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Wir sind Helden
Wir sind Helden: "Ich hatte nicht den Eindruck, dass einer von uns großes Leid in sich trägt" - Wir sind Helden im Interview
Mark Tavassol spricht über seine neue Rolle in der Band, wie ein "Idioten-Banjo" funktioniert und warum das Einspielen einer dunkleren Platte nichts mit der eigenen Stimmung zu tun hat.

Pola Roy, Mark Tavassol, Judith Holofernes und Jean-Michel Tourette (v.l.n.r.)
Nach drei Alben in vier Jahren gönnten sich Wir sind Helden erstmals seit 2008 eine richtige Auszeit. Zwar konnten Sängerin Judith Holofernes und Schlagzeuger Pola Roy auf der letzten Tour Familie und Beruf wunderbar verbinden, indem sie ihren gemeinsamen Sohn einfach überall hin mitnahmen, aber danach brauchten sie erst einmal etwas Entspannung. Vielleicht lautet deswegen auch auf dem neuen Album 'Bring Mich Nach Hause' der allerletzte Satz: "Es gibt nichts, was wir tun könnten, außer uns auszuruhen".
Doch keine Sorge, davor gibt das Quartett unter der Regie vom englischen Produzenten Ian Davenport (u.a. Supergrass, Badly Drawn Boy, Athlete, Band of Skulls) ordentlich Gas. Schon die Single 'Alles' zeigte, dass Wir sind Helden nichts verlernt haben: treibender Sound, sozialkritische Lyrics - und dazu ein Video, in dem sich die Band durch ein unwegsames Feuchtgebiet kämpft.
Auf 'Bring Mich Nach Hause' präsentieren sich die Helden vielseitig wie lange nicht mehr. Inhaltlich geht es in den mehrschichtigen Songtexten entsprechend bunt zu. 'Die Ballade Von Wolfgang Und Brigitte' erzählt die Geschichte eines ungleichen Paares auf der Suche nach Liebe. Dem eher pessimistischen Ausdruck, es sei fünf vor zwölf, gewinnen Wir sind Helden eine positive Wendung in '23.55: Alles Auf Anfang' ab.
'Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt' ist nicht nur ihr längster Songtitel, sondern auch eine schöne melancholisches Piano-Stück. Und 'Im Auge Des Sturms' handelt von einer Beziehung, die selbst vor äußeren Einflüssen wie Wind und Wetter schützt. 'Bring Mich Nach Hause' ist ein Album, das unterhält, zum Nachdenken anregt und vor allem Mut macht.
Musikalisch wird dazu alles aufgefahren, was im Studio greifbar war: Banjo, Akkordeon, Glockenspiel, eine arabische Laute und ein wildes Sammelsurium an Percussion-Geräten. Wie es dazu kam, warum das neue Album vielleicht etwas dunkler wirken könnte und welche Bedeutung seine Seitenprojekte für ihn haben, erklärt Bandmitglied Mark Tavassol hier im Interview.
motor.de: Mark, du bist der Bassist der Band. Beziehungsweise warst es, denn für das neue Album habt ihr ja Jörg Holdinghausen von Tele mit ins Boot geholt. Als was würdest du dich denn jetzt bezeichnen?
Mark: Stimmt, das war vorher die einfachere Bezeichnung. Ich würde sagen, ich bin einfach Bandmitglied - und Gitarrist. Aber im Grunde ist jetzt gerade beim Proben das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel an der Tagesordnung. Durch die Überlegung, die Platte live einzuspielen und sie dann auch in anderer Besetzung live auf die Bühne zu bringen, wussten wir schon vor der Produktion, dass wir einen Gastmusiker brauchen würden. Erst war die Überlegung, einen Gitarristen zu suchen. Aber da ich auch viel auf der Gitarre schreibe und spiele, gab es die Idee, dass wir auch einen Bassisten holen könnten. Ich fand es gut, das mal auszuprobieren.
Wir Sind Helden - "Alles"
motor.de: Jetzt habt ihr aber auch ganz andere Instrumente gespielt wie zum Beispiel das Banjo. Nehmt ihr die alle mit auf Tour?
Mark: Wie das dann aussieht, weiß ich noch nicht. Ich werde erst mal meine ganzen Visitenkarten einstampfen, auf denen 'Bassist' steht. Doch Spaß beiseite - natürlich habe ich gar keine Visitenkarten. Jean und ich haben beide viele Sachen ausprobiert. Er hat zum Beispiel auch Akkordeon gespielt. Wir haben es drauf ankommen lassen und uns hier für eine Veränderung entschieden.
motor.de: Wie ist es denn, als Bassist ein Banjo zu spielen?
Mark: Das ist schon was anderes. Wir haben aber natürlich das sechssaitige "Idioten"-Banjo verwendet. Das ist von vornherein eher gestimmt wie eine Gitarre. Das klassische Banjo wird auch mit der Picking-Technik gespielt, das heißt die einzelnen Töne werden raus gezupft. Ich hab es eher wie eine Gitarre verwendet. Es ging uns aber auch weniger um das Spielen an sich als um den Klang.
motor.de: Du hast vorab gesagt, dass du dir vorstellen kannst, dass dieses Album vielen Hörern melancholischer und dunkler vorkommen wird. Wie bist du zu dieser Einschätzung gekommen?
Mark: Es ist immer ganz schwer, sich zu überlegen, wie es wohl ist, wenn jemand die Platte zum ersten Mal hört. Wir haben am Ende schon den Eindruck gehabt, dass es diesmal eine dunklere Platte geworden ist als die anderen. Es gab ja schon diese Tendenz bei uns, etwas von dem Verspielten wegzugehen.
motor.de: Gab es dafür einen Auslöser?
Mark: Bei uns ist es so, dass es wenig mit unserer eigenen Stimmung zu tun hat, wie die Grundstimmung einer Platte wird. Es ist eher so, dass wir 'düstere' Platten eher in unbeschwertem Gemütszustand aufnehmen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass einer von uns großes Leid in sich trägt, das sich in die Musik kanalisiert hat. Da laufen eher Mechanismen ab, bei denen wir uns selber wundern, warum jetzt etwas eher Melancholisches geschrieben wird.

Cover zur ersten Single "Alles"
motor.de: Auf dem Cover der Single 'Alles' seid ihr kaum zu erkennen. Was hat euch denn dazu bewegt?
Mark: Da habe ich sogar eine Mail von meiner Mutter zu bekommen, ob ihr Computer kaputt sei, denn sie könne nur Polas Gesicht erkennen. Das Foto bei 'Alles' stellt eine Ausnahme aus der Foto-Session für unser Artwork dar, weil dort mit der Überblendung gespielt wurde. Uns gefiel, dass da kaum was zu erkennen ist. Es ist eigentlich nur zu sehen, dass wir im Freien sind. Die Ideen dafür stammt aus den Bildern, die wir so im Kopf hatten, als wir die Texte gehört haben beziehungsweise als Judith sie geschrieben hat: Wald, draußen sein, vielleicht sogar auf der Flucht sein, nicht mehr ganz sauber zu sein. Viele der Geschichten sind ja nicht so eindeutig wie zum Beispiel 'Wolfgang Und Brigitte'. Aber die Bilder, die wir uns bei den Songs vorstellen, kamen dann auch beim Artwork zum Tragen.
motor.de: Wie hast du eigentlich die lange Auszeit genutzt?
Mark: Ich habe verschiedene Sachen gemacht in den letzten drei Jahren. Ich habe zum Beispiel mit einem Sänger gearbeitet, der gerade seine ersten Demos aufnimmt und sich 'Tico Singt Weiter' nennt. Mit Ingo Pohlmann habe ich auch mal Sachen geschrieben. Wir haben uns einfach super verstanden. Er wohnt fast bei mir um die Ecke. Mit der Trinkwasser-Initiative Viva Con Agua waren wir beide auf Madagaskar, um uns anzuschauen, wie die Hilfsprojekte vorankommen. So was sind für mich Steckenpferde. Die Tatsache, dass ich mit Wir Sind Helden nicht nur Leidenschaft verbinde, sondern auch meine Brötchen verdiene, kann ich andere Projekte einfach aus Spaß machen. So ähnlich geht es Pola mit seinem Projekt Per Anders. Wir machen einfach, worauf wir Lust haben.
Holger Muster
Tourdaten:
17.10. Paradiso, Amsterdam
18.10. Den Atelier, Luxemburg
19.10. Große Freiheit 36, Hamburg
21.10. Phönix Halle, Mainz
22.10. Liederhalle-Bethovensaal, Stuttgart
24.10. Heinrich-Lades-Halle, München
26.10. C-Halle, Berlin
28.10. Ringlokschuppen, Bielefeld
29.10. Haus Auensee, Leipzig
31.10. E-Werk, Köln
01.11. E-Werk, Köln
02.11. Westfalenhalle 2, Dortmund
11.11. Arena, Wien
13.11. Posthof, Linz
14.11. Orpheum, Graz
16.11. Kaufleuten, Zürich
17.11. Bierhübeli, Bern

Pola Roy, Mark Tavassol, Judith Holofernes und Jean-Michel Tourette (v.l.n.r.)
Nach drei Alben in vier Jahren gönnten sich Wir sind Helden erstmals seit 2008 eine richtige Auszeit. Zwar konnten Sängerin Judith Holofernes und Schlagzeuger Pola Roy auf der letzten Tour Familie und Beruf wunderbar verbinden, indem sie ihren gemeinsamen Sohn einfach überall hin mitnahmen, aber danach brauchten sie erst einmal etwas Entspannung. Vielleicht lautet deswegen auch auf dem neuen Album 'Bring Mich Nach Hause' der allerletzte Satz: "Es gibt nichts, was wir tun könnten, außer uns auszuruhen".
Doch keine Sorge, davor gibt das Quartett unter der Regie vom englischen Produzenten Ian Davenport (u.a. Supergrass, Badly Drawn Boy, Athlete, Band of Skulls) ordentlich Gas. Schon die Single 'Alles' zeigte, dass Wir sind Helden nichts verlernt haben: treibender Sound, sozialkritische Lyrics - und dazu ein Video, in dem sich die Band durch ein unwegsames Feuchtgebiet kämpft.
Auf 'Bring Mich Nach Hause' präsentieren sich die Helden vielseitig wie lange nicht mehr. Inhaltlich geht es in den mehrschichtigen Songtexten entsprechend bunt zu. 'Die Ballade Von Wolfgang Und Brigitte' erzählt die Geschichte eines ungleichen Paares auf der Suche nach Liebe. Dem eher pessimistischen Ausdruck, es sei fünf vor zwölf, gewinnen Wir sind Helden eine positive Wendung in '23.55: Alles Auf Anfang' ab.
'Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt' ist nicht nur ihr längster Songtitel, sondern auch eine schöne melancholisches Piano-Stück. Und 'Im Auge Des Sturms' handelt von einer Beziehung, die selbst vor äußeren Einflüssen wie Wind und Wetter schützt. 'Bring Mich Nach Hause' ist ein Album, das unterhält, zum Nachdenken anregt und vor allem Mut macht.
Musikalisch wird dazu alles aufgefahren, was im Studio greifbar war: Banjo, Akkordeon, Glockenspiel, eine arabische Laute und ein wildes Sammelsurium an Percussion-Geräten. Wie es dazu kam, warum das neue Album vielleicht etwas dunkler wirken könnte und welche Bedeutung seine Seitenprojekte für ihn haben, erklärt Bandmitglied Mark Tavassol hier im Interview.
motor.de: Mark, du bist der Bassist der Band. Beziehungsweise warst es, denn für das neue Album habt ihr ja Jörg Holdinghausen von Tele mit ins Boot geholt. Als was würdest du dich denn jetzt bezeichnen?
Mark: Stimmt, das war vorher die einfachere Bezeichnung. Ich würde sagen, ich bin einfach Bandmitglied - und Gitarrist. Aber im Grunde ist jetzt gerade beim Proben das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel an der Tagesordnung. Durch die Überlegung, die Platte live einzuspielen und sie dann auch in anderer Besetzung live auf die Bühne zu bringen, wussten wir schon vor der Produktion, dass wir einen Gastmusiker brauchen würden. Erst war die Überlegung, einen Gitarristen zu suchen. Aber da ich auch viel auf der Gitarre schreibe und spiele, gab es die Idee, dass wir auch einen Bassisten holen könnten. Ich fand es gut, das mal auszuprobieren.
Wir Sind Helden - "Alles"
motor.de: Jetzt habt ihr aber auch ganz andere Instrumente gespielt wie zum Beispiel das Banjo. Nehmt ihr die alle mit auf Tour?
Mark: Wie das dann aussieht, weiß ich noch nicht. Ich werde erst mal meine ganzen Visitenkarten einstampfen, auf denen 'Bassist' steht. Doch Spaß beiseite - natürlich habe ich gar keine Visitenkarten. Jean und ich haben beide viele Sachen ausprobiert. Er hat zum Beispiel auch Akkordeon gespielt. Wir haben es drauf ankommen lassen und uns hier für eine Veränderung entschieden.
motor.de: Wie ist es denn, als Bassist ein Banjo zu spielen?
Mark: Das ist schon was anderes. Wir haben aber natürlich das sechssaitige "Idioten"-Banjo verwendet. Das ist von vornherein eher gestimmt wie eine Gitarre. Das klassische Banjo wird auch mit der Picking-Technik gespielt, das heißt die einzelnen Töne werden raus gezupft. Ich hab es eher wie eine Gitarre verwendet. Es ging uns aber auch weniger um das Spielen an sich als um den Klang.
motor.de: Du hast vorab gesagt, dass du dir vorstellen kannst, dass dieses Album vielen Hörern melancholischer und dunkler vorkommen wird. Wie bist du zu dieser Einschätzung gekommen?
Mark: Es ist immer ganz schwer, sich zu überlegen, wie es wohl ist, wenn jemand die Platte zum ersten Mal hört. Wir haben am Ende schon den Eindruck gehabt, dass es diesmal eine dunklere Platte geworden ist als die anderen. Es gab ja schon diese Tendenz bei uns, etwas von dem Verspielten wegzugehen.
motor.de: Gab es dafür einen Auslöser?
Mark: Bei uns ist es so, dass es wenig mit unserer eigenen Stimmung zu tun hat, wie die Grundstimmung einer Platte wird. Es ist eher so, dass wir 'düstere' Platten eher in unbeschwertem Gemütszustand aufnehmen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass einer von uns großes Leid in sich trägt, das sich in die Musik kanalisiert hat. Da laufen eher Mechanismen ab, bei denen wir uns selber wundern, warum jetzt etwas eher Melancholisches geschrieben wird.

Cover zur ersten Single "Alles"
motor.de: Auf dem Cover der Single 'Alles' seid ihr kaum zu erkennen. Was hat euch denn dazu bewegt?
Mark: Da habe ich sogar eine Mail von meiner Mutter zu bekommen, ob ihr Computer kaputt sei, denn sie könne nur Polas Gesicht erkennen. Das Foto bei 'Alles' stellt eine Ausnahme aus der Foto-Session für unser Artwork dar, weil dort mit der Überblendung gespielt wurde. Uns gefiel, dass da kaum was zu erkennen ist. Es ist eigentlich nur zu sehen, dass wir im Freien sind. Die Ideen dafür stammt aus den Bildern, die wir so im Kopf hatten, als wir die Texte gehört haben beziehungsweise als Judith sie geschrieben hat: Wald, draußen sein, vielleicht sogar auf der Flucht sein, nicht mehr ganz sauber zu sein. Viele der Geschichten sind ja nicht so eindeutig wie zum Beispiel 'Wolfgang Und Brigitte'. Aber die Bilder, die wir uns bei den Songs vorstellen, kamen dann auch beim Artwork zum Tragen.
motor.de: Wie hast du eigentlich die lange Auszeit genutzt?
Mark: Ich habe verschiedene Sachen gemacht in den letzten drei Jahren. Ich habe zum Beispiel mit einem Sänger gearbeitet, der gerade seine ersten Demos aufnimmt und sich 'Tico Singt Weiter' nennt. Mit Ingo Pohlmann habe ich auch mal Sachen geschrieben. Wir haben uns einfach super verstanden. Er wohnt fast bei mir um die Ecke. Mit der Trinkwasser-Initiative Viva Con Agua waren wir beide auf Madagaskar, um uns anzuschauen, wie die Hilfsprojekte vorankommen. So was sind für mich Steckenpferde. Die Tatsache, dass ich mit Wir Sind Helden nicht nur Leidenschaft verbinde, sondern auch meine Brötchen verdiene, kann ich andere Projekte einfach aus Spaß machen. So ähnlich geht es Pola mit seinem Projekt Per Anders. Wir machen einfach, worauf wir Lust haben.
Holger Muster
Tourdaten:
17.10. Paradiso, Amsterdam
18.10. Den Atelier, Luxemburg
19.10. Große Freiheit 36, Hamburg
21.10. Phönix Halle, Mainz
22.10. Liederhalle-Bethovensaal, Stuttgart
24.10. Heinrich-Lades-Halle, München
26.10. C-Halle, Berlin
28.10. Ringlokschuppen, Bielefeld
29.10. Haus Auensee, Leipzig
31.10. E-Werk, Köln
01.11. E-Werk, Köln
02.11. Westfalenhalle 2, Dortmund
11.11. Arena, Wien
13.11. Posthof, Linz
14.11. Orpheum, Graz
16.11. Kaufleuten, Zürich
17.11. Bierhübeli, Bern
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