Bad As Me

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Ernsthaft und selbstironisch, laut und zart, traditionsbewusst und unberechenbar – ein formidabel auftrumpfendes Album vom Altmeister des musikalischen Outlawtums.

Keine Zeit, es muss losgehen, schnell, schnell, schnell. "Chicago" ist ein fiebriger, kokainzittriger, Blues-getränkter, alptraumartiger Zeitraffer-Einstieg in dieses – das sei gleich festgestellt – verdammt großartige neue Album von Tom Waits, der hier nicht nur einfach zu formidabler Form aufläuft, sondern obendrein diese grandiose Verfassung auch noch um ein paar Ecken distanziert auf die Schippe nimmt – ohne den Zeigefinger zu benötigen oder sonst irgendwie bemüht zu wirken.

Tom Waits (not so) private (not so) listening party

Zerknittert sieht dieser inzwischen fast Mittsechziger aus, auf eine Art natürlich, die ihm gut zu Gesicht steht, quicklebendig und altersweise aber eben auch starrsinnig und bitterböse, wenn es denn sein soll. Und es soll oft sein. "Raised Right Men", gleich der zweite Song, liefert dann auch den Trotz, den Zorn und die rohe Energie, die einen umgehend an Birthday Party erinnert, die Band des jungen Nick Cave, und es fällt einem eigentlich erst jetzt wirklich auf, dass der frühe Cave und dieser späte Waits eine ganze Menge gemein haben in der Art, wie sie ihre Außenseiter-Faszination für und ihre Angewidertheit an dieser Welt herausrotzen. Ein grimmiger Neuzeit-Blues durchzieht "Bad As Me" als roter musikalischer Faden, unablässig taumelt das Album auf unberechenbare Art zwischen blutiger Ernsthaftigkeit und hinterfotziger Selbstironie.

Tom Waits ist ein Meister darin, eine selbstverständliche Erwartungshaltung seines Publikums zu bedienen. Er gibt souverän den trunkenen Dichter, den Gossenpoeten, den musikalischen Outlaw, für den ganz eigene melodische Regeln gelten, er spielt eine Vielzahl Rollen; seine eigenen Inkarnationen aus den letzten 40 Jahren sind das, auf ihre musikalisch-ästhetischen Knochen heruntergenagt, mal schräg-harmoniesuchend wie in "Pay Me", dann wieder diabolisch auftrumpfend wie im vorab schon sehr eindrucksvollen Titelsong mit all seiner unbarmherzig marschierenden und gleichzeitig rüde rumpelnden Rhythmik. "Bad As Me" ist vielleicht wirklich so etwas wie die Essenz dieses Albums mit seiner bestgelaunten "Bad ass me"-Attitude, das sich partout nicht auf eine "Waits-Phase" festnageln lässt.

Tom Waits – "Bad As Me"

Dazu gehört auch das unbarmherzige Hämmern von "Hell Broke Luce" mit seinen dräuenden – und im Waits-Kosmos doch verblüffend anmutenden – Metal-Gitarren, den Schnellfeuersalven, den selbst für Waits' Verhältnisse drastisch herausgebellten, geifernden Textfetzen. Als Abrechnung mit der US-Politik der letzten Jahre kann man das deuten, "What is next?", stellt er ans Ende, es ist eine hypothetische Frage, denn es ändert sich nie etwas, in den Staaten unter Bush oder Obama oder irgendwo sonst auf der Welt. Den Trost gibt es einen Song weiter, es ist der Schluss dieses Albums: "New Year's Eve" holt noch einmal die Jahrmarkts-Quetschkommode raus, den schräg-schönen Weill-Gestus der alten Tage, zu dem sich damals zu DDR-Endzeiten eine ganze Generation billigen Rotwein reinschüttete und diskutierte, bevor das System mirnichtsdirnichts zerfiel. Passt ja auch wieder, gerade heute.


Augsburg


VÖ: 21.10.2011

Label: Anti / Indigo

Tracklist:
1. Chicago
2. Raised Right Men
3. Talking At the Same Time
4. Get Lost
5. Face to the Highway
6. Pay Me
7. Back in the Crowd
8. Bad As Me
9. Kiss Me
10. Satisfied
11. Last Leaf
12. Hell Broke Luce
13. New Year's Eve


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