Wenn sich Türen öffnen

Alben von William Fitzsimmons

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Einen Tag vor seinem ausverkauften Konzert im Berliner Berghain beeindruckt William Fitzsimmons durch Authentizität, Offenheit und einen Wunsch, an dessen Erfüllung er schon näher dran zu sein scheint, als er denkt.

Einen Einblick in die Wirren einer menschlichen Seele zu erhaschen, fällt mitunter schon schwer genug, wenn es um nahestehende Personen aus dem eigenen Umfeld geht. Befasst man sich mit der Philosophie, den Wünschen, Träumen und Zielen eines Menschen, der einem zudem völlig fremd ist, scheint dieses Unterfangen – zumal unter Zeitdruck – schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es sei denn, der Gegenüber heißt William Fitzsimmons.

Ein Mann, dessen bewegende Biografie schon genügend Stoff bietet, um ganze Gazetten zu füllen: Als jüngster Sohn blinder Eltern durchlebte er schon früh eine häusliche Kommunikationsebene, die einem wohl nur zuteilwerden kann, wenn die visuelle Komponente gänzlich fehlt. Musik diente als verbindende Orientierungsbrücke im Hause Fitzsimmons. Das autodidaktische Erlernen diverser Musikinstrumente war die Folge seiner erlebten Kindheit. Die Scheidung seiner Eltern während seiner Jugendjahre, seine intensive Arbeit als studierter Psychotherapeut und die schmerzhafte Trennung von seiner Frau vor einigen Jahren hinterließen tiefe Narben im Seelenleben von William Fitzsimmons und machten die dunkle Seite des Lebens zu seinem ständigen Begleiter.

William Fitzsimmons - "If You Would Come Back Home"


Seine Musik hilft ihm dabei, die Dämonen seiner Vergangenheit im Zaum zu halten, indem er sich ihnen stellt und die Menschen mit schonungsloser Offenheit an seinen Erlebnissen teilhaben lässt: „Es geht darum, zu helfen, zu verstehen und im Idealfall auch zu heilen“, so der Mann mit dem wohl beneidenswertesten Bartwuchs seit Billy Gibbons. Für ihn gehe es im Leben eher um die Schattenseiten des Daseins, die sich in authentischster Weise in seiner Musik und vor allem seinen Texten wiederspiegeln: "Das Leben besteht nun mal aus Problemen. Ich habe gerade während meiner praktizierenden Zeit unzählige Menschen getroffen, die sich schwer taten, ihre inneren Konflikte nach außen zu tragen. Ich versuche Türen zu öffnen. Für mich und vielleicht auch für andere.“

Eines seiner Lieblingszitate stammt von Ani DiFranco, die einst sagte: „Warum soll ich einen Song schreiben, wenn ich glücklich bin?“ Natürlich strebe er auch nach innerstem Frieden und Glückseligkeit, doch das hätte zur Folge, dass er keine Inhalte mehr für seine Musik hätte. Die Traurigkeit und die Hoffnung auf Besserung als Inspiration: „Ich würde wahrscheinlich keine Musik mehr machen, da bin ich ziemlich sicher. Ich hätte das Gefühl, nichts mehr mitteilen zu können.“

Doch William ist bei weitem kein Mensch, der zum Lachen in den Keller geht. Das macht mitunter sein Erscheinungsbild und seine Persönlichkeit so einzigartig und faszinierend für Außenstehende. Seine Mundwinkel ziehen sich im Gespräch, und sei das Thema gerade noch so düster, öfter nach oben als nach unten. Er lacht gerne und wer ihn schon mal live erleben durfte, der fühlt sich nicht nur musikalisch auf höchstem Level berieselt, sondern auch humoristisch bestens unterhalten: „Es geht mir auf der Bühne nicht darum, dem Klischee des ernsten Musikers gerecht zu werden, nur weil meine Musik vielleicht nicht zwingend zum Tanzen einlädt. Es steckt viel Hoffnung in meinen Texten. Die kannst du nur transportieren wenn du „du selbst“ bist und dich öffnest.“ Für den sympathischen Ausnahmekünstler sei es keineswegs schwer, die intimsten Gedanken mit einem fremden Publikum zu teilen. Diese Eigenschaft verdanke er zum Großteil seiner Arbeit als Psychotherapeut, in der gelernt hat, offen mit Problemen jeglicher Art umzugehen.

William Fitzsimmons lebt die Maxime der Hoffnung, der Zuversicht und des Verstehens. Er hat gelernt, sich von jeglichen Vorurteilen zu befreien und weilt gerne an Orten und gemeinsam mit Menschen, die ihm wohlgesonnen sind. Wie beispielsweise in Deutschland: „Ich glaube, wir waren schon vier oder fünfmal hier und jedes Mal fühle ich mich wie zuhause. In Deutschland habe ich das erste Mal außerhalb der Staaten gespielt. Ich mag die Landschaften, die Gebäude und vor allem die Menschen. Ich wurde hier immer gut behandelt. Und wer mag es nicht, gut behandelt zu werden?“, sagt er und verzieht wieder die, unter seinem mächtigen Bart kaum zu erkennenden, Mundwinkel zu einem sympathischen Lächeln.

William Fitzsimmons Tourdokumentation "Finding Home"


Doch neben der Gastfreundschaft, bietet das Land dem 32-jährigen Songwriter noch etwas, was er in seiner Heimat schwer vermisst und sich hierzulande während einer Tour zunutze macht: „Ich liebe es, an ungewöhnlichen Orten zu spielen. Sei es in Burgen, Schlössern oder auch Kirchen. 1000 Jahre alte Bauwerke findest du bei uns relativ selten und hier stehen sie fast an jeder Ecke. Es gibt mir die Möglichkeit, meiner Musik einen besonderen Hintergrund zu verleihen. In Europa und gerade auch hier in Deutschland habe ich öfters die Wahl zwischen einem verrauchten Club und einer historischen Kathedrale. Das ist fantastisch.“ Man nimmt ihm jedes Wort seiner Schwärmerei ab. Nicht mal im Ansatz käme man auf den Gedanken, hier ginge es um effektvolles Promo-Geplaudere. Selten trifft man Menschen, die eine derart ehrliche Aura versprühen.

Die Zeit drängt, und so sprechen wir zum Ende noch kurz über sein neuestes Schaffen, welches unter dem Titel „Gold In The Shadow“ Ende März das Licht der Welt erblicken wird. Seine Biografie habe ihn natürlich geprägt, und dennoch sei er ein Freund der Entwicklung, weiß der schlaksige William zu berichten. Demnach bietet sein neues Album eine musikalische und inhaltliche Umkehr: „Es ist definitiv positiver. Heilung ist wahrscheinlich das zutreffendste Wort, wenn es darum geht, „Gold In The Shadow“ zu beschreiben.“

William Fitzsimmons - "The Tide Pulls From the Moon"


Zu guter Letzt stellt sich noch die Frage, inwieweit sein letztes Werk „The Sparrow And The Crow“, welches als eine Art Ode an seine Ex-Frau gerichtet war, die Beziehung zwischen ihm und seiner geschiedenen Frau verändert hat: „Die Botschaften waren wichtig. Wie ein Brief mit Dingen, die ich ihr während unserer Beziehung nicht habe sagen können. Das Album hat Türen geöffnet. Für sie und für mich. Das ist und war schon immer mein Anliegen. Früher als Therapeut und auch jetzt als Musiker. Ich will einfach nur Türen öffnen“. Vorn am Eingang des Bereiches, in dem wir sitzen, warten bereits die nächsten ungeduldigen und neugierigen Journalisten. Als ich an ihnen vorbeigehe, verspüre ich einen leichten Windhauch, während sich die Tür zum Außenbereich des Hotels wie von Geisterhand einen Spalt breit für mich öffnet.


Kai Butterweck



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claudius.glöckner
claudius.glöckner vor 478d 11h 

 da fällt mir das Zitat meiner Stiefoma ein:

Wenn eine Tür zugeht, geht irgendwo eine andere auf ;)

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