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Krautrock scheint aus Sicht der 00er Jahre weit zurückzuliegen. Doch dass der Einfluss dieser Musik bis in die heutige Zeit reicht, beweist die Compilation „Masters & Echoes“.

Amon Düül II

Dass Engländer einen speziellen Humor haben, dürfte hinlänglich bekannt sein. Somit verwundert es auch nicht, dass die Bezeichnung Krautrock – obwohl eine genuin deutsche Musikrichtung – auf der Insel von der dortigen Musikpresse erdacht wurde. „Kraut“ (abgeleitet von Sauerkraut) war eigentlich im Zweiten Weltkrieg eine abwertende Bezeichnung für Deutsche und speziell deutsche Soldaten. Der eigentlich humoristisch gemeinte Term Krautrock für Musik aus (West-)Deutschland Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre wurde bald zu einer Markenbezeichnung für experimentelle, progressive Rockbands, die auch elektronische Elemente integrierten – lange vor Electroclash, Nu Rave, Indietronics und anderen kurzlebigen Genres.

Doch trotz des einschließenden Begriffs war Krautrock in sich heterogen. Die Einflüsse der Bands reichten von Free Jazz und Ethnosounds bis zu Psychedelia und moderner E-Musik (Karlheinz Stockhausen). Gemein war den meisten Vertretern die Benutzung der damals neuartigen Synthesizer. Diese Bandbreite bildet die vorliegende Compilation gut ab. Unterteilt in einen „Masters“- und einen „Echoes“-Teil zeigt sie den Beginn der Originalbands bis zu ihrem Widerklang in aktueller Musik.



Die „Masters“-CD beginnt mit einem relativ traditionellen Stück von Guru Guru, dass wie eine Mischung aus Country-Rock und den Beatles zur „Sgt. Pepper“-Phase klingt. La Düsseldorfs „Silver Cloud“ erweist sich danach schon als deutlich elektronischer (und ist vollständig instrumental gehalten). Bei diesem Song wie auch bei Faust zeigt sich, was viele andere Stücke auszeichnet: die perkussive Repetition. Dies spiegelt auch Embryos „You Don’t Know What’s Happening“ wider, das stark auf Afrobeats und orientalische Einflüsse setzt – ähnlich wie das Amon-Düül-II-Stück „Kanaan“. Neu! als mit die wichtigsten Vertreter des Genres dürfen natürlich auch nicht fehlen. „Seeland“ ist ein stark psychedelischer Song, der durch vorherrschende Reduktion zu glänzen weiß. Hier sind schon starke Anklänge an das erkennbar, was ab Ende der 70er als (moderner) Ambient (z.B. Brian Eno) bezeichnet werden wird. Der alles überwältigende Track ist allerdings Klaus Schulzes 24-minütiges „Floating“, dessen Titel Programm ist: wie ein ruhiger Fluss mäandert der elektronische Song dahin und verweist durch das verweben verschiedener Soundsnippets schon ein wenig auf die spätere DJ-Kultur.



Womit wir in der Jetzt-Zeit und den Krautrock-„Echoes“ angekommen wären. Wie schon die „Masters“ sind auch ihre Epigonen heterogen aufgestellt. Ob eher klassische Rockinstrumentierung oder rein elektronische Acts, die Bandbreite ist groß. Mehr in die rockige Ecke gehören Gravenhurst und die Secret Machines, bei denen vor allem die rhythmische Repetition an die Originale erinnert. Rein elektronisch geht es dagegen bei den New Yorkern LCD Soundsystem zu, bei denen der Einfluss eher in den Synthesizer-Sounds zu erkennen ist. Sowohl das perkussive als auch das Synthie-Element verbinden Fujiya & Miyagi in „Electro Karaoke“. Doch auch bei den „Echoes“ hätte man noch einige bekannte, von Krautrock beeinflusste Bands ergänzen können, insbesondere Sonic Youth und Wilco.



Die direkte Gegenüberstellung von Original-Krautrockern und heutigen, bekannte Acts zeigt, wie einflussreich das Genre auch für aktuelle Musik ist – und dass die alten Songs nichts von ihrer Faszination verloren haben. Außerdem wird klar, dass die zum damaligen Zeitpunkt international marginalisierte deutsche Popmusikszene durch Krautrock wieder Anerkennung ernten konnte – wenn auch im Ausland mehr als im Inland. Durch die Einbindung von – ein eigentlich böses Wort, hier aber eindeutig positiv gemeint – weltmusikalischen Einflüssen wurde die musikalische deutsche Kleingeisterei vitalisiert und modernisiert. Und somit ist aus Krautrock doch noch eine charmante Bezeichnung geworden. Es hätte außerdem noch schlimmer kommen können. Denn wie würde bitteschön „Bratwurstrock“ klingen?

P.S.: Dass allerdings eine sich „Masters“ nennende Werkschau auf zwei der einflussreichsten Bands, Can und Tangerine Dream verzichtet, ist enttäuschend – auch wenn es eventuell mit Lizenzierungsproblemen zusammenhängt.

Eric Bauer

VÖ: 18.12.09

Label: Stereo Deluxe

Tracklist:
Disk: 1
1. Guru Guru – 200 Cliches
2. La Düsseldorf – Silver Cloud
3. Michael Rother - Katzenmusik 8
4. Embryo –You Don't Know What's Happening
5. Neu! - Seeland
6. Kraan – Andy Nogger
7. Amon Düül ll – Kanaan
8. Thirsty Moon - It Was Love
9. Faust - It's a Rainy Day (Sunshine Girl)
10. Agitation Free – A Quiet Walk
11. Klaus Schulze – Floating

Disk: 2
1. Gravenhurst - The Velvet Cell
2. Stereolab – Metronomic Underground
3. LCD Soundsystem – Tribulations
4. To Rococo Rot – Mit Dir In Der Gegend
5. Fujiya & Miyagi - Electro Karaoke
6. Secret Machines – Now Here is Nowhere
7. White Rainbow - Warm Clicked Fruit
8. Jesus And Mary Chain – Mushroom
9. The Horrors -Sea Within A Sea
10. Terranova – Das Plan
11. International Pony – Gothic Girl (LP Version)
12. Cloudland Canyon - Krautwerk
13. John Frusciante – 23 Go In To End
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Augsburg
Augsburg vor 799d 22h 

Zum Thema Krautrock empfehle ich übrigens die exzellente BBC-Doku "Kraurock - The Rebirth Of Germany". 

Leider derzeit nur noch in Einzelteilen bei YouTube zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=3B89-69icyc

Mehr infos gibts ansonsten natürlich bei der BBC selbst: http://www.bbc.co.uk/programmes/b00nf10k

 

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