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Portico Quartet
Portico Quartet : Portico Quartet
Der rudimentäre Schritt weg von den Wurzeln, oder: Die grazile Brücke zwischen Gestern und Heute. Das Portico Quartet kennt keine Stagnation und fusioniert Jazz mit elektroakustischem Temperament.
(Foto: Jamie Leith, Real World Records)
Während hierzulande über Jazz und seine Bedingungen diskutiert und vor allen Dingen lamentiert wird, konzentriert man sich anderswo schlichtweg auf die Essenz: die Musik. Da darf es nicht überraschen, dass sich einige der interessantesten Neuentdeckungen des Genres nicht im In-, sondern im Ausland ausbreiten. Beinahe fünf Jahre ist es nun her, da veröffentlichte das englische Portico Quartet mit "Knee-Deep In The North Sea" ein Debütalbum, das nicht nur für den Mercury Prize nominiert war, wenig später stieß gar John Leckie auf das Kollektiv, sodass der Produzent von Radiohead, Muse oder My Morning Jacket den Klangraum für ihren Nachfolger "Isla" erarbeitete. Dass Peter Gabriel die vier aus London und Southampton auf sein Label Real World holte, geriet zur Randnotiz. Vielmehr stürzte sich das Feuilleton auf ein Instrument, das dem Quartett als Initialzündung diente: das Hang.
Zwei aus Stahlblech übereinander gelegte Halbkugeln formen das Wok-ähnliche Gerät, das aufgrund seiner Tonfarbe mit der Steel-Drum verwandt sein könnte. Das UFO-Instrument verlieh ihrer Musik eine melodische Perkussivität, die jedoch keineswegs Hula-Hula-Assoziationen weckt. Für ihr drittes Album "Portico Quartet" tauschte das kleine Ensemble nun nicht nur ihren Hang-Chef aus, gar tritt das Exotikum merklich in den Hintergrund. Die Ursache: Die legitimen Nachfolger des Esbjörn Svensson Trios vollziehen den logischen, wenn auch rudimentären Schritt weg vom Jazz.
Portico Quartet – "Ruins"
Schon mit der Eröffnung "Window Seat" sprechen sich die vier für einen experimentellen und frei formulierenden Gestus aus. Mit ambient'esker Besonnenheit geht die seichte Melodie des Openers in "Ruins" über, das sich mit Fug und Recht Post-Jazz schimpfen darf. Hier, wie auch bei ihren Live-Aufritten, integrieren sie Samples, Loops und digitale Drum-Kits. Was die einen als zeitgenössisches Muss feiern, diffamiert die Gegenseite als unschickliche Abkehr ihrer Wurzeln. Der elektronische Anstrich ist dabei keineswegs Aufgabe, sondern die zu selten zu Ende gebaute Brücke zwischen Heute und Gestern. Während das Saxophon Wehleidigkeit mit empfindsamem Selbstbewusstsein verbindet, ist es die Liason zwischen dem gesampleten Hang und akustischer sowie digitaler Rhythmik, die das Element Moderne mit offenen Armen empfängt.
Obzwar die Öffnung im Duktus der Band einen etwas unheilvollen Unterton mit sich bringt, beweisen die ehemaligen Straßenmusiker indes ihr schöpferisches Talent. So entsteht aus "City Of Glass" ein Beinahe-Dancetrack, aus "Lacker Boo" ein neo-klassischer Zappelphilipp mit hypnotischem Electronica-Überschuss. Bisweilen verschleiert das Quartett ihre eigene Evolution, kokettieren die zehn live aufgenommenen Stücke doch mit Jazz, sind aber in Wirklichkeit viel mehr. So überrascht es auch nicht, dass obendrein ein Novum wartet: mit der jungen Schwedin Cornelia, kennengelernt über ihren gemeinsamen Freund Jamie Woon, probiert sich die Instrumentalband erstmals an verbalisierter Narration.
Portico Quartet – "Portico Quartet" (Album-Promo)
"Steepless" steht sicherlich am nachweislichsten für die Wandlungsfähigkeit der Briten. Stagnation fehlt in ihrem Vokabular, "Portico Quartet" schwingt sich somit zur logischen Genese einer Band auf, die sich nicht etwa auf das zeitgeistige Glatteis begibt. Ihr Drang zur vermengenden Fusion ist noch immer das A und O. Die eigene Klangarchitektur ist eben nicht in Stein gemeißelt – ein Credo, an dem sich Kollegen des verstaubten Genres durchaus ein Vorbild nehmen dürfen.
Sebastian Weiß
VÖ: 27.01.2012
Label: Real Word / Indigo
Tracklist:
01. Window Seat
02. Ruins
03. Spinner
04. Rubidium
05. Export to Hot Climes
06. Laker Boo
07. Steepless
08. 4096 Colours
09. City of Glass
10. Trace
(Foto: Jamie Leith, Real World Records)
Während hierzulande über Jazz und seine Bedingungen diskutiert und vor allen Dingen lamentiert wird, konzentriert man sich anderswo schlichtweg auf die Essenz: die Musik. Da darf es nicht überraschen, dass sich einige der interessantesten Neuentdeckungen des Genres nicht im In-, sondern im Ausland ausbreiten. Beinahe fünf Jahre ist es nun her, da veröffentlichte das englische Portico Quartet mit "Knee-Deep In The North Sea" ein Debütalbum, das nicht nur für den Mercury Prize nominiert war, wenig später stieß gar John Leckie auf das Kollektiv, sodass der Produzent von Radiohead, Muse oder My Morning Jacket den Klangraum für ihren Nachfolger "Isla" erarbeitete. Dass Peter Gabriel die vier aus London und Southampton auf sein Label Real World holte, geriet zur Randnotiz. Vielmehr stürzte sich das Feuilleton auf ein Instrument, das dem Quartett als Initialzündung diente: das Hang.
Zwei aus Stahlblech übereinander gelegte Halbkugeln formen das Wok-ähnliche Gerät, das aufgrund seiner Tonfarbe mit der Steel-Drum verwandt sein könnte. Das UFO-Instrument verlieh ihrer Musik eine melodische Perkussivität, die jedoch keineswegs Hula-Hula-Assoziationen weckt. Für ihr drittes Album "Portico Quartet" tauschte das kleine Ensemble nun nicht nur ihren Hang-Chef aus, gar tritt das Exotikum merklich in den Hintergrund. Die Ursache: Die legitimen Nachfolger des Esbjörn Svensson Trios vollziehen den logischen, wenn auch rudimentären Schritt weg vom Jazz.
Portico Quartet – "Ruins"
Schon mit der Eröffnung "Window Seat" sprechen sich die vier für einen experimentellen und frei formulierenden Gestus aus. Mit ambient'esker Besonnenheit geht die seichte Melodie des Openers in "Ruins" über, das sich mit Fug und Recht Post-Jazz schimpfen darf. Hier, wie auch bei ihren Live-Aufritten, integrieren sie Samples, Loops und digitale Drum-Kits. Was die einen als zeitgenössisches Muss feiern, diffamiert die Gegenseite als unschickliche Abkehr ihrer Wurzeln. Der elektronische Anstrich ist dabei keineswegs Aufgabe, sondern die zu selten zu Ende gebaute Brücke zwischen Heute und Gestern. Während das Saxophon Wehleidigkeit mit empfindsamem Selbstbewusstsein verbindet, ist es die Liason zwischen dem gesampleten Hang und akustischer sowie digitaler Rhythmik, die das Element Moderne mit offenen Armen empfängt.
Obzwar die Öffnung im Duktus der Band einen etwas unheilvollen Unterton mit sich bringt, beweisen die ehemaligen Straßenmusiker indes ihr schöpferisches Talent. So entsteht aus "City Of Glass" ein Beinahe-Dancetrack, aus "Lacker Boo" ein neo-klassischer Zappelphilipp mit hypnotischem Electronica-Überschuss. Bisweilen verschleiert das Quartett ihre eigene Evolution, kokettieren die zehn live aufgenommenen Stücke doch mit Jazz, sind aber in Wirklichkeit viel mehr. So überrascht es auch nicht, dass obendrein ein Novum wartet: mit der jungen Schwedin Cornelia, kennengelernt über ihren gemeinsamen Freund Jamie Woon, probiert sich die Instrumentalband erstmals an verbalisierter Narration.
Portico Quartet – "Portico Quartet" (Album-Promo)
"Steepless" steht sicherlich am nachweislichsten für die Wandlungsfähigkeit der Briten. Stagnation fehlt in ihrem Vokabular, "Portico Quartet" schwingt sich somit zur logischen Genese einer Band auf, die sich nicht etwa auf das zeitgeistige Glatteis begibt. Ihr Drang zur vermengenden Fusion ist noch immer das A und O. Die eigene Klangarchitektur ist eben nicht in Stein gemeißelt – ein Credo, an dem sich Kollegen des verstaubten Genres durchaus ein Vorbild nehmen dürfen.
Sebastian Weiß
VÖ: 27.01.2012
Label: Real Word / Indigo
Tracklist:
01. Window Seat
02. Ruins
03. Spinner
04. Rubidium
05. Export to Hot Climes
06. Laker Boo
07. Steepless
08. 4096 Colours
09. City of Glass
10. Trace
Links
Paul
vor 120d 16h
Fahrt ihr jetzt die große Jazz-Schiene? Nach dem Aufruf hier der nächste Artikel, mir solls ja recht sein. Der Text ist übrigens richtig toll geschrieben. Muss ich mal geben.





hm, mag niemand? fratzenbuch-affinität nicht gegeben? unverständlich. Sehr gutes album und wunderprächtige worte dafür.
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