In The Grace Of Your Love

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Weniger Punk, mehr Pop – auf "In The Grace Of Your Love" bedienen The Rapture alte Stärken mit neuen Inhalten.

Ende der Neunziger stolperten vier Musiker auf die Bühnen New Yorks und standen unversehens als Pioniere des Dance-Punks da. Disco wurde bühnentauglich, Clubsounds rockfähig und zur Live-Tanzmusik. Wer jedoch die Band des '99er Debüts "Mirror" oder des 2003er Meilensteins "Echoes" auf ihrem neuen Album "In The Grace Of Your Love" anzutreffen erwartet, der dürfte sich ein wenig wundern. Fünf Jahre sind vergangen, seitdem ihr zweites Studiowerk "Pieces Of The People We Love" erschien. In einer halben Dekade hat sich im Kosmos The Rapture doch einiges getan. So schrumpfte die Gruppe 2009 mit dem Ausstieg von Bassist Matt Safer zum Trio und auch sonst haben sie so manches hinter sich gelassen. Dieselben Herren, die Anfang des Millenniums mit ihrer explosiven Mischung den Post-Punk in seinen elektronischen Facetten mitprägten, zeigen sich im dritten Anlauf jenseits von Krach und Unbeholfenheit mit verschiedenen neuen Ideen und der Konsens heißt Pop.

In den letzen Jahren konnten Modebeobachter eine seltsame Entwicklung verfolgen: Die Schickeria begann nach und nach, kunstvoll zerschlissene und gebleichte Kleidung zu tragen, während die linksautonome Szene sich auf einmal auch in Hemden und Krawatten zum Irokesen zeigte. Es scheint, als hätten The Rapture diesen Werdegang musikalisch nachvollzogen. Die Einflüsse sind zwar viel weniger deutlich hörbar, fort ist der Punk jedoch nicht: Auf "In The Grace Of Your Love" erscheint er eher als Attitüde. Nur durch jene rebellisch-aufmüpfige Ironie, die das Trio trotz aller Popentwicklung aufzeigt, entsteht nicht der Eindruck von Kitsch und Tränendrüse. So klingt selbst die mit bisweilen nöliger Stimme vorgetragene Liebes-Thematik im Piano-beladenen House-Track "How Deep Is Your Love" nicht übertrieben: "All the love that you've given me / It helps me see what's right". Auf altbekannte LoFi-Sounds und verzerrten Gitarrenkrawall wird hingegen weitestgehend verzichtet und selbst Luke Jenner klingt als hätte er mittlerweile so gut singen gelernt, dass er weiß, wie er absichtlich neben den Ton treffen kann.

The Rapture - "In The Grace Of Your Love" (Albumstream)


Die Nummer Vier ihrer Diskographie ist wahrlich eine Hymnensammlung, vollgepackt mit zischelnden Off-Hi-Hat-Pulsen, dem wohl typischen Merkmal des Genres Disco. In ihrer treibenden, höchst energetischen Beschaffenheit sind sie wie gehabt unbedingt tanzbar. In Songs wie "In The Grace Of Your Love" mit dem tänzelnden Bass und den Becken-Teppichen, sorgt ein etwas entschleunigtes Tempo für einen weicheren Groove und nimmt dem Album die Hektik. Selbst wenn Stücke wie "Come Back To Me" durchaus Rundfunk-Format besitzen, katapultieren sich The Rapture immer wieder aus der Bequemlichkeit der Gesetztheit: Nach dreiminütiger Radioeditions-Fassung folgt ein klarer Break und das Stück beginnt sich, über knarrenden Synthie-Sounds, selbst zu dekonstruieren, bis nur noch Gesang und klatschende Rhythmen übrig sind. 

Selbst glasklarer Pop, wie ihn "Children" bietet, besticht durch ein soundtechnisch aufgerautes, feinsinnig geschichtetes Fundament aus bisweilen fiependen und bratzigen Klangflächen, über dem sich die schönsten, griffigsten Melodien mit ungeheurer Wucht entladen. Mit "Blue Bird" finden sich dann doch noch verzerrte Powerchords, zu denen sich aus voller Kehle rufende und singende Chöre gesellen. Rhythmen sind verworren, Tempi variieren und Präzision nicht von Nöten. Außerdem wären da noch ganz andere Klänge zu verorten: Die Ballade "Roller Coaster", auf der das Album durch fehlenden Puls und collagenartige Rhythmen angenehm aus seinem metronomgleichen Takt gehoben wird, erinnert gesanglich an The Smiths und der ausklingende Schluss-Track "It Takes Time To Be A Man" trägt soulige Züge.

Man könnte sich jetzt an die Band-Historie klammern und dem Album, Schritte vom Kurs als Innovatoren des Dance-Punks vorwerfen. Wer es schafft davon abzusehen, der wird mit "In The Grace Of Your Love" ein Album entdecken, das in seiner Einfachheit durch geniales Songwriting besticht: Die harmonische Simplizität des Punks gepaart mit der Repetitivität des Disco, offen für vielseitige Einflüsse. Lässt man die neuen Kreationen einmal ein Stück abseits der Diskographie für sich stehen, so darf man sagen, dass The Rapture einmal mehr eine musikalische Renaissance gelungen ist. Und wenn man genau hinsieht, sind sie auch in gebügelten Hemden und maßgeschneidertem Blazer noch ganz sie selbst.

Tabea Köbler


: 02.09.2011

Label: Cooperative Music / Universal

Tracklist:

1. Sail Away
2. Miss You
3. Blue Bird
4. Come Back To Me
5. In The Grace Of Your Love
6. Never Die Again
7. Roller Coaster
8. Children
9. Can You Find A Way?
10. How Deep Is Your Love?
11. It Takes Time To Be A Man


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