Blitzen Trapper: American Goldwing

Die traurigen Hymnen des Eric Earley – auf "American Goldwing" zeigen sich Blitzen Trapper vielseitiger denn je und beweisen hinter der Country-Fassade emotionalen Tiefgang.

Als vor vier Jahren "Wild Mountain Nation" erschien, stellte es auf eine seltsame Art und Weise ein musikalisches Novum dar – nichts schien zueinander zu passen, wie ein Patchwork-Teppich wirkte die Platte aus Versatzstücken zusammengesetzt. Und doch übte sie einen bizarren Reiz aus. Dank ihres skurrilen und gleichzeitig klugen Hinterwäldler-Charmes verkörperten Blitzen Trapper eine Blaupause des Country, die ihre Berechtigung in der Plattensammlung des einsamen Fernfahrers hatte und gleichermaßen dem Hölzfällerhemd und Hornbrille tragenden Pseudo-Intellektuellen gefiel. Inzwischen sind einige Jahre ins Land gegangen, am offensichtlichen Wahnsinn und der Unverfrorenheit, mit der das Sextett aus Oregon zu Werke geht, hat sich wenig geändert, dennoch zeigt "American Goldwing" eine Facette, die man so noch nicht kannte.

Blitzen Trapper – "Love The Way You Walk Away"

Das Album ist unterwandert von innerer Zerissenheit, von Selbstzweifel und Reumütigkeit – Perspektiven, die im ersten Moment unter einer Oberfläche von elegischer Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit verschwimmen. "American Goldwing" zeichnet zwei Bilder: Es ist einerseits die Bestandsaufnahme der schier unfassbaren Weite und Mannigfaltigkeit eines Kontinents, die sich in letzter Instanz im kleinsten Detail des durch die Heckscheibe strahlenden Sternenhimmels manifestiert ("Fletcher"). Ebenso zeigt es einen heimat- und rastlosen Eric Earley, der, im Angesicht rasenden Zeitempfindens, die eigene Vergänglichkeit in Form der stehen gebliebenen Uhren seiner Heimatstadt zu spüren bekommt und über die Vergangenheit nachsinnen lässt ("My Hometown").

Blitzen Trapper – "Street Fighting Sun"

Andererseits wohnt dieser bedachtsamen Sentimentalität bitterer Weltschmerz inne, der sich erst nach mehrfachem Hören entfaltet. Textzeilen wie "taking it easy ain't the easy way / after a while" entfalten behutsam eine simplifizierte Bedeutsamkeit, wie man sie nur aus Momenten rauschhafter Klarheit kennt. Da ist der nostalgische Rückblick auf eine vergangene Liebe, der auf der Kehrseite schmerzhaften Verlust offenbart ("Love The Way You Walk Away"; "Astronaut"). Verse wie "and a brand new coat of paint / on this broke down palace couldn't compensate / for the things that I never really said to make you stay / cause I love the way you walk away“ zeugen dabei von fragil melancholischer Schönheit und zeigen eine Momentaufnahme schmerzlicher Erkenntnis.

Natürlich wären Blitzen Trapper nicht Blitzen Trapper, wenn, aller Tristesse zum Trotz, nicht der ein oder andere groteske Augenblick zum Schmunzeln anregen würde. Allen voran das Finale vom Gitarren-Monolith "Street Fighting Sun", das mit brachialen Riffs an Blue Cheer erinnert, dann aber in feinster Redneck-Manier genüsslich im Maultrommel-Solo mit Banjo-Begleitung kulminiert. Und in ihrer eigenen verdrehten Weise karikiert genau das die Essenz von "American Goldwing", nämlich die emotionale Verwandtschaft von Liebe und Verlust.

Es sind die ruhigen Momente, die das Album emotionsgeladen, beinahe Dylan-esk entrückt und schwer verdaulich machen. Mit Langspieler Nummer sechs legen Blitzen Trapper ihr zweifelsohne ausgereiftestes Werk vor, was seine Zeit braucht um in voller Pracht zu erstrahlen.

Robert Henschel


: 16.09.11

Label: Sub Pop / Cargo

Tracklist:

01. Might Find It Cheap
02. Fletcher
03. Love The Way You Walk Away
04. Your Crying Eyes
05. My Home Town
06. Girl In A Coat
07. American Goldwing
08. Astronaut
09. Taking It Easy Too Long
10. Street Fighting Sun
11. Stranger In A Strange Land

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