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El Camino

Alben von The Black Keys

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Progression vs. Regress: Mit "El Camino" schlagen The Black Keys klanglich eine neue Richtung ein und stoßen vielen Fans vor den Kopf. Beschrieener Kommerz oder immanenter Wille zur Evolution?
(Foto: Danny Clinch)

Zwei Feingeister im goldenen Käfig: Dem Burnout nahe, zogen Dan Auerbach und Patrick Carney im vergangenen Jahr die Reißleine. Mit dem jähen Erfolg ihres sechsten Albums "Brothers" waren die Black Keys unversehens in das Mühlwerk einer Industrie geraten, die ihnen gänzlich fremd war und das Genick zu brechen drohte. Über Nacht waren sie in einer Parallelwelt aus Promoterminen, Grammyverleihungen und Saturday Night Live-Übertragungen gelandet. Der bärtige Blues-Musiker in Jeans und T-Shirt wich zusehends einer paralysierten Marionette in Anzug und polierten Schuhen. Nachdem man sie ein Jahr lang hin- und hergereicht und der letzten Kraftreserven beraubt hatte, standen die Black Keys schließlich kurz vorm psychischen Kollaps. Mit "El Camino" folgt nun die Katharsis.

The Black Keys – "Little Black Submarines"

Eines muss man voranstellen: es bedarf schon allerhand Courage, nach einem kommerziell großen Wurf wie "Brothers", dem ausgemachten Erfolgsrezept derart kaltschnäuzig und entschlossen den Rücken zu kehren. Musikalische Fortentwicklung war jedoch seit jeher ein essentieller Bestandteil des Black Keys'schen Selbstverständnisses, dem man bereits seit "Rubber Factory" sukzessive folgen konnte und der mit dem letzten Album seinen vorläufigen Kulminationspunkt in einer Reanimierung des 60er-Jahre Souls fand. "El Camino" ist nun eine Art Quantensprung im physikalischen Sinne, denn vom ursprünglichen Klangaggregat der Black Keys sind lediglich Rudimente geblieben. Das warme Fluidum in dem sich "Brothers" bewegte, ist einem kargen und harten Gewand gewichen, das sich als Hybrid aus Punk und Northern Soul entpuppt.

The Black Keys – "Gold On The Ceiling"

Spröde, kühl und von Makeln behaftet klingt das, doch genau dieser funktionale Purismus lässt vor allem eines erkennen: es ist ein äußerst emotionales Album, dem jede Menge Wut und Verzweiflung innewohnt. Beinahe exemplarisch dafür steht "Little Black Submarines", dessen spärlich instrumentierte Einleitung einen verwundbaren Dan Auerbach zeigt, der reuevoll "I should have seen it glow / but everybody knows / that a broken heart is blind" singt. Den entsprechenden Gegenpol bildet die zweite Hälfte des Songs, die – eingeleitet von furiosem Schlagzeugeinsatz – mit kreischendem Gitarrensolo fast ekstatische Züge annimmt und wie der erlösende Rundumschlag wirkt. Diese latente Mischung aus Melancholie und Jähzorn durchzieht die Platte wie ein roter Faden, verbirgt sich allerdings hinter einer Black Keys-typisch eingängigen Fassade.

Erst nachdem mit "Hell Of A Season" eine Art retardierendes Moment vorübergezogen ist, lichtet sich der graue Schleier und leitet mit "Stop Stop" ein mehr oder minder versöhnliches Ende ein. Generell integrieren sich die Titel in einen dramaturgisch gut durchdachten Spannungsbogen, der mit dem abschließenden "Mind Eraser" eine Punktlandung vollzieht. Analog dazu hat sich der Titelfokus bisheriger Alben ein Stück weit zu Gunsten eines umfassenderen Album-Konzepts gewandelt.

(Foto: Danny Clinch)

An "El Camino" werden sich zweifelsohne die Geister scheiden, ist es doch eine gänzlich neue Inkarnation der Black Keys, deren klangliche Schnittmengen mit vergangenen Platten gen null tendieren. Dennoch oder gerade deshalb ist es das bisher dringlichste Black Keys-Album, was einen obschon der kreativen Aufgeschlossenheit eines Dan Auerbach erkennen lässt: es ist das Prinzip einer – in kreativer Hinsicht – omnidirektionalen Denkart, das "El Camino" zu einer logischen Konsequenz der bisherigen Entwicklung macht.

Robert Henschel

»Hier gehts zum motor.de-Interview.

VÖ: 02.12.

Label: Nonesuch

Tracklist:

01. Lonely Boy
02. Dead And Gone
03. Gold On The Ceiling
04. Little Black Submarines
05. Money Maker
06. Run Right Back
07. Sister
08. Hell Of A Season
09. Stop Stop
10. Nova Baby
11. Mind Eraser


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robert.henschel
robert.henschel vor 78d 3h 

Da kommt an dieser Stelle kein Kontra, weil ich deine Argumente ganz genauso verstehen und nachvollziehen kann. Das sind eben die harten Fakten, an denen sich die Hörerschaft zu Recht spaltet.

Eins noch zu Chulahoma: wenn du da Led Zeppelin hörst, dann weil Led Zeppelin geklaut haben. Von Junior Kimbrough nämlich, der die Songs ursprünglich verfasst hat. Und bei Led Zeppelin, allem berechtigten Ruhm zum trotz, findet sich da schon die ein oder andere deutliche Parallele zu Blues-Klassikern, was sich auch letztens erst in der Willie-Dixon-Debatte widergespiegelt hat. Das hat sie für mich ein bisschen unsympathisch gemacht. Andererseits, wer zweitverwertet heute schon nicht?

Wo war ich? Ach ja, Black Keys. Abschluss Patrick: "The worst thing that can happen is for you to think that you're
Led Zeppelin, but it turns out you're Loverboy."

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sebastian.weiss
sebastian.weiss vor 78d 3h 

Dem überschwänglichen Lob hier zum Trotz noch ein paar ergänzende Trivialitäten: Nach den ersten zwei Hördurchgängen war das Album zwar keine komplette Enttäuschung, doch für mich stellt sich die Klasse des Albums immer noch nicht so richtig ein. Klar: ein tolles Album, hey…es sind die Black Keys. Außerdem ist auch der Einfluss von Danger Mouse abermals zu hören, etwa beim problemlosen Spagat zwischen Noise-Pop und Soul-infiziertem Rock – das ist in der Tat groß.

Irgendwie ist das Name-Dopping zwar öde, kann aber hin und wieder erklären und soll hier auch dazu dienen, die für mich fehlende Größe der LP zu dokumentieren: Denn man muss schon Schmalz in den Ohren haben, um bei "Little Black Submarines" die mehr als offensichtliche Hommage(?) an Led Zeppelin zu überhören (übrigens nicht das erste Mal, denkt man die – zugegebenermaßen erst kürzlich wiederentdeckte – Chulahoma EP). Darüber hinaus finde ich den Beinahe-Ausfall der Platte (wäre da nicht ein kleines zwischengeschobenes Solo) "Sister" arg Kiss-ig. Da geht mehr.

Die meistens Songs sind – das kann man nicht abstreiten und soll auch in keinster Weise normativ sein – einfach funktionierende Pop-Songs. Zuletzt ein Zitat von Dan Auerbach, mit der man die Platte auch auf den Punkt bringen will, wenn man denn will: "Wir wollen, dass unsere Platten richtig Scheiße klingen. Aber das bitte gut" – irgendwie gelungen.

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