"Die mp3-Datei an sich ist schon sehr herzlos irgendwie" – Tua im motor.de-Interview

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Zu hip für die Rap-Heads, zu prollig für die Nerds. Tua war schon immer eine Ausnahmeerscheinung im deutschen HipHop. Mit der "Raus EP" geht er trotzdem konsequent weiter seinen eigenen Weg und punktet damit auf ganzer Linie.

Was sich schon vor ein paar Wochen mit der als Free Download angebotenen "(R)Evigila EP" andeutete, wird nun Gewissheit: Tua lässt mit der "Raus EP" seine Rap-Wurzeln weit hinter sich. Bereits im Titeltrack reimt zum Breakbeat-Gewitter: "Scheiß drauf, ob ich morgen aufwach / Für mich zählt nur jetzt und hier / Schön, dass ihr gut auf euch aufpasst / Nur bleibt weg von mir / Ich muss hier raus – raus – raus – raus – raus!"

Bei "Moment" singt(!) er erst zu ruhigen Pianoklängen, um dann in minimalistische Dubstep-Welten und Klang-Schnipsel überzugehen. Zum Teil verzichtet Tua bei seinen elektronisch gehaltenen Konstruktionen sogar völlig auf Gesang oder verwendet nur wenige Zeilen ("Warum kann ich meinen mp3-Player nicht lauter machen? Ich will diese Welt nicht hören!"). Bruch in der Bio? Keineswegs! Denn als er 2005 sein Debütalbum "Nacht" über das Berliner Raplabel Royal Bunker veröffentlichte, war er schon da das graue Schaf der Familie. Einerseits zerlegte er die Konkurrenz mit Schnellfeuerreimen, andererseits rappte er auch mal gesellschaftskritisch für mehr Solidarität oder über den Verlust der Familie und sampelte mal orientalische Klänge, mal Hildegard Knef.

Schon da zeichnete sich ab, dass das Produzieren ungewöhnlicher Musik mindestens genauso wichtig für ihn war, wie das Rappen. 2008 überraschte er dann damit, dass er sich mit Maeckes, Plan B und Kaas zur durchgeknallten Spaß-Combo Die Orsons zusammenschloss. Es folgte ein Labelwechsel zu Deluxe Records und das zweite Album "Grau". Als auch der Laden dicht gemacht wurde, ging es zu Chimperator, wo er seine Heimat gefunden haben dürfte. Denn hier kann er seine Leidenschaft ausleben, Schubladen zu sprengen.

motor.de: Beim Song "5 Sekunden" von deinem Debüt "Nachts" hast du über einen Autounfall gerappt. Im Video zum neuen Stück "Moment" zeigst du eine solche Katastrophe. Ist das einfach eine gern verwendete Metapher für dich oder verbindest du damit persönliche Erfahrungen?

Tua: Ich habe solche Erfahrungen gemacht. Gerade "5 Sekunden" beschreibt im Grunde eins zu eins, was uns damals passiert ist. Bei "Moment" ging es mir persönlich aber eher um etwas anderes. Ich beschreibe einen perfekten Moment, wie zum Beispiel eine Geburt, aber letztendlich soll sich jeder Hörer da sein eigenes Ding rausziehen. Das finde ich am besten.

motor.de: Ein Stück auf "Raus" heißt "Menetekel". Da es ein Instrumental ist, bleibt die Frage, vor welchem drohenden Unheil es warnt?

Tua: Ich hab das schon auf meinen letzten Veröffentlichungen gemacht, dass ich zu den Pianostücken auf meinen Platten immer einen Text – eine Art Kurzgeschichte – ins Booklet schreibe. Das gehört zusammen und sorgt sozusagen für den Textinhalt. Das Menetekel in dem Text warnt den Erzähler vor der kommenden Leere.



motor.de: Deine Texte sind häufig eher pessimistisch. Die Welt ist in deinen Texten, Bildern und Videos meist kalt und grau. Ist Berlin da im Vergleich zu Reutlingen ein Schritt vom Regen in die Traufe?

Tua: Ich würde nicht unterschreiben, dass meine Texte dringend pessimistisch sind. Sie sind sicher fast immer nachdenklich, aber nicht unbedingt negativ. Ich glaube, ich kann mir in Reutlingen, Berlin oder sonst wo auf der Welt gleich viele Gedanken über alles machen. Aber Berlin gefällt mir wirklich sehr gut. Allein was hier an kreativen Leuten durch die Gegend rennt, ist der Hammer. Ich genieße es hier zu sein und feiere die Stadt jeden Tag aufs Neue.



Tua - "Raus EP" (Snippet)

motor.de: Bei den Remixen auf der "(R)Evigila EP" sind die Originaltexte deines "Evigila"-Albums mit Vasee fast gar nicht mehr vorhanden. Geht dadurch nicht ein großer Teil der Botschaft verloren?

Tua: Bei "(R)Evigila" ging es uns nicht mehr um die Botschaft an sich, sondern vor allem um den Sound und die Ideen von Leuten, die wir gut finden. Mal sehen, was wir nächstes Jahr um die Zeit auspacken.


motor.de: Viele Sachen gibt es bei dir auch als kostenfreien Download. Rechnet sich das für dich?

Tua: Ja und Nein. Sicher würde ich auf die Schnelle mehr Geld verdienen, wenn ich alles regulär releasen würde, aber da ich echt eine Menge Output habe, ist das für mich kaum vernünftig zu stemmen – ich meine, irgendwelche Ideen zur Vermarktung umsetzen und dergleichen. Daher würde dann ständig Musik von mir auf meiner Festplatte verschimmeln und nie jemanden erreichen. Das ist für mich keine Lösung. Außerdem zahlt es sich schlussendlich doch aus, wenn mehr Leute auf meine Musik stoßen, ich größere Gigs spielen kann und so weiter. Oft habe ich auch so einen Song fertig und merke schon, dass das schwierig wird, den konzeptionell in eines meiner Projekte einzubauen, die ich gerade am Laufen habe. Bevor ich dann zwei Jahre warte und den Song dann sicher scheiße finde und niemals veröffentliche, hau ich das Ding doch schnell raus. Und ich finde es ja auch super, so eine kurze Distanz zwischen mir im Studio und dem Hörer zu haben. Wie geil ist es bitte, wenn ich morgens aufwache, eine Idee habe und am selben Abend hören tausende Leute das Ergebnis und geben mir Feedback darauf.

motor.de: Du veröffentlichst viel auf EPs und als exklusive Einzelstücke. Ist das Album als Format für dich überholt?

Tua: Nein, ich finde Alben super. Die "Raus EP" ist ja auch eher der Bezeichnung nach eine EP und mit zehn Stücken könnte man da auch ungestraft Album dazu sagen. Aber derzeit habe ich eben mehr Bock darauf, einem Konzept fünf bis zehn Tracks lang zu folgen als 15. Mit der EP habe ich auch etwas gefunden, was mir die Möglichkeit gibt Konzepte, die mir auf Albumlänge zu anstrengend wären – sagen wir (ohne etwas anzukündigen), eine reine Piano- oder Fieldrecording-Veröffentlichung – durchzuziehen. Mal sehen, worauf ich als nächstes Bock habe. Wirklich überholt ist, wie ich finde, die CD als Medium. Ich bin echt gespannt, was als nächstes kommt. Wäre schön, wenn es auch etwas wäre, was man in den Händen halten kann und was die Fläche bietet, ein Artwork dazu zu basteln. Die mp3-Datei an sich ist schon sehr herzlos, irgendwie.



motor.de: Warum erscheint die "Raus EP" physisch nur in limitierter Auflage?

Tua: Einmal, weil wir keine allzu große Welle mehr machen wollten, bevor die Orsons allesamt solo das Feld für die Gruppe räumen. Und schlichtweg deshalb, weil wir nicht dachten, dass das nun doch so vielen Leuten gefällt.

motor.de: Durch die Instrumentalmusik erhälst du Feedback weitüber die deutschsprachige HipHop-Szene hinaus. Macht sich das im Booking bemerkbar?

Tua: In Zukunft hoffentlich, aber bisher habe ich ja noch nicht so richtig viel in der Richtung gemacht. Bookings rund um die Welt sind aber definitiv ein Traum für jeden Künstler. Klar, dass ich da sehr viel Bock drauf habe.



Tua - Making of "mp3-Player"


motor.de: Du wirst bei den Orsons als der große Badboy gehandelt, Alkoholiker und aggressiv. Ist diese Rollenzuteilung realistisch, witzig oder schwierig?


Tua: Die Rolle stimmt schon recht genau mit der Realität überein. Also ich muss mich da nicht verstellen oder so.



motor.de: Herbert Grönemeyer nimmt die Orsons ab Mitte Mai mit auf Tour. Siehst du das als Ehre, Herausforderung oder ganz locker?

Tua: Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung und große Ehre für uns. Aber ich freu mich sehr darauf und sehe natürlich, dass das auch eine gute Möglichkeit für uns ist, neue Leute von uns zu überzeugen.


Holger Muster



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