende der Beschwerde

(Foto: Christian Knieps)
Jetzt ist es also eingeläutet, "Das Ende der Beschwerde". Dies mit dem fünften Album der semi-fiktiven Tausendsassa-Persona PeterLicht. Zum ersten Male ins Auge fiel der hinter dem Pseudonym stehende Musiker und Autor im Jahre 2000, als, noch unter dem Namen Meinrad Jungblut, die EP "6 Lieder" erschien. Bereits auf dieser war sein großes Talent das scheinbar Unversöhnliche in Einklang zu bringen, nämlich wonnevoll verträumten Pop mit subtilen – und beizeiten nicht unbedingt handzahmen – Texten. Schon damals ließ er eine eigentümliche Form von Gesellschaftsbeobachtung und -kritik hören, wenn auch mit schelmisch zwinkerndem Auge. Das Eigentümliche: PeterLicht ist stets Bestandteil dieser thematisierten Gesellschaft, nie ertönt ein Wettern oder Protestieren von einem diffusen Außen, er ist nicht auktorialer Erzähler dieser Geschichten, er hält der Gesellschaft keinen Spiegel vor, er ist selber Spiegelbild. Das ist natürlich auch ein möglicher Grund, warum sich der Künstler nicht abgelichtet wissen will, weil mit der klaren Fixierung einer Person, einem faulen Biographismus Tür und Tor geöffnet wären und seine Erzeugnisse in ihrem eigenständigen Wirken einen wesentlich schwierigeren Posten hätten.
Peter Licht – "Neue Idee"
So zeichnet sich in "Das Ende der Beschwerde" auch ein innerer Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit zu einem großen Ganzen und dem Streben nach Erhalt der eigenen Individualität ab. So heißt es im Titeltrack: "Gesellschaft ist toll, wenn all die Leute nicht wären." Als Vorab-Impression wurde das – nach Aussage des Songschreibers – Liebeslied "Neue Idee" präsentiert, das zunächst einmal durch seine klare Pop-Struktur, bei der tatsächlichen ersten Bemusterung der ganzen Platte wie ein Köder auf die falsche Fährte wirkt. Der erste Track "Sag Mir, Wo Ich Beginnen Soll" tönt so gar nicht popkonform, mit bedrohlich knurrender Streicher-Untermalung, den hektischen Amoklauf übenden Drums und PeterLichts schrägen Spoken Word-Ausführungen, unter anderem der Erklärung "Wir singen das Lied […] und es singt sich von selbst / Es ist das Lied der Vielen, der Sehr-Vielen / Es ist wirr und entgegengesetzt / Es ist Alles-Jeden-Lied / Es ist das Lied des Schwarms und ich bin ein Teil des Schwarms / Und ich hab' kein Gesicht / Und du bist ein Teil des Schwarms / Und du hast unendlich viele."
Der Song ist ein rasanter Ritt auf der Assoziations-Achterbahn und erinnert in seiner Trippigkeit schon beinahe an einen Jam mit Jim Morrison. Doch es bleibt bei diesem einen Ausflug in die Gefilde des akustisch Verqueren, mit "Wir sollten Uns Halten" wird es schon wieder klanglich geschmeidiger und der Herr nutzt auch wieder seine Seidenzunge: "In einem parallelen Universum, wo die Komaleute laufen oder liegen / Diese Nacht sollten wir bleiben, diese Nacht im Komaland." Dies mit einem wohligen Einlullungseffekt, der die Aussage des Liedes noch wunderbar untermauert. Ein gänzlich dem cleanen Pop verschriebenes Album ist ja stets ein etwas heikles Unterfangen, so es denn auch noch etwas damit zu sagen gilt; ist ein beständiger Balance-Akt zwischen Gefälligkeit und Banalität, zwischen empathischem Mitreißen und in tumben Rausch Versetzen. Auf dieser Platte gelingt es PeterLicht – einmal mehr – mit Bravour, besonders wenn man bedenkt, dass auch hinter jeder Ecke musikalische Eintönigkeit lauern könnte. Doch wie sagte er im motor.de-Interview: "Manchmal kann man ja auch zu viel gute Laune nicht vertragen, zu viel Albernheit. Und manchmal kann man ja zu viel Ernsthaftigkeit nicht vertragen oder zuviel Melancholie."
PeterLicht – "Wir / Was / Wir / Wolln"
Es ließe sich auch derart formulieren, dass es für jede Stimmung einen passenden Sinneseindruck gibt. "Das Ende der Beschwerde" deckt aus diesem Spektrum herrlich abwechslungsreich ebenfalls einiges ab. "Begrabt mein iPhone® an der Biegung des Flusses" – wahrscheinlich eine Anlehnung an den Roman "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses" von Dee Brown – ist trotz aller bissigen Kritik ("Ich wüsste niemanden, der sich selbst gehörte") ein kraftvoller Selbstläufer mit tatsächlichem Pop-Hymnen-Potential. "Meine alten Schuhe (Große Sonne verbrennt ganzes Geld)" groovt sich gutgelaunt seines Weges, das "Fluchtstück" klingt genau nach dem, was der Titel impliziert und "Schüttel den Barmann" überzeugt durch laszive Melancholie. Besondere Aufmerksamkeit sollte mit Sicherheit noch dem einfach luftig schönen Song "Wir / Was / Wir / Wollen" gezollt werden, das nicht allein musikalisch in Richtung hippie'esker Ästhetik der Sehnsucht schielt.
Kurt Tucholsky hat vor fast einem Jahrhundert in fast zynischer Manier "Das Lied vom Kompromiss" geschrieben: "Schließen wir 'nen kleinen Kompromiss / Davon hat man keine Kümmerniss / Einerseits … und Andrerseits / So ein Ding hat manchen Reiz." PeterLicht geht heute noch immer in seiner Musik keinen ein, er betreibt nach wie vor ein verschmitzt-ironisches Spiel und zeigt, dass es geht: Glatter Pop als Vehikel für wunderbar kantige Texte. Mehr noch, er zeigt mit "Das Ende der Beschwerde" erneut auf, dass eine ganz famose Symbiose der beiden möglich ist. Großartig: Eine Gruppe von debattierenden Kulturkritikern auf beschaulicher Landpartie.
Stephan Sauer
VÖ: 28.10.2011
Label: Motor Music/ Edel
Tracklist:
01. Sag mir, wo ich beginnen soll
02. Wir sollten uns halten
03. Begrabt mein iPhone ® an der Biegung des Flusses
04. Steigen / Fallen
05. Neue Idee
06. Meine alten Schuhe (Große Sonne verbrennt ganzes Geld)
07. Das Ende der Beschwerde / Du musst dein Leben ändern
08. Fluchtstück
09. Schüttel den Barmann!
10. Wir / Was / Wir / Wolln
11. Wort von den Worten an den Wänden
12. Der neue Mensch
was istn das für ne scheiße
so dadaistüsch ist dem gar nicht; klärt eher den logischen fehlschluss in der philosophey ("post hoc, ergo propter hoc"), nachdem, nur weil bis jetzt immer ein neuer tag angebrochen ist, dies in der konsequenz auch morgen geschehen müsse :D. außer wirklich betörenden klängen steckt hier mal wieder arg viel hinter dem ganzen. aber eine derartige betrachtung - auch in hinblick einer auflösung des 'principium individuationis' nach nietzsche [hahahahahaha] - interessiert doch kein sTaChElScHwEiN ;).
famose einschätzung herr sauer! chapeau. ich möchte anfügen, dass wohl seit blumfeld niemand mehr so dadaistisch-kritisch-wortgewandt vor sich hin philosophierte wie herr licht im angesprochenenen opener. in diesem sinne: "der tag beginnt! das ist viel. er könnt' es auch nicht tun."






haha. irgendwie ist das wunderbare an diesem stück musik, dass der letzte kommentar stimmt. und trotzdem...ist es wunderbar. "ich wüsste niemanden der sich selbst gehörte."
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